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Neue Arte-Serie : Panoptikum des Stolperns

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Kann sie in dem Fall für Aufklärung sorgen? Die Anwältin Gina Perkins (Susie Porter) vertritt den wegen Kindesentführung angeklagten Mandanten vor Gericht. Bild: © Matchbox Pictures

Arte zeigt eine hervorragend inszenierte Serie über die Auswirkungen einer Kindesentführung: In „Sieben Seiten der Wahrheit“ ist zwischen Gut und Böse, Aufrichtigkeit und Betrug, nicht mehr zu unterscheiden.

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          Empson heißt hier der Hund, aber immerhin kein jaulender. Dass der Vierbeiner die einzige Figur zu sein scheint, die uns nicht mehrere Gesichter zeigt, ist ein freundlicher Scherz in Richtung William Empson. Von diesem stammt das literaturkritische Standardwerk „Seven Types of Ambiguity“ (1930), eine der Grundlagen des New Criticism. Vieldeutigkeiten werden darin als Wesenskern der Poesie aufgefasst. Gerade die Unzuverlässigkeit ist das, was Literatur so menschlich und bedeutsam macht.

          Der Autor John Perlman hat vor fünfzehn Jahren Empsons Grundgedanken in einen gleichnamigen Psychothriller übersetzt, dessen Handlung ausgeklügelt multiperspektivisch um die Folgen einer Kindesentführung durch einen depressiven Mann kreist (sein Hund hieß auch hier schon Empson). Das unverletzte Kind wird zwar schnell gefunden und der Täter landet in Untersuchungshaft, doch während der juristischen Aufarbeitung geraten für alle Beteiligten zahlreiche vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Je nach Blickwinkel ist die Entführung vielleicht gar keine.

          Bei der exquisiten australischen Miniserien-Adaption des Romans verzichten die Autoren Jacquelin Perske, Jonathan Gavin und Marieke Hardy (Showrunner: Tony Ayres) nicht nur auf eine der sieben Perspektiven – das ist unproblematisch, denn die Motivation des schweigsamen Täters Simon (Xavier Samuel) lässt sich gut innerhalb der übrigen Kapitel darstellen –, sondern vor allem auf allzu düstere Zuspitzungen. Dafür nehmen Beziehungsfragen noch breiteren Raum ein. Auch das ist ein Gewinn, denn eher selten nähert man sich auf dem Bildschirm so behutsam, aber konsequent der Frage, was es mit Menschen, die ihr Leben miteinander teilen, macht, wenn sie bemerken, dass sie einander nicht wirklich kennen. Wenn Geheimnisse aufbrechen. Immunisiert Liebe gegen die Zumutungen durch Ambiguität? Die Ehe jedenfalls nicht: Wir sehen dem Zerfall gleich mehrerer Beziehungen zu.

          Machen sich für den Angeklagten stark: der Psychiater Alex (Hugo Weaving) und Angela (Andrea Demetriades).

          Die formale wie inhaltliche Nähe zur australischen Miniserie „The Slap“ („Nur eine Ohrfeige“) aus dem Jahr 2011 ist auffällig: Jede Episode blickt mit einer der Figuren auf das immer größer werdende Chaos. Den Auftakt macht die Perspektive des wenig sympathischen, aggressiven Börsenmaklers Joe (Alex Dimitriades), dessen Sohn aus der Schule verschwunden ist. Auch Joes herbeieilende Frau Anna (Leeanna Walsman) wird von Panik erfasst. Wenig später führt ein Anruf die Polizei zum Entführer: Annas Exfreund Simon. Eine gewisse Angela (Andrea Demetriades), die wiederum Beziehungen zu Joe unterhält, hat die Polizei informiert. Nichts bleibt in der Folge, wie es scheint, aber auch das, was sich zeigt, kann nicht den Anspruch auf absolute Objektivität erheben.

          Allmählich zeigt sich, dass Wahrheit und Betrug selbst so etwas wie ein in die Jahre gekommenes Paar bilden, das sich braucht, verachtet und hintergeht. Die Beziehungskrise von Joe und Anna wird gespiegelt in der Figur von Simons Psychiater Alex, der verständnislos vor seiner Scheidung steht. Umso mehr steigert er sich in die selbstgestellte Aufgabe hinein, seinem für unschuldig gehaltenen Patienten helfen zu wollen, womit er alles verschlimmert. Diese Figur, so ungreifbar wie Butter, ist die heimliche Hauptfigur, zumal sie von Hugo Weaving grandios mysteriös interpretiert wird.

          Das Geschlechterbild ist stellenweise klischeehaft – die junge, schöne Prostituierte als wahre Liebesbotin; der traurig-egomane Börsen-Kapitalist –, aber allein Susie Porter als Simons engagierte Anwältin Gina, die sich ihrer Gefühle in Bezug auf Alex nicht ganz sicher ist, reißt einiges heraus.

          Szenen, die ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven wiederholen, weisen kleine Abweichungen auf: Wurde das Geld für den Kaffeeautomaten beispielsweise erfragt oder angeboten? Das macht auf unbeschwerte Weise deutlich, wie subjektiv verzerrt Erinnerungen sein können. Überhaupt hält die Regie von Glendyn Ivin, Ana Kokkinos und Matthew Saville stets Distanz zu den allesamt auf die eine oder andere Art einsamen Figuren. Der kühle Blick von außen (und teils weit oben) verhindert eine zu starke Identifikation, die dem Grundanliegen, Menschen in ihren Widersprüchen glaubhaft abzubilden, zuwiderliefe. Stimmig ist auch, dass sich die Handlung in den letzten beiden Folgen zum Gerichtsdrama verdichtet, schließlich ist das Gericht einer der Orte, an dem inmitten all der menschlichen Ambiguitäten Eindeutigkeit hergestellt werden muss.

          Auch wenn die Nebenhandlung rund um einen schmutzigen Börsendeal etwas zu hemdsärmelig geraten ist – am Tiefpunkt besuchen Joe und Kollege Mitch (Anthony Hayes) eine alberne Teambuilding-Klausur –, und obgleich die Volte auf den letzten Metern dann doch nicht ganz nachvollziehbar scheint, fesselt die Serie durch ihren unbestechlichen Blick auf die Kalamitäten der Psyche. Man möchte jeder der einander verfehlenden Figuren einen Schubser geben, so wenig fehlt ihnen zum Glück, aber dann bemerkt man: In diesem Stolpern über die eigenen Sehnsüchte steckt die ganze Individualität und Poesie einer Person. Alle stolpern, aber alle verschieden.

          Sieben Seiten der Wahrheit läuft in je drei Folgen heute und morgen, von 20.15 Uhr an auf Arte.

           

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