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Arte-Serie „Giftige Saat“ : Ackern für den Ökozid

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Kommt den Machenschaften auf die Spur: Chloé Forrest (Marilou Aussilloux). Bild: © What's Up Films

In der Arte-Serie „Giftige Saat“ geht es um kriminelle Machenschaften in der Agrarchemie. Ähnlichkeiten mit realen Konzernen drängen sich auf. Sie sind so explizit, dass für dramaturgische Qualität kein Raum bleibt.

          Was die Wirklichkeit da gerade aufführt, ließe Fernsehkritiker die Nase rümpfen: Ein David-Goliath-Gerichtsdrama, in dem zwei mittellose, an Lymphdrüsenkrebs erkrankte kalifornische Rentner gegen den mächtigen Hersteller jenes Pflanzenschutzmittels zu Felde ziehen, das sie jahrzehntelang in ihrem Garten versprüht haben, und das mit dem Zusprechen der gewaltigen Schadenersatzsumme von zwei Milliarden Dollar (in erster Instanz) ausgeht? Ein unrealistisches Tränenmärchen, wären Rezensenten sich – zumindest bis vor einem Jahr – über einen solchen Plot einig gewesen.

          Die in jeder Hinsicht dramatische Geschichte der Firma Monsanto, heute Bayer, und ihres vermeintlichen Wundermittels Glyphosat, das die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO für „wahrscheinlich krebserregend“ hält, ließe sich auf viele Weisen erzählen. Der französische Filmemacher Jean-Xavier de Lestrade, für seine Dokumentationen bereits oscarprämiert, wählt eine bis zur Kenntlichkeit fiktionalisierte, in kriminalistischer Hinsicht jedoch angespitzte Variante, in der ein ebenfalls an Krebs erkrankter Bauer (Christophe Kourotchkine; schauspielerisch nicht unbedingt oscarpreiswürdig) gegen den Saskia genannten Hersteller eines von ihm jahrelang eingesetzten Totalherbizids klagt. Dieser Erzählstrang ist jedoch eher untergeordnet in dem um Macht, Einfluss und Korruption kreisenden Wirtschaftskrimi, der im Original treffender „Jeux d’influence“ heißt.

          Leider nutzt de Lestrade die Fiktionalisierung nicht, um Erwartbarkeit zu unterlaufen, sondern um die Gut-böse-Verteilung zu übersteigern. So ist „Giftige Saat“ eine Abrechnung geworden, ein sechsstündiges Tendenzstück, das sehr gute Argumente für diese Tendenz hat (den Ökozid), aber mit erzählerischen Schwächen kämpft. Gelungen sind die wirklichkeitsnahen Szenen. Obwohl de Lestrade kaum vom jüngsten PR-Skandal rund um Monsanto hatte wissen können – eine PR-Agentur führte Länderlisten mit besonders zu bearbeitenden Firmengegnern –, stellt auch er eine mit allen schmutzigen Wassern gewaschene PR-Agentur ins Zentrum seines Stücks.

          Jean-François Sivadier glänzt in der Rolle des hinterlistigen Leiters dieser Beraterfirma. Mathieu Bowman, zugleich der wichtigste Anwalt des Unternehmens, hat soeben einen Coup gelandet, indem er die ehemalige Parlamentsjournalistin Claire Lansel als Lobbyistin anwerben konnte. Alix Poisson spielt die mehrere Wandlungen durchlebende Hauptfigur mit einer (zunächst) schön undurchschaubaren Amoralität, was ein wenig darüber hinwegsehen lässt, dass das Drehbuch ihr allzu erstaunliche Erfolge zuschreibt: Stets ist mit einem Telefonat eine entscheidende Information zur Hand, mit der sich das Vorgehen der Gegenseite unterminieren lässt.

          Auf jener Seite befindet sich der aufrechte Politiker Guillaume Delpierre (Laurent Stocker), ein Freund des erkrankten Bauern, der mit Hilfe seines flotten jungen Assistenten Romain Corso (Pierre Perrier), alles daransetzt, der für Mensch und Umwelt bedrohlichen Agrarchemie Paroli zu bieten: „Diese Mittel müssen verboten werden.“ Weil er damit in der Politik auf Widerstände stößt, muss er ebenfalls zu Winkelzügen greifen. Ein solcher Parlamentsflurthriller ist nicht neu, kann aber äußerst spannend sein, zumal, wenn das politisch-ökonomische Tauziehen anders als etwa im ZDF-Fiasko „Lobbyistin“ mit einiger Komplexität abgebildet wird.

          Und doch trauten de Lestrade und seine Mitautoren einer semidokumentarischen Anlage der Serie offenbar nicht zu, genug Interesse zu generieren, weshalb ein rätselhafter Todesfall eingebaut wurde: Der Saskia-Marketingchef Didier Forrest (Marc Citti), der sich eine geheime Laborstudie zu dem neusten Herbizid, in das die Firma große Hoffnungen setzt, besorgt hat, wird tot aus der Seine gefischt. Er war zugleich der beste Freund des skrupellosen Vorstandsvorsitzenden Andrew Percy (Thierry Hancisse), der nun maliziös verspricht, sich um die Hinterbliebenen zu kümmern. Didiers Tochter Chloé, von Marilou Aussilloux mit kulleräugiger Unschuld gespielt, glaubt die offizielle Version des Todes jedoch nicht und bringt sich mit ihrer Sturheit bald in ernste Gefahr.

          Als manichäischer Licht-Dunkel-Kampf, in dem selbst Greueltaten gegen engste Freunde eine Option zu sein scheinen, unterwandert die Serie ihre Agenda, nämlich über die Stufen von Korrumpierbarkeit nachzudenken, was bereits mit der Annahme eines Stipendiums beginnen kann. Die spannendere Perspektive wäre wohl ohnehin die aus der Management-Etage des Bayer-Konzerns gewesen, in der sich allmählich das Entsetzen darüber ausbreitet, für eine horrende Summe einen weltweit verhassten Herbizid-Konzern in just dem Moment übernommen zu haben, in dem der kritische Kipppunkt erreicht zu sein scheint und ein langer, tiefer Fall beginnt. Ein Märchen auch das, aber eher nach der Art H. C. Andersens.

          Giftige Saat läuft in Doppelfolgen immer am Donnerstag, um 21.45 Uhr auf Arte.

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