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Amazon-Serie „Hand of God“ : Wieso spricht ein Richter mit Gott?

  • -Aktualisiert am

Springt in den Brunnen und gibt archaischen Singsang von sich: Ron Perlman spielt den unorthodox auftretenden Richter Pernell Harris. Bild: Photo by Karen Ballard/Amazon

Wenn Amazon eine neue Serie auflegt, sagen die Beteiligten immer, wie großartig das alles sei. Zu „Hand of God“ bekennt ein Hauptdarsteller nun auch noch, er „liebe“ Angela Merkel. Die Serie indes handelt von recht seltsamen Figuren.

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          Selbstbeweihräucherung gehört zum Geschäft. Wenn ein Sender eine neue Serie vorstellt, loben die Protagonisten das Projekt, mehr oder weniger überzeugend. Bei der Amazon-Serie „Hand of God“ übersteigt der Lobpreis in eigener Sache das Maß des Üblichen noch. Da ist von „Inspiration“ und „Rettung“ die Rede, so dass man an die „Hand Gottes“ denkt, die Diego Maradona bei seinem berühmten Tor-Streich bemühte.

          Im Berliner Adlon-Hotel sitzt der Drehbuchautor Ben Watkins neben dem Regisseur Marc Forster und schildert, wie ungewöhnlich die Zusammenarbeit war. Etwa wie man die Anfangsszene fand, in der Richter Pernell Harris (Ron Perlman) nackt in einem Brunnen unverständlichen Singsang von sich gibt und die Hände zum Himmel streckt. Sie seien an einem Park in San Pedro bei Los Angeles vorbeigefahren, plötzlich habe der Regisseur „Stopp“ gerufen und den Platz für die Szene bestimmt. Forster schätzt an Watkins’ Buch besonders, „dass alle Charaktere eine gewisse Unruhe in sich selbst tragen“.

          Innere Unruhe ist Pflicht

          Die Serie „Hand of God“ ist in der Tat von Unruhe bestimmt. Sie handelt von einem Richter, der das Gesetz schon mal beugt, seine Ehefrau betrügt und nur eine Mission zu kennen scheint: den Vergewaltiger seiner Schwiegertochter Jocelyn zur Strecke zu bringen. Harris’ Sohn liegt nach einem Selbstmordversuch im Koma und sendet dem Vater Botschaften. Von Gott? Auf jeden Fall hat der dubiose Prediger Paul Curtis (Julian Morris) leichtes Spiel, seine Interessen mit denen des Richters zu verknüpfen. Seine Kirche heißt: Hand of God.

          Den Betrüger in Soutane gibt Julian Morris als modernen Mephisto. Das sei die Rolle seines Lebens, sagt Morris. Beim Casting hatte er einen Vorteil: Wenn er aus der Schule gekommen sei, habe er den Bibelkanal oder Shoppingsender gesehen und sich davon überzeugt, dass man mit Charisma alles verkaufen könne: Staubsauger wie Religion. Ob das das deutsche Publikum mag?

          „Ich liebe Angela Merkel“

          Morris ist das wichtig, er hat eine seltsame Schwäche für die Bundeskanzlerin. „Ich liebe Angela Merkel“, ruft er und springt auf, um die Merkel-Raute zu bilden. Sie sei Europas beste Politikerin und führe in einem säkularen Land eine Partei, die das Christliche im Namen trage. Dank Amazon könnten nun religiöse Themen auch in den Vereinigten Staaten unverkrampft fürs Fernsehen verarbeitet werden. „Sie machen großes Fernsehen“, sagt Morris, „nicht für Unterschreiber oder Redakteure, sondern für Liebhaber.“ Fast wortgleich hatte Marc Forster vorher die von ihm selbst gestellte Frage beantwortet: „Warum ist Kino so mutlos geworden? Weil die Private-Equity-Investoren immer konservativer werden und sich den größten Reibach von einer weiteren Fortsetzung deines Blockbusters versprechen. Für ,Hand of God‘ würdest du als Kinofilm kaum Investoren finden.“

          Der Hauptdarsteller Ron Perlman sieht das nicht anders. Der Grund, warum Fernsehen und Kino in so unterschiedlichem Zustand seien, sei ökonomischer Natur. Im Fernsehen sei tiefgründiges Geschichtenerzählen möglich. Sein Richter Pernell Harris sei „ein Puzzle“, sagt Perlman. „Er ist einer wie König Lear. Jeder ist von seinen Stimmungen abhängig.“ Dass Amazon so viel „gefährliches Material“ als Serienstoff auswähle, sei beachtlich.

          In seinem Element: Richter Pernell Harris (Ron Perlman).

          Der Amazon-Sprecher Tobias Tringali sagt, die Serien seien „ein Geschäft, das sich auf alle Fälle lohnt“ - um Amazon-Prime-Kunden zu halten. Zudem habe sich herumgesprochen, „dass wir eine ungewöhnliche Serie nach der anderen machen, die auch noch preisgekrönt werden“. Auf Kritiker höre man „gar nicht. Wo ein Sender sagt, das lassen wir, das wollen unsere Kunden nicht sehen, lassen wir es offen. Wir gehen nicht auf Nummer Sicher.“ Die Zuschauer entschieden über die Pilotfilme, dann gehe man an den Start.

          Der Prediger: Julian Morris (links) spielt einen Blender vor dem Herrn.

          Ob das wirklich so ist? Konkrete Zahlen gibt Amazon zur Nutzung der Serien nicht preis, ob kommt, was das Publikum will, oder nicht andere Gründe die Entscheidung für eine Produktion prägen? „Hand of God“ ist im Original seit Anfang September bei Amazon Prime zu sehen. Es laufe überdurchschnittlich gut, sagt Tringali. Die Entscheidung über eine Fortsetzung liege derweil nicht in Gottes Hand, darüber stimme letztlich das Publikum in Japan und Deutschland ab. Seit Freitag ist „Hand of God“ deutsch synchronisiert zu sehen. Auf das Oxford-Englisch, das Julian Morris als Prediger spricht, sollte man aber auch einmal umschalten.

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