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Neuseeland-Krimi : Im entlegensten Weinberg des Herrn stirbt es sich schöner

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In „Brokenwood – Mord in Neuseeland: Blut und Wasser“ will Detective Mike Shepherd (Neill Rea) den Tod eines Farmers aufklären.. Bild: obs

Die Krimireihe „Brokenwood – Mord in Neuseeland“ bietet einen kauzigen Ermittler zwischen Poirot und Columbo. Sehenswert ist dabei nicht nur die Herr-der-Ringe-Kulisse.

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          Sein neues Leben in Brokenwood hat sich Detective Senior Sergeant Mike Sheperd (Neill Rea) vermutlich ruhiger vorgestellt. Der erste Irrtum: von der Schönheit der Natur auf den Charakter der Menschen in der vermeintlich idyllischen Hinterwäldlerkleinstadt zu schließen.

          Wo sich die Hügel sanftgrün wellen und man kaum ein paar Kilometer fahren muss, um mitten im Düsterwald vor kapitalen Hirschen zu stehen; wo sich die Reben meilenweit bis zum Horizont erstrecken und manch x-beliebiger Automechaniker auf den Namen „Frodo“ hört, war für die Auckland Judical Police schließlich der perfekte Ort, eine wichtige Zeugin mit neuer Identität versehen untertauchen zu lassen. Der nächste Irrtum hielt sich nur bis zum ersten von etlichen Morden, in dessen Ermittlungsverlauf sich der frühere Chef der Polizeistation als überfordert, befangen und todkrank erweist. Immerhin hatte ihm „Blut und Wasser“, die Auftaktfolge der Krimireihe „Brokenwood – Mord in Neuseeland“, einen Abgang mit Würde sowie dem Großstadtcop Sheperd einen überschaubaren, aber ausgesprochen todbringenden neuen Wirkungskreis gegönnt.

          Schurkenpersonal auf weitläufigen Farmen

          Seine Mitarbeiterin, Detective Constable Kristin Sims (Fern Sutherland), hat mit Sheperds skurrilem Führungsstil und seinen unkonventionellen Aufklärungsmethoden freilich ihre Schwierigkeiten. Was nicht nur daran liegt, dass der Mann noch Tonkassetten hört und wie die Kombination von Hercule Poirot und Inspector Columbo aussieht – aber auch.

          Doch solange sein zielloses In-der-Gegend-Herumfahren mit dem museumsreifen Oldtimer, sein Mit-den-Toten-monologische-Gespräche-Führen und sein Außenseiter-Spielen so erfolgreich zum Mörder-dingfest-Machen führt, erträgt Sims auch die Country- und Soulmusik, die bislang schon vier Sheperd’sche Ex-Ehefrauen in die Flucht geschlagen hat. Sie ist die gründliche Pragmatikerin mit Ortskenntnissen. Ihr Kollege Breen (Nic Sampson), der das Polizistentrio komplettiert, besetzt in der in Australien seit 2014 ausgestrahlten Retro-Krimireihe dagegen die Stelle des gutaussehenden, aber nicht ganz so schlauen Sidekicks. Scherze auf seine Kosten lassen die anderen intelligenter aussehen, ein bewährtes Mittel des „Teambuildings“.

          Das Beste an der konventionell nett gemachten, aber mit solidem Witz und wendungsreich unterhaltenden Krimireihe „Brokenwood“ ist, wie könnte es anders sein, die Landschaftskulisse. Eine Herr-der-Ringe-Landschaft, auch wenn die spektakulärsten Panoramen die Phantasie ergänzt. Zu offener Peter-Jackson-Verehrung ist „Brokenwood“ nicht prätentiös genug. Die ARD zeigt erst einmal vier Folgen der „South Pacific Pictures“-Produktion, die ausnahmslos neuseelandtourismusmäßig anschlussfähig sind. Hier lebt das Schurkenpersonal auf weitläufigen Farmen, großen Weingütern, bespielt riesige Golfplätze oder geht auf Jagdausflug in Wäldern voller Rotwild. Wer will, sieht tagelang keinen Nachbarn, aber die Leute, so ist das Leben, fangen natürlich als Allererstes gleich Streit mit Nachbarn an. Oder neigen zu Fehden, begehren des anderen Gut, sind eifersüchtig auf Wein, Weib, Gesang und benehmen sich insgesamt so übel, wie es dem krummen Holz der interessanten örtlichen Flora entspricht.

          Merlot kann jeder Idiot

          Schießgewehr-Sammeln gehört bei der Reihe aus der Feder von Tim Balmes (Regie Mike Smith und andere) zu den gewöhnlichen, unter zahlreichen Umständen tödlichen Hobbys. Genauso wie der Weinanbau aus Prestigegründen. Nicht immer hält die Plörre aber, was sich der Wochenendwinzer davon verspricht. Auch Sheperd hat mit seinem Landhaus vier Hektar Reben gekauft, obwohl er vom Weinmachen so viel versteht wie von Frauen: wenig.

          In „Bitterer Wein“, der aktuellen Folge, wird ein bekannter Weinkritiker und Sommelier ertrunken in einem Rotwein-Gärtank gefunden. Unter den Profiwinzern, das erfährt die Polizei bei zahllosen Verkostungen, herrscht ein gnadenloser Überlebenskampf. Nur Amanda (Josephine Davison), eine Spitzenwinzerin mit Asperger-Zügen, hält sich aus den Intrigen heraus, solange ihr Chardonnay Goldmedaillen gewinnt und ihr Pinot Noir über jeden Zweifel erhaben bleibt. „Merlot“, so Ned (Geoff Snell), ihr sozial unverträglicher Vater, „kann jeder Idiot.“ Zum Beispiel der steinreiche Talkradio-Moderator Julian (Peter Elliott), der praktischerweise in der eigenen Sendung Werbung für sein Gewächs macht. Während Sheperds Trauben gleich die Pilze kriegen, was ihm sein Hansdampf-in-allen-Gassen-Maori-Freund Jared (Pana Hema-Taylor) schonend beibringen muss. Am Ende dieser Folge wünschen sich die Ermittler jedenfalls mal lieber ein kühles Bier. Als Zuschauer könnte man darüber hinaus ganz gut noch mehr als vier Folgen von „Brokenwood“ goutieren.

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