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Arte-Serie „Die eiserne Zeit“ : Der Krieg, der alles verheerte

Im Zeichen der Zerstörung: Szene aus „Die Eiserne Zeit“. Bild: © LOOKSfilm

Der Arte-Sechsteiler „Die eiserne Zeit“ zeigt die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges aus westeuropäischer Sicht. Seine Helden heißen Richelieu und Rubens, Wallenstein ist eine Nebenfigur.

          3 Min.

          Ein Mann stolpert durch den Wald, er ist halb verhungert, sein Wams und seine Hose sind abgerissen, seinen Mantel hat er verkauft. Vor einem Marienbild bricht er entkräftet zusammen. Es ist der Söldner Peter Hagendorf, und die Landschaft, die Welt, durch die er ziellos irrt, ist die des Dreißigjährigen Krieges. Woher aber wissen wir, dass Krieg ist? Sehen wir es im Gesicht des Mannes, in seinen Blicken, liegt der Tod in der Luft, weht Pulverdampf durch die Äste? Nichts davon. Wir sind im Fernsehen, in der Arte-Sendereihe „Die eiserne Zeit“, und deshalb müssen wir hören, was wir nicht sehen. Eine Erzählerstimme teilt es uns mit. Es ist der alte Unterschied zwischen Kino und Fernsehen: Das eine zeigt, das andere zeigt her.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Trotzdem hat sich einiges geändert im klassischen Bildschirmgenre der Dokumentation. Von den dreihundertsechzig Minuten dieser sechsteiligen Serie bestehen mehr als drei Viertel aus Spielszenen, den Rest teilen sich die unvermeidlichen Experten und eingeblendete Landkarten, Gemälde und Stiche.

          Aber selbst der Auftritt des Fachpersonals ist dramaturgisch angeschärft. Wenn eine schwedische Historikerin das Prunkschloss ihres Landmanns und Feldherrn Carl Gustav Wrangel betritt, leuchtet sie mit der Taschenlampe durch die Säle wie eine Geisterseherin im Einsatz. Ihr deutscher Kollege von der Universität Glasgow darf sich noch hinter einem Büchertisch verschanzen, aber solche Kathederposten sterben aus. Geschichtswissenschaft im Fernsehen verlangt den vollen Körpereinsatz.

          Halten Kriegsrat: Kardinal Richelieu (Pierre Aussedat) und sein Berater Père Joseph (Charlie Nelson).
          Halten Kriegsrat: Kardinal Richelieu (Pierre Aussedat) und sein Berater Père Joseph (Charlie Nelson). : Bild: © LOOKSfilm

          Nicht, dass es vor der „Eisernen Zeit“ keine Dokumentationen zum Dreißigjährigen Krieg gegeben hätte. Im Gegenteil, der Bedarf ist durch Serien wie „Mit Gottes Segen in die Hölle“ und zuletzt die ARD-Produktion „Glauben, Leben, Sterben“ mehr als gedeckt. Dennoch bietet der Arte-Sechsteiler auf diesem abgegrasten Terrain etwas Neues. Das liegt daran, dass er einen entschieden französischen Touch hat: Philippe Bérenger, einer der beiden Regisseure, ist ein renommierter metteur en scène, und auch Cast und Crew sind paritätisch mit Deutschen und Franzosen besetzt. Wir sehen hier also nicht das übliche habsburgisch zentrierte Bild der Geschehnisse im siebzehnten Jahrhundert, sondern ein ausgeprägt westeuropäisches, an Quisquilien der heiligen römischen Reichsverfassung kaum interessiertes.

          Also viel Richelieu – und wenig Wallenstein und Gustav Adolf. Reichlich Rubens und wenig Grimmelshausen. La Rochelle statt Wien. Die Beratungen zwischen dem französischen Kardinal und Premierminister und seinem Adlatus Père Joseph nehmen bei Bérenger und seiner Koregisseurin Henrike Sander derart breiten Raum ein, dass man meinen könnte, das Schicksal Mitteleuropas wurde in Pariser Privatkabinetten entschieden. Daran ist durchaus etwas Wahres. Der Dreißigjährige Krieg war eine zivilisationsgeschichtliche Katastrophe und ein diplomatisches Problem, und er ging erst zu Ende, als das Problem gelöst wurde. Nur würde man der Serie mit noch größerer Anteilnahme folgen, wenn man aus ihr erführe, worin genau es bestand. Doch an diesem Punkt kommt eine der ewigen Regeln des Fernsehens zur Anwendung: Alles, was man nicht in zwei Sätzen erklären kann, bleibt außen vor. Auch in dieser Geschichtsdoku endet Geschichte da, wo sie in Wirklichkeit beginnt, bei der Politik.

          Wieder einmal gibt es also das vertraute Gemisch aus Wortgeklingel und Halb- und Viertelwahrheiten zu hören, etwa über Rubens’ Bilder: „Trauer um die Vergänglichkeit der Dinge trifft auf Lebensgier.“ Der flämische Maler war „ein Spion“, obwohl in Paris jeder wusste, dass er im Auftrag des spanischen Königs reiste. Die Position Englands, das von Spaniern und Niederländern umworben wurde, „blieb unbestimmt“, nachdem Letztere bei Breda eine Niederlage erlitten hatten (beides hatte nichts miteinander zu tun). Die Arbeit des Söldners erfordert „jahrelange Übung“ am Luntenschlossgewehr (die meisten Musketiere kämpften trotz ihres Namens mit Säbeln und Piken). Bei der französischen Wiedereroberung von Corbie hat „die geeinte Nation ihre Stärke demonstriert“ (zwölf Jahre später bricht der Fronde-Aufstand aus und bringt die Dynastie der Bourbonen beinahe zu Fall).

          Daneben geben die Autoren mit Blut und Pomp dem Affen Zucker, soweit das bei diesem Thema möglich ist. Wir sehen, wie Friedrich von der Pfalz mit seiner Ehefrau Elisabeth Stuart in Prag die Krone Böhmens empfängt, und ein tschechischer Experte erklärt, dass die Sicherheitsvorkehrungen besonders streng waren. Wir erleben, wie Carl Gustav Wrangel zärtlich um Anna Margareta von Haugwitz wirbt, obwohl er ein schrecklicher Kriegsmann ist. Und wir ziehen mit Peter Hagendorf durch die Lande, von Schwaben nach Magdeburg und wieder zurück, auf dem Weg sterben seine erste Ehefrau und neun von zehn Kindern, aber Hagendorf (Jan Hasenfuß) wird dennoch kein echter Charakter, weil er nie genug Raum hat, um auf das, was er erlebt, zu reagieren; er bleibt eine Chiffre des Geschichtsfernsehens. Der einzige Mensch, mit dem wir in dieser Serie mitleiden, ist die Wirtin Barbara Gseller aus Biberach. Sie wird wegen Hexerei angeklagt, und die Ausweglosigkeit, in die sie damit gerät, rührt an eine Grunderfahrung der Moderne: Der Überwachungsstaat lässt grüßen.

          Die Weltgeschichte des Fernsehens ist eine Schneekugel. Sie wird geschüttelt, und es hagelt Schlachten; dann ist die Sendezeit um, und alles kommt wieder zur Ruhe. Die Philosophie der Aufklärung, heißt es nach fünf Stunden, läute „eine neue Ära ein. Mit ihr endet die eiserne Zeit.“ Nun ja.

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