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Amazon-Serie „Fair Trade“ : Belgien ist eine Bananenrepublik

  • -Aktualisiert am

Spielen nicht das idealtypische Ermittlerpaar: Ella-June Henrard und Kevin Janssens. Bild: Amazon

Die Krimiserie „Fair Trade“, die Amazon Prime im werbefinanzierten „Freevee“-Programm zeigt, hat Witz und Charme und leichte Längen. Nur sehr belgisch wirkt sie leider nicht.

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          Armes Flandern. Wie gut, dass Du nicht reich bist. So reich und satt wie die ähnlich kleine Schweiz etwa, die in serientechnischer Hinsicht trotz atemberaubender Kulissen so gut wie gar nichts zu bieten hat. Das bis auf wenige herausgeputzte Boulevards eher triste, schmuddelige Belgien – Nationalgericht: Pommes; Wahrzeichen: pinkelnder Knabe – hat dagegen den Bildschirmdreh raus.

          Eine phantastisch verrückte Serie nach der anderen entsteht im Reich der düsteren Hinterhöfe. Indem man Tristesse und Schmuddeligkeit nicht versteckt, sondern selbstbewusst ins Zentrum der eher preiswerten Produktionen rückt, mit der richtigen Portion Sozialexistenzialismus abmischt (eingedenk des Kinos von Chantal Akerman oder den Dardenne-Brüdern), ohne auf surrealen Witz und Selbstironie zu verzichten – kaum ein Film steht dafür so idealtypisch wie „Die Beschissenheit der Dinge“ von 2009 –, ist etwas Wertvolles entstanden: eine Art Markenidentität für ungefiltert wirkende Fernsehmärchen, die von einem faszinierenden Realismus geprägt sind und doch eine magische Aura besitzen. Zuletzt wurde das aufregend umgesetzt in der Mysterygeschichte „Unseen“.

          Serien aus Belgien haben eigenen Touch

          Selbst Krimiserien aus Belgien („Public Enemy“, „The Break“, „Zimmer 108“) haben oft einen eigenen Touch. Da ist eine innere Zerrissenheit oder glaubhafte Erschöpfung der Protagonisten, die gern in düsteren, wackelig-grobkörnigen Bildern gespiegelt wird. Es sind Figuren, die tatsächlich leiden und nicht bloß ihr Elend im Whiskyglas ertränken. Vom harten Schicksal junger Frauen aus Osteuropa, die als Tänzerinnen angelockt und dann zur Prostitution gezwungen werden, ohne dass die bis ins Mark korrupte Polizei ihnen zu Hilfe käme, erzählte vor einigen Jahren die schmutzig-realistische Serie „Matrioshki – Mädchenhändler“ von Marc Punt. Mit seiner auf der werbefinanzierten Amazon-Plattform „Freevee“ präsentierten Serie „Fair Trade“ zeigt derselbe Marc Punt, dass es in Belgien auch grell und laut geht. Gefallene Helden gibt es hier erneut, aber sie fallen eine Spur zu elegant.

          Das Dringliche und Existenzielle beim Blick auf die Korruption unter Ordnungshütern wurde leider eingetauscht gegen eine dröhnende Hochglanzkaputtheit, die zu lauter Musik und knallig selbstverliebten Bildern zelebriert wird. Mindestens einmal pro Folge muss der immer weiter ins Kriminelle abschmierende Protagonist, der beim Antwerpener Drogendezernat arbeitende und fleißig Schmiergeld kassierende Kommissar Walter Wilson (Kevin Janssens), eine wilde Koks-und-Nutten-Nummer abziehen, die so austauschbar wirkt, wie es sich anhört. Danach ertränkt er sein Elend im Whiskyglas. Ein Elend, das nicht einmal nachvollziehbar wirkt: Er wohnt einfach zu teuer für ein Polizistengehalt; aber allein in dieser Villa, das muss ja auch nicht sein. An seiner Seite steht die lesbische Mitarbeiterin Robin (Ella-June Henrard), mit der Wilson seine illegalen Einkünfte teilt. Ein Intimfeind auf dem Revier (Axel Daeseleire) macht ihnen das Leben schwer.

          Obwohl die Larmoyanz des Helden auf Dauer strapazierend wirkt und auch der übrige, wohl als international vermarktbar intendierte Plot nicht vor Originalität sprüht – drei Drogenbosse samt martialischer Entourage kämpfen um die Vorherrschaft in der Stadt, was zu allerlei Allianzen und Blutfehden führt –, machen das hohe Erzähltempo, die abrupten Handlungswechsel und der oft gelungen schräge Witz die Gaunerkomödie „Fair Trade“ doch zu einer ziemlich unterhaltsamen Angelegenheit.

          Der Kriminelle beschwert sich

          Die Komik verdankt sich häufig der Figur des sympathischen örtlichen Paten Patrick Paternoster (Peter Van den Begin) sowie seinen begriffsstutzigen, stets süße Teilchen verputzenden Gehilfen, Typ Hells Angels mit Herz. Van den Begins Mimik ist ein Ereignis, aber er hat auch köstliche Dialogzeilen abbekommen, wenn er sich als rechtschaffener Krimineller etwa echauffiert, das konfiszierte Drogengeld nicht zurückzuerhalten: „Was ist das für eine Bananenrepublik hier?“ Patricks ukrainische Geliebte (Kseniya Mishina), ehemals Prostituierte, wickelt ihn dabei so sehr um den Finger wie umgekehrt. Und bei aller Possenhaftigkeit ist es schon auch witzig, dass es selbst nach Mord und Totschlag nie gelingt, Kriminelle dingfest zu machen, weil stets dieselbe Anwältin (Tine Reymer) auftaucht, die jedes Mal Verfahrensfehler findet, die gleich zur Freilassung führen.

          Erkennbar hat sich Punt, der auch Regie führte, an einer Vorlage wie „Fargo“ orientiert. Auch seine Erzählung tänzelt stets an der Grenze zum Grotesken entlang und stürzt sich mit Lust ins Plot-Chaos, das sich irgendwann nur noch mit Schusswaffen lösen lässt. Die Protagonisten folgen durchaus einem moralischen Kompass, nur stimmt der Weg nicht unbedingt mit dem gesetzlich vorgeschriebenen überein.

          An die erzählerische Klasse von Noah Hawley reicht Marc Punt nicht heran, und auch der weitgehende Verzicht auf die belgische Spezialität, die schräge Komik mit einer authentischen Tragik zu verbinden, bleibt bedauerlich. Trotzdem wächst von Folge zu Folge die Neugierde darauf, wie sich Walter und Robin aus ihrer immer aussichtsloser werdenden Malaise wieder befreien wollen. In Belgien war „Fair ­Trade“ sehr erfolgreich; die Fortsetzung steht schon in den Startlöchern. „Armes Flandern“ lauten die letzten Worte der ersten Staffel: „Du musst zugeben, dass hier doch so einiges im Argen liegt.“ Daraus Seriengold zu machen mag diesmal nicht restlos geglückt sein, aber Seriensilber ist es allemal.

          Fair Trade ist von diesem Freitag an auf Freevee (Amazon Prime) abrufbar.

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