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Comedy-Serie „Andere Eltern“ : Gleich kommt der Schamane und räuchert die Kita aus

Alles demokratisch: Nina (Lavinia Wilson, links) und die anderen Eltern stimmen über einen Yoga-Raum in der neuen Kita ab. Bild: Tom Trambow

Vier hippe Helikopter-Paare wollen eine Kita gründen: Die Comedy-Serie „Andere Eltern“ zeigt, was passieren kann, wenn man Klischees auf die Schippe nehmen will.

          Was kommt nach den Helikoptereltern aus dem Prenzlauer Berg, die Latte Macchiato trinken und ihren Nachwuchs zum Pekip schleppen? Natürlich die Helikoptereltern aus Köln-Nippes, die Weizengras-Smoothies trinken und sich der Latte-Macchiato-Fraktion überlegen fühlen. Von dieser zweiten und – wenn das überhaupt möglich ist – noch unangenehmeren Kategorie von Erziehungsberechtigten handelt die Serie „Andere Eltern“, die beim Abosender TNT Comedy startet.

          Die Geschichte ist schnell umrissen: Vier Elternpaare wollen eine Kita gründen. Sie sind unzufrieden damit, wie in anderen Einrichtungen „mit diesen kleinen Menschen umgegangen“ wird; also selbst machen. Dabei geraten sie mit ihren Vorstellungen aneinander. Im Zentrum der Serie steht Nina (Lavinia Wilson), ehemaliger Creative Director bei „einer großen Werbeagentur“, zurzeit aber in Ausbildung zur Yogalehrerin. Dass sie ein machtbewusster, manipulativer und überforderter Mensch ist, wird dem Zuschauer sofort klar. Sie schleppt ihre Kinder heimlich zu einer Masernparty, will vom Farbkonzept der neuen Kita bis zur Zusammensetzung der Smoothies über alles bestimmen. Ihr Mann erträgt ihre Entscheidungen stoisch. Ninas schärfster Gegenspieler ist Papa Björn (Serkan Kaya). Als Haus- und Ehemann einer Karrierefrau kümmert er sich um die beiden Kinder und prüft jedes Klettergerüst auf DIN-Normen, bevor sie dort spielen dürfen.

          Schrei nach Liebe

          Dann ist da Lars (Sebastian Schwarz). Lars ist rechts. Aber im Inneren natürliche ein ganz Zarter, seine verbale Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Sein Vater ist zu früh verstorben. Er sagt zu einem namenlosen japanischen Paar in der Gruppe „Chinesen“ und bringt über den schwulen Möchtegernpapa in der Gruppe Kalauer wie „Die Natur macht Vorschläge, sag ich immer.“ Lars ist übrigens zeugungsunfähig.

          Diese Zusammenschau von Charakteren zeigt, wohin das alles führt: ins Erwartbare, Überzogene, ins Klischee schlechthin. Dabei verspricht die Machart der Serie eigentlich mehr. Sie ist im Stil einer Mockumentary gedreht, also einer fiktiven Dokumentation. Mit zwei Kameras fing das Team von Philipp Pfeiffer und Matthias Schellenberg die Szenen ein, mehrfach gedreht wurde kaum. Regisseur Lutz Heineking Jr. hat den Schauspielern nur ein „Character Sheet“ vorgegeben, in dem sie die Wünsche, Ziele und Ängste ihrer Figuren beschrieben sehen. Dann gab es gelegentlich Briefings, um die Geschichte voranzutreiben. Unvorhergesehene Situationen sollten echte Emotionen und Reaktionen hervorkitzeln. Untereinander wussten die Schauspieler nicht, welchen Plan die anderen Figuren verfolgen, mussten also improvisieren. Dass die Dreharbeiten spannend waren und Spaß gemacht haben wie ein Spiel, bei dem man spontan auf die Angebote der Spielpartner reagiert, glaubt man sofort. Was aber passiert, ist: Die Schauspieler ziehen sich auf Klischees zurück, ihre Witze sind platt.

          In dieser Produktion gibt es keinen einzigen Sympathieträger. Die Figuren sind schablonenhaft überzeichnet. Wenn das Karrierefrau-Hausmann-Paar seinen Schamanen zur Reinigung der Kita-Räume einlädt, und die anderen Eltern sich übertrieben darauf einlassen, klatschen, ihre Blusen vom Leib reißen, dann ist das nicht lustig, sondern peinlich. Dass die Räucherstäbchen des Heilers die Sprenkleranlage auslösen und die Kita bald unter Wasser steht, kommt wenig überraschend. Die Schauspieler beschreiben ihre Arbeit auf der Premierenfeier in Köln als herausfordernd. Sebastian Schwarz, der einen Anwalt verkörpert, musste sich zum Beispiel in viele Rechtsgebiete einlesen, um adäquat reagieren zu können. Dass er und seine Kollegen sich intensiv auf ihre Rollen eingelassen haben, steht außer Frage. Wenn es um die Darstellung von Gefühlen geht, ist das Wort, das dem Zuschauer hier in den Sinn kommt: drüber. Die ausgebrannte Grundschullehrerin zerbricht vor Wut einen Bleistift, Nina rammt mit ihrem Kinderwagen unter Geschrei Fahrräder, die den Gehweg zuparken.

          Der Cast gibt sich entzückt über die Möglichkeit, sich jenseits aller politischer Korrektheit ausleben zu dürfen. Lavinia Wilson sagt, sie würde sich nie trauen, sich so über Eltern-Klischees lustig zu machen, wenn sie nicht selbst Kinder hätte. Andere in der Runde stimmen ihr zu und sagen, die Serie sei gar nicht so weit weg von der Realität. Wenn das stimmt, dann funktioniert sie als boshaft überspitzte Persiflage. Im wahren Leben möchte man mit solchen Charakteren lieber nichts zu tun haben.

          Andere Eltern beginnt heute, Dienstag, 19. März, um 20.15 Uhr bei TNT Comedy.

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