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Amazon-Serie „Rellik“ : Verkehrte Welt

  • -Aktualisiert am

Passend zur dunklen Grundstimmung der Serie: Richard Dormer als Gabriel auf dem Friedhof. Bild: obs

In der Amazon-Serie „Rellik“ sucht der nach einem Säureangriff entstellte Detective Gabriel Markham einen Serienmörder. Nicht nur der Titel der Serie ist kryptisch, sie besticht durch ihre verquere Erzählweise.

          Verflucht ist, wer bei wirkmächtigen Produktionen wie „Game of Thrones“ mit von der Partie sein durfte: Man wird auf ewig mit der dort eingenommenen Rolle, nicht aber mit bemerkenswerten alten oder neuen Auftritten verbunden. Der nordirische Schauspieler Richard Dormer, der in „Game of Thrones“ als Beric Dondarrion zu sehen ist, den mehrfach wiederbelebten Anführer der Bruderschaft ohne Banner, versucht sich von diesem Fluch unter anderem mit einer Hauptrolle zu befreien, für die ein handfertiger Maskenbilder sein Gesicht auf das Grässlichste entstellte.

          In der von BBC und Cinemax in Auftrag gegebenen Serie „Rellik“, die nun auf Amazon läuft, spielt Dormer das Opfer einer Säure-Attacke. Sein linkes Auge ist zugeschwollen, er kann kaum noch sehen. Die Creme, die er aufträgt, die Wasserladungen, die er über die Narbenlandschaft zwischen Stirn und Hals kippt, und das Dosenbier in schlaflosen Nächten können die Schmerzen nur mäßig eindämmen. Schlucken und Sprechen fällt schwer.

          Aber arbeiten, das kann der Mann noch. Oder zumindest besteht er darauf, weil sein Job aus der Suche nach dem Täter besteht. Gabriel Markham ist Detective Chief Inspector in London. Der Säure-Angriff auf ihn ereignete sich bei der Fahndung nach einem Serienmörder, über den wir so wenig wissen wie über die Opfer. Dabei scheint die Suche schnell zu Ende: Ein Verdächtiger, der Fingerabdrücke am Tatort des letzten Mordes hinterließ, wird in einem Park gestellt – und von einem nervösen Scharfschützen erschossen. Die Polizei feiert: Gefasst ist gefasst. An Markham freilich nagen selbst dann noch Zweifel, als ihn seine Kollegin Elaine Shepard (Jodi Balfour) auf andere Gedanken zu bringen versucht. Er hält es für unwahrscheinlich, dass der an Schizophrenie leidende Familienvater Steven Mills sieben Menschen ermordet hat, zwischen denen es keinen erkennbaren Zusammenhang gibt. Also weiter, ein Ermittler muss tun, was ein Ermittler tun muss. Als Opfer will Markham, der beim Blick auf sein Antlitz im Spiegel in eine Identitätskrise rutscht, erst recht Antworten.

          Ungewöhnlich ist die Struktur der Serie von Harry und Jack Williams. Sie greifen auf eine Erzählweise zurück, die an Christopher Nolans Kinofilm „Memento“ erinnert: Das Geschehen wird gegen den Strich gebürstet und „rückwärts“ geschildert. Szene um Szene seilt sich „Rellik“ in die Vorgeschichte der Schüsse im Park ab. „10 Stunden und 28 Minuten zuvor“ steht im Bild. „5Stunden und 10 Minuten zuvor“, „3 Stunden und 33 Minuten zuvor“. Es geht immer weiter, auch in großen Sprüngen: „16 Tage zuvor“. Die Bilder jeder Szene werden vor jedem neuen Rücksprung kurz in die falsche Richtung gespult. Dramatische Wolken werden kleiner, abgebrannte Zigaretten länger, Gegenstände im Feuer finden zu Form, anstatt zu zerschmelzen. Regen fällt nicht, er steigt empor.

          Die Spielerei erklärt auch den kryptischen Titel der Reihe („Rellik“ heißt „Killer“), und in der ersten Folge bleibt sie durchaus attraktiv, während man sich fragt, ob der Gewohnheitseffekt eintritt, bevor wir bei einem makellosen Gesicht des Detectives, bei einem Täter ohne seelische Verwundung und die Serie selbst bei so etwas wie Licht angelangt ist. Wird es das geben: Licht? Die Grundstimmung in „Rellik“ ist so schwarz, wie es bei der Geschichte eines Mehrfachmörders sein muss; mitunter gespenstisch, wenn Markham nachts einen Friedhof besucht, um seine Hände im Kies über einem Sarg zu vergraben. Jetzt darf sich die Serie, mit der die BBC Elemente des „Nordic Noir“-Genres aufgreift und veredelt, nur nicht zu tief im Privatleben der Ermittler verheddern. Wenn schon verquere Erzählweise, dann bitte konsequent.

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