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„Der Beischläfer“ bei Amazon : Mit diesem Schöffen geht vor Gericht nichts mehr schief

Treue Seele: Charlie Menzinger (Markus Stoll) Bild: Amazon

Bayerischer Humor: In der Amazon-Serie „Der Beischläfer“ spielt Markus Stoll einen Schöffen wider Willen, der im Dauerclinch mit seiner Richterin liegt. Da ist Gerechtigkeit kein Witz.

          2 Min.

          Wenn eine Serie besser ist, als ihr Titel spontan vermuten lässt, ist das oft schon die halbe Miete. Im Falle von „Der Beischläfer“ ist es sogar noch viel mehr. Denn bei der gleichnamigen bayerischen Produktion für Amazon Prime handelt es sich mitnichten um eine verklemmt-frivole Gigolo-Schmonzette der peinlichen Art, sondern um eine überraschend charmante Sammlung Münchner Geschichten rund um einen renitenten Schöffen und eine Richterin, die aus Berlin kommt – also preußischer nicht sein könnte. Herzig geht es zu, ein bisschen frech, nie böse, und rehäugig schaut der Titelheld in die Kamera.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Markus Stoll alias Comedian Harry G alias der Baslinger aus „Dahoam is Dahoam“ spielt den grundsympathischen, aber seit dem Tod seiner Frau in der eigenen Oldtimerwerkstatt dem Leben aus dem Weg gehenden Automechaniker Charlie Menzinger, den unverhofft zwei Polizisten zum Gericht schleifen. Er wurde als Schöffe vorgeschlagen und hat die Widerspruchsfrist verstreichen lassen. Nun sitzt er da, einer von zwei Beisitzern, die von der No-nonsense-Richterin Dr. Julia Kellermann (Lisa Bitter) abschätzig als „Beischläfer“ tituliert werden. „So nennen sie uns“, klärt der Schöffenkollege auf: Für Berufsrichter seien sie lästige Laien, die am besten Augen und Ohren zumachen und nicken sollten. Oder gleich einnicken.

          Auf die Freundschaft, ob mit Bier oder Tequila: Hallodri Xaver Holzapfel (Daniel Christensen, links), Richterin Dr. Julia Kellermann (Lisa Bitter) und Schwiegervater Paul (Helmfried von Lüttichau)

          Von wegen. Charlie Menzinger ist hellwach, ganz gleich, ob es um Kunstbetrug, Totschlag mit Bierseidel, Immobilienhaie oder Metoo-Vorwürfe geht. Er erkennt die Lücke im Gesetz: die zwischen Recht und Gerechtigkeit, welche auch für die Lücke zwischen ihm und der attraktiv kratzbürstigen Richterin steht. Auf krummen Wegen rückt er gerade, was sie korrekt, aber verkehrt, wegverurteilen würde. Und gibt der obdachlosen Neubürgerin, die im Büro haust, Tipps zur Maklerbestechung. Eigentlich sind die beiden das ideale Paar. Aber so plump, gleich darauf loszumarschieren, sind die Drehbuchautoren Murmel Clausen („Der Schuh des Manitu“) und Mike Viebrock nicht, und die Regisseurin Anna-Katharina Maier überdreht es nicht mit den Monaco-Franze-Anleihen.

          Ein ewiger Stenz ist der Menzinger Charlie sowieso nicht, sondern treue Seele, bester Freund und Schwiegersohn. Markus Stolls generös zurückhaltendes Spiel lässt Nebenfiguren glänzen: etwa den hinreißenden Hallodri Xaver Holzapfel (Daniel Christensen), der als Start-up mit „Tequila Xavier“ das große Geld machen will, aber auf Heino Ferch, gespielt von Heino Ferch, und dessen „Tequila Heino Ferch oder El Ferche“ trifft. Heraus kommt ein THC-Gesöff, Vollrausch und Stromausfall in halb München. Die Tubamusik der Band Dreiviertelblut rettet über weniger schmissige Gags hinweg, wird tröstlich, wenn es ernst wird, und am Schluss geht’s raus aufs Land. In eine zweite Staffel? Warum nicht.

          Der Beischläfer ist auf Amazon Prime Video abrufbar.

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