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Amazon-Serie „The Romanoffs“ : Adel schlägt sich, Adel verträgt sich

Klassenunterschiede: Marthe Keller (links) und Inès Melab in „The Romanoffs“. Bild: Amazon/Chris Raphael

Der „Mad Men“-Schöpfer Matthew Weiner lässt bei Amazon seine nächste Serie funkeln: „The Romanoffs“ erzählt von großen Dramen, großen Gefühlen und großen Intrigen. Das ist episches Fernsehen vom Feinsten.

          3 Min.

          Wer will schon aufhören, wenn es vermeintlich am schönsten ist – und sich um all das bringen, was noch kommen kann? Der „Sopranos“-Autor und „Mad Men“-Schöpfer Matthew Weiner hat nach dem Ende seiner Serie um den Werber Don Draper, als deren Drehbuchschreiber, Produzent und Regisseur er Fernsehgeschichte schrieb, wohl nur kurz mit dem Gedanken gespielt, eine längere Pause einzulegen oder gar das Metier zu wechseln – und einen Roman verfasst: „Alles über Heather“. Schön und gut, aber mehr als eine Fingerübung war das nicht und erregte nicht halb so viel Aufmerksamkeit wie Weiners „Mad Men“-Mitautorin Kate Gordon, als sie ihm vorwarf, er habe zehn Jahre zuvor ihr gegenüber eine anzügliche Bemerkung gemacht. Was Weiner stets bestritt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun ist Weiner jenseits des Boulevards zurück im Rampenlicht, mit einer brillanten Miniserie für Amazon: „The Romanoffs“. In ihr spielt er gewohnt raffiniert durch, was ihn schon am Wohl und Wehe der Männer und Frauen von der Madison Avenue interessierte: Es geht um glorreiche Abstürze im Zeitlupentempo und zäh errungene, dadurch aber nicht weniger unwahrscheinliche Aufstiege. Es geht um Machtverschiebungen, die sich in Details andeuten, bis sie ein ganzes Gefüge zum Einsturz bringen; um Beziehungen, die für einen ganzen Kulturraum in einer bestimmten Epoche stehen und das schleichende Gift erkalteter Liebe, von der man – so lehrt eine Episode – besser Abschied nehmen sollte, bevor einer den anderen umbringt. Vor allem aber geht es auf hintergründige Weise um die popkulturelle Faszination unserer Gegenwart für „Real Crime“, echte Verbrechen, und die Fiktionen, die sich daran knüpfen. Nicht umsonst trägt Weiners jüngstes Werk in sechs mal anderthalb Stunden den Namen einer Familie, von der die meisten nicht viel mehr wissen, als dass sie 1918 von Bolschewiken erschossen wurde.

          Gehören sie auch zum Adelsclan? Szene aus „The Romanoffs“.
          Gehören sie auch zum Adelsclan? Szene aus „The Romanoffs“. : Bild: Photo: Jan thijs

          Für Überlebende der russischen Zarenfamilie gaben sich seither so einige aus: Anna Anderson, die vermeintliche Großherzogin Anastasia, und Marga Boodts, angeblich Großherzogin Olga, sind nur die Bekanntesten. Weiner spinnt weiter, wie das märchenhaft überfrachtete Massaker, angereichert mit Rasputin-Spuk, Heiligenkult, Alteuropa-Sehnsucht und imperialem Stolz den unterschiedlichsten Menschen zu Kopf steigt. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir ja wirklich wahre Aristokraten statt bloße Selbstdarsteller? Wahn und Wirklichkeit sind kaum zu unterscheiden in „The Romanoffs“. Letztlich geht es immer darum, seine eigene Wirklichkeit zu schaffen und gegen die Zumutungen anderer zu verteidigen. Zum Vergnügen am ironischen Spiel mit dem Spiel trägt bei, dass alte Bekannte aus „Mad Men“ wie John Slattery und Christina Hendricks an der Seite internationaler Stars auftreten.

          Die Fernsehdiva Christina Hendricks etwa gibt in der dritten Episode – eine Fernsehdiva, die auf dem Weg zum Set in der tief verschatteten österreichischen Einöde durch ein Drehbuch blättert: „The Romanoffs“ heißt das Projekt, dessen Regisseurin in Gestalt von Isabelle Huppert Hexenhaftigkeit versprüht. Der Rasputin-Darsteller steigert sich in sein Method-Acting, im Hotel wird ein Geist gesehen, das deutschsprachige Team bellt Befehle, die französische Regisseurin spricht in russischen Zungen, und die Diva bangt um ihr Leben. Kann man jemanden zu Tode ängstigen?

          Das würde der von Aaron Eckhart verkörperte Erbschleicher, der in Paris seine Tante (Marthe Keller) in ihrem Belle-Époque-Apartment mit Fabergé-Ei im Regal charmiert, wohl nur allzu gerne. Doch selbst als er der alten Dame, deren Auftreten den Snobismus der Noblesse immer neu auf die Spitze treibt, eine junge Muslima (Ines Melab) mit Kopftuch als Betreuerin in die Wohnung setzt, zeitigt das nicht den gewünschten Effekt. Im Gegenteil. Die Alte sagt, sie entstamme der Zarenfamilie. Und wenn es um die Dynastie geht, werden die unmöglichsten Allianzen möglich. Die messerscharfen Dialoge der Episode „The Purple Sky“ zeigen Weiner in Bestform, und die ebenso sorgfältig arrangierten wie ausgestatteten Interieurszenen entfalten eine boshafte Poesie. So geht es weiter zu einem amerikanischen Michael Romanoff (Corey Stoll), der als Geschworener zu Gericht sitzt in einem Fall ausgesuchter Grausamkeit, aber nur Augen hat für die schlanken Fesseln einer Mitgeschworenen. Es kann kein gutes Ende nehmen, so viel ist klar. Die Frage ist nur: Für wen?

          Wer sich bei „Mad Men“ gelangweilt hat, wird auch an Weiners neuer Serie kaum Gefallen finden: Er dehnt die Zeit, verweilt bei Details, lässt lieber Dialoge oder Musik als Handlungen sprechen und die Figuren sich vorantasten, bis es zum großen Knall kommt. Statt Spannungsbögen in Spielfilmlänge zu konstruieren, knüpft er lieber ein loses Netz aus Querverweisen. Gerade das aber macht, getragen von dem exzellenten Ensemble, den Charme der „Romanoffs“ aus. Kaum eine Episode, nach der einem nicht einzelne Augenblicke noch vor Augen stehen: der Stoß in den Rücken am Abgrund, der starre Blick der Zarin, die Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht vor dem Spiegel. Kein Zweifel: Der alte Adel lebt.

          The Romanoffs, von heute, Freitag, 13. Oktober, an bei Amazon Prime.

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