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Amazon Primes „El Internado“ : Allemal besser als Homeschooling

  • -Aktualisiert am

Haben wenig zu lachen: die Schüler in der Serie „El Internado“ Bild: Amazon Prime Video

Amazon legt die spanische Kultserie „El Internado“ neu auf und sperrt Schüler in einen rätselhaften Schulknast. Geboten werden ein sadistischer Sportlehrer, Medizinexperimente und grausame Ritualmorde.

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          Genau siebzig Jahre nach Holden Caulfields empfindsamer Reise ans Ende der juvenilen Nacht haben Teenager immer noch ähnlich existentielle Probleme mit der Verlogenheit der Welt und dem Erwachen des Begehrens wie der „Fänger im Roggen“, nur dass sie für ihren Weltschmerz kaum mehr Zeit finden vor lauter Leistungs-, Termin- und Social-Media-Stress. Noch einmal krasser gefordert sind freilich die Schüler des abgeschiedenen Schwererziehbaren-Internats „Las Cumbres“ – dank CGI-Technik dramatisch auf Felsgipfeln gelegen, auch wenn sich das als Kulisse dienende Kloster Iratxe eigentlich in der Ebene befindet –, denn in dieser formal von Dominikanern, tatsächlich aber von der undurchschaubaren Rektorin Mara (Natalia Dicenta) und ihrem Vorgesetzten respektive Geliebten Darío (Ramiro Blas) geleiteten Einrichtung, die einem Gefängnis gleicht, gilt es, einfach nur zu überleben. Rausfliegen, wie es Holden mit seinen Internaten praktizierte, wäre ein Segen.

          Da sind nicht nur Verhaltensregeln und Frontalunterricht-Methoden, wie es sie in Spanien wohl zuletzt in der Franco-Ära gab, sondern auch drakonische Strafen wie Kerkerhaft und Kahlscheren für kleinste Vergehen, die der sadistische Sicherheitschef, der selbstredend auch der Sportlehrer ist, gern eigenhändig vornimmt. Zudem gibt es Medizinexperimente, spukende Geister der Vergangenheit und grausame Ritualmorde. Hinter Letzteren könnte eine unsichtbare Satanisten-Loge stehen, so zumindest reimen sich die von Albträumen geplagten Eleven die Dinge zusammen. Es kommen dann auch, emotional nicht weniger fordernd, die üblichen Teenagerthemen hinzu: erste Liebe, pubertärer Trotz und gnadenloses Mobbing. Mit einem Wort: Es ist das perfekte Abenteuer-Setting, um dramatisch jung zu sein. Gemeinsam den großen Ausbruch planen, heimlich Mönchen nachspionieren – selbst der gute Bruder Elias (Alberto Amarilla), der sich mit der Schulleitung anlegt, hat seine dunklen Seiten –, in der Bibliothek bei Kerzenschein auf finstere Legenden stoßen, düstere Geheimgänge entdecken und sich bei alldem unsterblich ineinander verlieben: Was könnte gemeinschafts- und identitätsstiftender sein? Hier blühte selbst Salingers Einzelgänger auf. Und besser als Homeschooling ist es allemal.

          Tatsächlich besitzt die von Laura Belloso, Asier Andueza, Sara Belloso und Abraham Sastre geschriebene Serie das Zeug dazu, ebenso zum Kultformat beim jungen Publikum zu werden wie die sieben Staffeln umfassende Vorlage „El Internado: Laguna Negra“, die von 2007 bis 2010 auf dem spanischen Sender Antena 3 (und später auf Netflix) gelaufen ist. Darin ging es um ein Internat für Reiche, in dem sich ebenfalls mysteriöse, mörderische Ereignisse häuften, was auf vertrackte Weise mit einem Virus, einer Art Frankenstein-Maschine und – tatsächlich – Nazis zu tun hatte. Und doch ging es in erster Linie um Freundschaft.

          Dieser schrägen Mischung aus romantischem Melodram und Hardcore-Thriller steht die Neuauflage nicht nach, wobei der Science-Fiction-Anteil zugunsten einer stärkeren Okkultismus-Aufladung zurückgefahren wurde. Die Regisseure Jesús Rodrigo, Carles Torrens und Denis Rovira durften sich mit vollem Filter-, Gefühls- und Musikeinsatz austoben: In den Kussszenen schmilzt auch der Bildschirm dahin, die Gruselmomente erinnern mal an „Harry Potter“, mal an „Der Exorzist“, die Darstellung des totalregulierten Schulalltags besitzt eine Anmutung von „Handmaid’s Tale“ und Bruder Elias bringt eine Portion „Name der Rose“ hinein. Trotz der wilden Genremixtur hat man jederzeit das Gefühl, sich in einer waschechten Internatsserie zu befinden, denn für die Koalitionen und Zerwürfnisse der Heranwachsenden bleibt viel Zeit.

          Natürlich ist der Plot ein haarsträubender Quatsch, aber das gilt für die meisten Mystery-Thriller, ohne dass es ein valides Gegenargument wäre. Nachvollziehbarkeit aber ist hier zweitrangig: Für jedes gelüftete Geheimnis entstehen zwei neue. Auch bleibt in dieser ersten Staffel, die gleichermaßen Hinweise auf bösartig-szientifische wie auf mittelalterlich-okkulte Erklärungen gibt, unentschieden, ob sich das Übernatürliche auch jenseits der manipulierten Psychen der Figuren abspielt. Dafür erfüllen die geradezu unentrinnbaren Einheiten von Raum, Zeit und Handlung die aristotelische Dramentheorie nach Lehrbuch.

          Ihre Überzeugungskraft verdankt die eher langsam erzählte Serie dem energiegeladenen Spiel der jungen Darsteller. Im Vordergrund stehen die aufmüpfige Amaia (Asia Ortega), die eingangs einen fatalen Fluchtversuch unternimmt, der reflektiert wirkende Paul (Albert Salazar), seine ängstlich eifersüchtige Schwester Adele (Daniela Rubio) und vor allem die eigentümliche Sonderrechte besitzende Inés (Claudia Riera), die Tochter Daríos, die in der Schule ihre Amnesie nach einem traumatischen Ereignis überwinden soll. Wie sich diese Erzähllinien zu einem rätselhaften und hormonell übersteuerten Coming-of-Age-Märchen verknäueln, das ist so charmant, wie gute Jugendliteratur nur sein kann.

          El Internado: Las Cumbres ist auf Amazon Prime Video abrufbar.

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