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Serie „Munich Games“ bei Sky : Attentat im Olympiastadion

  • -Aktualisiert am

Kämpft in München an vielen Fronten: Seyneb Saleh als Maria Köhler Bild: Sky

In „Munich Games“ muss ein Anschlag auf ein deutsch-israelisches Freundschaftsfußballspiel verhindert werden. Die Serie beweist Gespür für die Geschichte.

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          Fünf Tage noch bis zum symbolisch aufgeladenen Gedenkspiel in Mün­chen. Den Männern und Frauen, die im Olympiastadion und im Hotel der israelischen Fußballmannschaft „Halutzi Tel Aviv“ für die Si­cherheit zuständig sind, kriecht allmählich die Anspannung unter die Haut. Die Veranstaltung soll an das Attentat von 1972 erinnern – an die elf israelischen Sportler, die vor fünfzig Jahren von palästinensischen Terroristen ermordet wurden, und die deutsche Polizei, deren Dilettantismus für das blutige Ende verantwortlich war. Es soll ein deutsch-israelisches Freundschaftsfest sein.

          Doch nun gibt es Hinweise auf einen Anschlag, die nicht ein Nachrichtendienstler aus Deutschland, sondern Oren Simon (Yousef Sweid), ein an der israelischen Botschaft in Berlin tätiger IT-Experte des Mossad, in einem arabischen Onlineforum entdeckt hat. Ein Filmchen in Computerspiel-Optik zeigt einen Angriff auf das Stadion. Das muss man ernstnehmen, wenn München nicht abermals ein Desaster wie am 5. September 1972 erleben soll. Orens Chef Rafi Paz (Igal Naor) informiert den Islamismus-Experten Michael Hahn (Sebastian Rudolph) vom BKA, Hahn schleppt Simon entgegen aller Vorschriften zur nächsten Sitzung des Terrorabwehrzen­trums, dann rappelt es bei BND & Co kurz im Karton.

          Hochspannend und atmosphärisch stimmig

          Und schon nimmt der israelische Analyst den Flieger zu Maria Köhler (Seyneb Saleh) nach München. Die LKA-Beamtin mit libanesischen Wurzeln ist die zweite Hauptperson der hochspannenden, atmosphärisch enorm stimmigen, von der israelischen Drehbuchautorin Michal Aviram gemeinsam mit Martin Behnke geschriebenen Serie „Munich Games“. Bei ihrem ersten Auftritt ist Köhler allerdings noch mit privaten Dingen befasst.

          Doch der Sechsteiler kommt schnell auf Betriebstemperatur. Irgendwer schafft es, hinter dem Rücken der Polizei eine Bombe im Olympiastadion zu deponieren. Ir­gendjemand bedroht Jackie Igelski (Dov Glickman), den Sohn des Holocaust-Überlebenden und Besitzer des israelischen Teams, beim Check-in im Hotel. Und als die Spürhunde in den Katakomben des Stadions anschlagen, ereignet sich eine denkwürdige Konfrontation zwi­schen Polizisten und Mitarbeitern des privaten Sicherheitsdienstes. Das Bauchgefühl sagt: Sie könnten ebenso zu den Terroristen gehören wie einige Männer im Flüchtlingsheim, die einem Jugend­lichen die Teilnahme am Klassenausflug zum Freundschaftsspiel untersagen: „Er muss lernen, wie man mit Zionisten um­geht“, sagen sie.

          Auf erste Eindrücke darf man sich bei „Munich Games“ allerdings nicht verlassen. Dafür bringt die Serienschöpferin Michal Aviram zu viel Erfahrung aus ihrer langjährigen Arbeit für „Fauda“ mit. Au­ßerdem bringt sie uns auch die Figuren so nah, wie es seit 2015 in der harten und zugleich berührend erzählten Geschichte um eine israelische Spezialeinheit und ih­re palästinensischen Zielobjekte der Fall ist.

          Es herrscht ständig Unruhe

          Der pragmatisch über deutsche Bedenkenträgerei hinwegstiefelnde Mossad-Agent Simon, dem die Verantwortung für die Sicherheit der israelischen Mannschaft nachts den Schlaf raubt, die durch die Affäre mit einem Informanten abgelenkte LKA-Frau Köhler oder der ge­schäftlich angeschlagene, von seinem Team aber wie ein Vater verehrte Vereinschef – das sind zutiefst menschliche Figuren, die ebenso gut in der nächsten Staffel von „Fauda“ auftauchen könnten.

          Und auch den Fußballspieler Abed könnte man sich in „Fauda“ vorstellen, mimte der Schauspieler Shadi Mar’i, der ihn verkörpert, dort nicht bereits den zart besaiteten Hamas-Jungen Walid. Abed trifft in München ein, obwohl er eigentlich im Kreißsaal an der Seite seiner schwangeren Frau gebraucht würde, er klettert aus einem Mannschaftsbus, der von anti-israelischen Demonstranten mit Farbbeuteln attackiert wird, und nur Stunden später kommt es zum nächsten Zwischenfall: Ein deutscher Polizist, der den Stürmer auf dem Hotelflur nicht er­kennt und für einen Verdächtigen hält, drückt den arabischen Israeli zu Boden.

          So herrscht in „Munich Games“ ständig Unruhe. Selbst die Kamera von Jakub Bejnarowicz ist unablässig in Bewegung, und die Geschichte, die durch beunruhigend zurückgenommene, leicht übersteuerte Schwebeklänge des Filmmusikers Michael Kadelbach von einer Szene in die nächste getragen wird, schlägt Haken wie ein Hase, der sein Gelände besser als je­der Verfolger kennt. Soll man das Spiel absagen wie 2015 das deutsch-niederländische Fußballspiel in Hannover? Eher nicht, es wäre ein fatales Signal.

          Die historischen Ereignisse sind in der Geschichte ständig präsent: in den Originalbildern des Vorspanns, in kurzen Ge­sprächen zum Grund des Freundschaftsspiels, im Namen des Drahtziehers von damals, Abu Daoud, der in einem der vielen Momente, bei denen sich die Ereignisse überschlagen, auf einem großen Banner entrollt wird, oder auch etlichen Szenen, die auf Szenen vor fünfzig Jahren an­spielen. Doch sie tun das unaufdringlich, fast beiläufig. „Munich Games“ (Regie: Philipp Kadelbach) ist bei aller Historie im Rückspiegel eine Geschichte über die Bedrohungen im Hier und Jetzt, und sie treibt den Pulsschlag gehörig nach oben. Fast möchte man sagen: „Amusement Park Film“, die Produktionsfirma von Mal­te Grunert, Daniel Brühl und Amelie von Kienlin, greife hier so lernbegierig auf israelische Erfahrungen beim Er­zählen von Antiterrorgeschichten zurück, wie der deutsche Sicherheitsapparat nach 1972 auf israelisches Know-how im Kampf gegen den Terror. Bitte anschnallen.

          Munich Games startet am Sonntag um 20.15 Uhr bei Sky One.

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