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Volker Kutscher im Gespräch : „Babylon Berlin“ – Unsere wilden Jahre

Man kann das wohl nicht auf den Schultern einer einzigen Figur abladen. Bruno Wolter ist sicher eine Figur, die viele Welten zusammenbringt, auch die von Charly mit der von Rath. Er ist ja nicht nur ein Bösewicht. Er ist zwar korrumpierbar und brutal, wie man anfangs sieht, er muss sich durchsetzen, aber wenn man ihn das erste Mal mit seiner Frau Emmy erlebt, wird einem warm ums Herz. Er hat auch gute Gründe für sein Verhalten. Bösewichte halten sich ja nie selbst für böse, außer vielleicht in Comics. Er kämpft in seinen Augen für eine gute Sache.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Sie haben jetzt vor allem die Leistungen der Schauspieler hervorgehoben. Aber haben Gereon und Charly im Vergleich zum Buch nicht doch deutlich andere Persönlichkeitsprofile?

Ja, Gereon zum Beispiel ist in der Serie stärker traumatisiert, weil er im Krieg war, und zwar nicht nur, wie im Roman, in der Etappe, sondern an der Front, wo er seinen Bruder zurücklassen musste. Es war mir aber auch klar, dass die Adaption keine Eins-zu-eins-Abbildung der Figuren sein würde. Ich hatte schon beim ersten Treffen mit Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten bemerkt, mit wie viel Herzblut die drei am Drehbuch arbeiteten. Als dann die Frage kam: „Wie viel Freiheit lässt du uns denn?“, habe ich gesagt: „Ich will eure Kreativität in keiner Weise einschränken, bleibt bitte dem Kern meiner Geschichte und meiner Figuren treu und erzählt dann, wie ihr wollt.“ Das haben sie gemacht. Und es funktioniert, auch wenn die Figuren zum Teil ganz anders angelegt sind. Man muss auch gönnen können, wie wir in Köln sagen, man muss loslassen. Es ist eine Interpretation, aber sie widerspricht nicht dem, was ich erzähle. Eine Adaption darf frei mit der Vorlage umgehen. Ich bin beeindruckt von dem, was da entstanden ist, sage mir aber gleichzeitig, dass ich aufpassen muss, weil ich mit meinem Projekt noch nicht am Ende bin. Ich habe noch drei Romane vor mir. Die Serienwelt bewegt sich teilweise in andere Richtungen, ist breiter angelegt durch die vielen Subplots, die erzählt werden. Es ist von Anfang an weniger Krimi. Bei mir hat sich das in der Reihe erst nach und nach entwickelt, dass das Krimimoment immer mehr in den Hintergrund gerät und die gesellschaftlichen und politischen Dinge nach vorne rücken.

Es gibt in Ihren Büchern eine Ebene, auf der Sie sich gar keine Freiheiten erlauben. Das ist die Rekonstruktion der Topographie Berlins in jener Zeit. Wie hat die Serie die technische und visuelle Herausforderung, die darin liegt, bewältigt?

Volker Bruch als Gereon Rath

Es ist atmosphärisch völlig stimmig. Wenn man es ganz genau nimmt, aber ich bin nicht ein solcher Erbsenzähler, sah der Alexanderplatz 1929 noch nicht so aus wie im Film, weil Berolina- und Alexanderhaus noch nicht gebaut waren, im Roman ist von der Baustelle die Rede, fertig wurden sie aber erst 1931/32. Doch der Look ist überzeugend, es ist das Berlin jener Jahre. Man hat auch gute Doubles gefunden. Statt des Polizeipräsidiums, der Roten Burg, die nicht mehr steht, hat man das Rote Rathaus genommen, weil es dieselbe Backstein-Neorenaissance-Fassade hat. Und sehr liebevoll die Türmchen des Präsidiums hineinkopiert. In „Babylon Berlin“ spürt man in jedem Bild die Liebe zu der Stadt und das Gespür für das Besondere an ihr. Da kann ich leicht über zwei Häuser am Alex hinwegsehen, die da noch nicht standen.

Was ist das für ein Eindruck, wenn man diese ganze Welt nun in Farbe sieht? Nahezu das gesamte Bildmaterial aus der Zeit, das Sie für Ihre Recherchen benutzt haben, ist ja in Schwarzweiß.

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Trailer : „Herbstsonate“

„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

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