https://www.faz.net/-gsb-9kc9u

Amazon-Serie „The Widow“ : Die weiße Frau im Gefahrendschungel

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die Helden um Kate Beckinsale, auch der große Gegenspieler ist in diesem Kongo-Thriller ein Weißer. Warum eigentlich? Bild: Photos By: Coco Van Oppens Photo

„The Widow“ mit Kate Beckinsale nimmt sich voller Entschlossenheit eines finsteren Themas an, des Coltan-Abbaus in den Unruheprovinzen Kongos. Aber warum dürfen die afrikanischen Schauspieler nur in der zweiten Reihe stehen?

          Gott hat gut lachen. Von ganz dort oben, höher als jede Drohne fliegt, muss die Erde aussehen wie das reinste Paradies. Einmal nur möchte das clevere Teenagermädchen Adidja (Shalom Nyandiko) diese himmlische, unschuldige Perspektive genießen. Sie klettert auf einen imposanten Mammutbaum im Itombwe-Reservat, um von oben auf die Welt zu blicken – und das Paradies blickt zurück. Ein grünes Meer.

          Wenig später schnappt sich Adidja, die Kindersoldatin, wieder ihr Gewehr und schließt auf zu jenem Trupp, der sie entführt hat und zu schlimmsten Taten zwingt. Aber von nun an wird sie von einer Aureole umgeben sein, von einer engelhaften Heiligkeit. Das ist sicherlich einer der stärksten Serieneinstiege der vergangenen Jahre. Und tatsächlich überrascht an „The Widow“, dem neusten Edel-Thriller von Amazon (und ITV), die Entschlossenheit, mit der er sich an ein relevantes, aber so finsteres Thema wagt: an den korrupt und blutig umkämpften Coltanabbau mitten in den östlichen Unruheprovinzen der Demokratischen Republik Kongo.

          Action-Witwe mit hingebungsvollem Temperament

          Freilich ist das nicht die zentrale Handlung der Serie nach einem Buch der renommierten Autoren-Brüder Harry und Jack Willams („The Missing“, „Liar“), sondern lediglich der – gleichwohl eindrücklich realistisch geratene – Hintergrund für die Suche der resoluten Ex-Soldatin Georgia Wells nach ihrem verschollenen Ehemann Will (Matthew Le Nevez), der für eine Hilfsorganisation in der DR Kongo gearbeitet hat. Drei Jahre hat Georgia in dem Glauben gelebt, Witwe zu sein. Dann aber sieht sie in ihrer Heimat Wales durch Zufall einen Fernsehbeitrag über Unruhen im Kongo, in dem sie Will zu erkennen glaubt. Georgias Depression ist wie weggeblasen. So mutig wie leichtsinnig macht sie sich auf die Suche. Unterstützt wird sie im Kongo von Wills früherer Chefin Judith (Alex Kingston) und dem Kongolesen Emmanuel (Jacky Ido), einen Freund, den Georgia kennt, weil er seine Ehefrau bei ebenjenem Flugzeugabsturz verloren hat, der auch Will das Leben gekostet haben soll. Tatsächlich zeigt sich bald, dass es rund um den Absturz zahlreiche Geheimnisse gibt.

          Als Georgia sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Ehemann macht, ist die Depression wie weggeblasen.

          Man muss es wohl so sagen: „The Widow“ ist eine Star-Serie, deren vornehmliches Ziel darin besteht, die Protagonistin ins rechte Licht zu setzen. Und die kraftvolle, schöne Kate Beckinsale, die als Werwölfe jagende Vampirin mit der „Underworld“-Reihe bekannt geworden ist, dann aber etwas Pech mit ihrer Filmographie hatte – „Pearl Harbour“ brachte ihr gemeinsam mit Ben Affleck eine Nominierung für die Goldene Himbeere für das schlechteste Leinwandpaar ein –, spielt die Action-Witwe mit hingebungsvollem Angelina-Jolie-Temperament. Tempo, Dialoge, Schnitt, Musik, Spannung und Cliffhanger, das alles ist hier auf höchstem Niveau. Technisch liefern die Regisseure Oliver Blackburn und Samuel Donovan einen erstklassigen Thriller ab. Trotzdem knirscht es schon bald im erzählerischen Gebälk.

          Zum einen wirkt die Haupthandlung mit ihren Intrigen zunehmend konstruiert, zum anderen schien sie den Williams-Brüdern dramaturgisch nicht zu genügen, weshalb sie reihenweise halbherzige Nebenstränge eingeschleift haben. Dazu gehört eine gefühlige Liebesgeschichte unter Blinden: Der Isländer Ariel (Ólafur Darri Ólafsson) hat zwar noch etwas mit dem Flugzeugabsturz zu tun, aber spätestens seine Freundin Beatrix (Louise Brealey, die Molly Hooper aus „Sherlock“) wirkt nur dekorativ angestückt. So ist es auch mit den Privatproblemen Emmanuels oder einer lesbischen Liebeshandlung, die komplett verzichtbar scheint. Auch der anfangs überzeugende Blick hinter die Kulissen einer Hilfsorganisation in Kinshasa verliert mit der Zeit an Griffigkeit. Der grandiose „Game of Thrones“-Star Charles Dance wiederum wird weit unter Wert verheizt als nahezu allmächtiger Geheimdienstonkel.

          Vieles wird durch gutes Spiel und bildliche Opulenz aufgefangen, wobei nicht im Kongo gedreht wurde, sondern im südafrikanischen Kapstadt. Zu der narrativen Schwäche kommt jedoch ein weiteres Problem hinzu, eine Haltung, über die wir eigentlich hinaus waren. Dass Afrika als gesetzloser Kontinent in der Hand von Warlords porträtiert wird, mag ja zumindest für den Ost-Kongo stimmen, aber dass die afrikanischen Schauspieler stets in der zweiten Reihe zu bleiben haben, ist nicht nachvollziehbar. Mit Ausnahme des dann doch nicht allzu präsenten Emmanuel sind nicht nur die Helden – Georgia, Will, Ariel, die NGO-Mitarbeiter, der (Ex-)Agent – weiße Europäer, auch der große Gegenspieler ist eben nicht der allzu kitschig geratene kongolesische Armeegeneral (Babs Olusanmokun), sondern ein zwielichtiger weißer Südafrikaner (Bart Fouche).

          So verliert das, was diese Serie auszuzeichnen schien – ihre Positionierung inmitten der von Militärs und Rebellen, NGOs und Geheimdiensten geprägten Gegenwart der DR Kongo –, einiges von seinem Reiz. Afrika dient hier letztlich doch nur als exotische Kulisse: ein Gefahrendschungel, in dem eine weiße Frau mit umgehängter Schnellfeuerwaffe herumirrt. Das ist schade. Unterhaltsam bleibt dieser Popcorn-Thriller samt dicker Emotionskäsekruste trotzdem, doch er lässt oft daran denken, was möglich gewesen wäre.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Trumps Grönland-Idee : Eiskalte Interessen

          Manche Republikaner unterstützen die Idee von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Schließlich könnte man so den Einfluss von China und Russland begrenzen – und riesige Rohstoffvorkommen ausbeuten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.