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Arte-Serie „Nur ein Bankraub“ : Gelegenheit macht Diebinnen

  • -Aktualisiert am

Spatenstich: Cecilia (Sissela Kyle, links) und Jenny (Lotta Tejle) müssen ihre Beute wieder ausgraben. Bild: Ulrika Malm

In der Serie „Nur ein Bankraub“ stürzen sich zwei ältere Damen in das Abenteuer ihres Lebens. Sie setzen Frust in Wut um, und wie wütend sie sind! Das ist ein anderer Krimi, als wir ihn sonst aus Schweden gewohnt sind.

          Cecilia und Jenny, die eine Ärztin in Kalmar, die andere Lehrerin für Mathematik, sind um die sechzig und so unauffällig, wie man nur sein kann. Beide haben Träume – Cecilia (Sissela Kyle) würde sich gerne ein Ferienhäuschen in Frankreich leisten, Jenny (Lotta Tejle) ob der bevorstehenden Scheidung eine große Wohnung mit Kücheninsel statt der kleinen, auf die es nach jetzigem Stand der Dinge hinausläuft.

          Wenn die beiden in dem komödiantischen Sechsteiler „Nur ein Bankraub“ nun zu Gelegenheitsgangsterinnen werden, hat das aber nur zum Teil mit diesen Träumen oder ihrer Wut auf die Banken zu tun. Die gibt es selbstverständlich auch: Der Wert des Fonds, in den die Ärztin Cecilia ihr Erspartes steckte, entwickelt sich katastrophal, während die Bank als Unternehmen Rekordgewinne verkündet. Lehrerin Jenny bekommt mit Blick auf ihre bevorstehende Rente keinen Kredit mehr.

          Die Lust auf einen Bankraub erwächst aber vor allem aus dem Frust, als Ehefrauen, Mütter und Angestellte im öffentlichen Sektor immer nur geben zu müssen: „Überleg doch mal, wie viel weniger wir verdient haben, nur weil wir Frauen sind!“ Acht oder neun Millionen geraubte Kronen können angesichts dieser Gefühlslage weder mit Blick auf die Banken noch hinsichtlich der Gesellschaft, deren Geld sie verwahren, ein Verbrechen sein. Man muss nur den Mumm zu einem Coup haben.

          Ein blutdruckfreundliches Vergnügen

          Cecilia und Jenny entdecken ihren Mumm, als sie per Zufall erfahren, dass die Filiale der „Handelsbanken“ am Stockholmer Karlaplan bald ein letztes Mal mit veralteten Geldkassetten beliefert wird. Es wäre der ideale Tag für einen Coup, stöhnt ein todkranker Patient Cecilias – er wollte das Ding eigentlich selbst durchziehen, wird nun aber stattdessen unter Maiglöckchen liegen. Cecilia lässt sich alles erklären und optimiert mit Jenny, was optimiert werden muss.

          Das sei lustig, dachte der schwedische Privatsender TV4, der die Serie bei Erik Hultqvist (Drehbuch), Emma Bucht und Felix Herngren (Regie) in Auftrag gab. Das Allerlustigste: Die Geschichte handelt ursprünglich von zwei Männern. „Nur ein Bankraub“ ist ein Remake der Tomas-Arvidsson-Verfilmung „Dubbelstötarna“, die 1980 von einem Arzt und einem Studienrat erzählte, die einen Bankraub verübten, weil man sie kaum als Verdächtige einstufte.

          Diese humoristische Dimension, an die ein kurzer Cameo-Auftritt der alten Hauptdarsteller Frej Lindqvist und Björn Gustafson erinnert, muss dem deutschen Zuschauer verborgen bleiben. „Nur ein Bankraub“ ist trotzdem ein blutdruckfreundliches Vergnügen, bei dem sich Frauen Rauschebärte ankleben, um beim Überfall nicht erkannt zu werden, Schreckpistolen geklaut werden müssen und biertrinkende Rocker am Start sind, die dem Duo die Beute des Bankraubs streitig zu machen versuchen. Ein rührend altmodisch gefilmter Schmunzelreigen, der mit Klischees aller Art spielt, für den allerdings auch die Hälfte der Sendezeit ausgereicht hätte.

          Ein Vorwand für den Umzug zum Zweitfernseher

          Die Frauen in diesem Sechsteiler sind stark, weil sie es sein müssen, die Männer sind nicht zu gebrauchen. Das gilt auch für das Ermittlergespann, das den Banküberfall zu klären versucht: Kommissarin Anki (Gunilla Röör), grimmig und ernst, wird von einem Waschlappen begleitet (Danilo Bejarano), der Babyfotos herumzeigt, statt die geraubten Millionen zu suchen. So sind sie, die Schweden! „Nur ein Bankraub“ ist eine Feel-good-Produktion über Alltagsheldinnen, die noch in der Unruhe nach dem Bankraub alles auf einmal zu schultern verstehen: das Dasein als Gangsterin, Mutter, Großmutter und Fachkraft im Job.

          Für männliche Zuschauer, die sich nicht wiedererkennen oder zu sehr, gibt es nach neunzig Minuten die Möglichkeit, unter einem Vorwand zum Zweitfernseher in der Dachkammer zu wechseln: Im Ersten startet um 21.45 Uhr der dreiteilige Nordic-Noir-Thriller „Jäger“, in dem ein einsamer, vom Leben gezeichneter Expolizist namens Erik Bäckström (gespielt von Rolf „Kurt Wallander“ Lassgård) im düster-dunklen Norden Schwedens noch einmal gebraucht wird.

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