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„And just like that“ auf Sky : Wo sind all die Jahre hin?

Wenn „Sex and the City“ von genau dem erzählte, nämlich vom Geschlechtsleben junger Großstädterinnen, wovon erzählt dann „And just like that“? Auf Deutsch würde man den Titel mit „Und einfach so“ übersetzen, was darauf hinweist, wie halt einfach so die Zeit vergeht und Dinge passieren, die man nicht in der Hand hat. Gleich in der ersten Folge ereilt Carrie der größtmögliche Schicksalsschlag, ihr Gatte Mr. Big stirbt an einem Herzinfarkt, einfach so kippt er vom Heimtrainer, dabei hatte man doch in die Hamptons fahren wollen. Damit verschenkt man einerseits die Gelegenheit, vom Älterwerden einer Frau in einer Ehe zu erzählen, und schickt die neuerlich ungebundene Protagonistin wieder hinaus in die Datingwelt. Das ist schade, weil es suggeriert, nur die Leben ungebundener Frauen seien erzählenswert. Andererseits kann es Carrie auch die Möglichkeit geben, einiges in ihrem Leben neu auszurichten und Prioritäten zu verschieben. Bis jetzt deutet wenig darauf hin, die Beerdigung ihres Mannes inszeniert sie als akribische Übung in Reduktion in einem vollständig weißen, leeren Raum, einzig der Blumenschmuck aus weißen Orchideen darf bleiben, aber auch nur, weil er als Geste der Versöhnung von Samantha beauftragt wurde. Und da haben wir noch nicht über ihre albernen Hüte geredet, die immer ein wenig zu dick auftragen.

Der Stil war immer ein wichtiger Bestandteil von „Sex and the City“, weil sich die Figuren nicht nur für Mode interessierten, um sich für Männer hübsch zu machen. Sie betrachteten die Kleider, Taschen und Schuhe – die von selbst verdientem Geld gekauft waren, nicht vom reichen Gönner geschenkt - als Selbstzweck. Die Stylistin Patricia Field, die damals für „Sex and the City“ zuständig war und den Stil entscheidend prägte, stattet inzwischen bei Netflix die Hauptfigur der Serie „Emily in Paris“ mit derart fragwürdigen Scheußlichkeiten aus, dass man sich fragt, ob sie entweder die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat oder heimlich an einem subversiven Camp-Gesamtkunstwerk arbeitet.

In Würde altern

Bei „And just like that“ gibt man sich redlich Mühe, in Fields Fußstapfen zu treten. Die Damen brezeln sich auf, als habe es nie einen weitgehend jogginghosenbestimmten Lockdown gegeben. Sie tragen noch immer High Heels, als sei das keine orthopädische Herausforderung und als gebe es keine  gegenteiligen Modeströmungen. Sie stopfen die Kleiderschränke voll, unberührt von Entrümpelungskünstlerin Marie Kondo oder Bedenken hinsichtlich des Einflusses der Modeindustrie auf die Umwelt, der bekanntermaßen verheerend ist. Konnte man all das vor zwanzig Jahren noch als Zeichen ihrer Selbstermächtigung lesen, so funktioniert das im Jahr 2021 nicht mehr.

Die sechs Staffeln „Sex and the City“ haben ihren Figuren immer Raum gegeben, sich über lange Zeit zu entwickeln, sich von Vorstellungen zu verabschieden und sich mit Gegebenheiten anzufreunden. Die drei Freundinnen Carrie, Miranda und Charlotte, die nun übrig geblieben sind, haben eine Entwicklung bitter nötig. Waren sie einst in ihrer Unverblümtheit der Zeit voraus, hinken sie nun dem Zeitgeist hinterher. Das ist ja eine natürliche Entwicklung, wenn man älter wird. Aber ob die Serie es wirklich wagt, diese Themen offensiv anzupacken? Wie man alternden Frauen mit Feinfühligkeit und Intelligenz einige Komik abgewinnen kann, zeigt zum Beispiel die Serie „Grace & Frankie“ mit Jane Fonda und Lily Tomlin. Man traut den Machern nach den ersten Folgen nicht so recht zu, die Protagonistinnen aus „And just like that“ in ebensolcher Würde altern zu lassen. Und das ist schade.

Die Serie „And Just like that“ startet heute um 20.15 Uhr bei Sky Comedy.

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