https://www.faz.net/-gsb-ailj3

Serie „Die Wespe“ bei Sky : Alles, was er will, ist ein Comeback

Erbitterte Rivalen: Eddie (Florian Lukas) und Kevin (Leonard Scheicher) kämpfen um den Sieg. Bild: Sky

Ein abgehalfterter Darts-Champion trifft ins Schwarze: Mit „Die Wespe“ bringt Sky eine Serie ins deutsche Fernsehen, die in Sachen Komik ihresgleichen sucht.

          3 Min.

          Sein Name ist Frotzke. Eddie Frotzke. Und er ist ziemlich weit unten. Viel weiter geht es eigentlich nicht. Doch das sieht Eddie – noch – anders. Er hält sich für den Größten, witzig, charmant, clever. So rollt er morgens aus dem Bett, hält das schon für eine reife Leistung, wirft sich in den Trainingsanzug, lässt sich von seiner Frau Manu bedienen und schlurft zur Garage. Das erste Bierchen, eine halbe Packung Kippen hat er schon konsumiert, löst ein Kreuzworträtsel, döst ein, bis ihn sein Adlatus Kevin mit lautem Hupen weckt: Eddie muss zum Turnier, die „Wuppertal Open“, 500 Euro gibt es für den ersten, 250 für den zweiten, einen Tankgutschein für den dritten Platz. Und wenn sie sich im Hotel, das ein Schimmelproblem hat, über den Gestank beschweren, meint Manu, gibt es das Frühstück gratis. Aus dem Autoradio scheppert Peter Maffays „Und es war Sommer“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So sieht es aus, das Leben von Eddie Frotzke, genannt „Die Wespe“, ehemaliger Deutscher Meister im Darts, 1997 und 1999. Dass er ein Turnier gewonnen hat, ist ewig lange her. Heute zockt Eddie mit Kevin ein paar Angeber in der Kneipe ab. Da trifft er die Scheibe, wie es sein soll, die Triple 20, die Triple 19 und sogar das Bullseye. Beim Turnier gestaltet sich das dann allerdings anders. Sein Kumpel Nobbe indes schafft es nicht einmal bis zur Anmeldung, sondern kippt, voll bis unter die Haube, vom Stuhl und muss sich von Eddie ins Hotel schleppen lassen. Am nächsten Morgen vermisst der sein Rasierwasser. Auch das hat Nobbe weggeschluckt.

          Mit großen Gespür für lakonische Komik

          Es geht noch doller, und es geht noch weiter nach unten in der Comedy-Serie „Die Wespe“, die von heute an bei Sky läuft und zum Witzigsten gehört, was das deutsche Fernsehen seit Langem zu bieten hat. Die Besetzung ist eine Wucht: Florian Lukas schlurft als Großmaul-Loser mit Bierbauch, Vokuhila und Schnauzer durch die Szenerie. Lisa Wagner gibt in der Rolle von Eddies Frau Manu zwar den Ton an, ist aber vor sich selbst weggelaufen und weiß, dass es so nicht weitergeht. Das gilt auch für den von Leonard Scheicher gütig-naiv angelegten Kevin, den „Ziehsohn“ der beiden, dessen Position in der Familienaufstellung sich bald radikal verändert. Für Ulrich Noethens goldbehängte Schnapsleiche Nobbe schließlich scheint jeder Zug abgefahren zu sein. Gilt das für Eddie, der „nüscht“ außer Pfeile werfen kann, nach einem für ihn fatalen Showdown mit Kevin ebenfalls? Eddie droht ein lebenslanges Turnierverbot, Sportinvalide ist er nun obendrein. Doch die Plot-Entwickler haben mit ihm zu unserem Vergnügen Gott sei Dank noch etwas vor.

          Die Idee und die Drehbücher zu dieser aberwitzigen Dart-Milieustudie stammen von Jan Berger. Er schreibt mit Liebe zu seinen Figuren, bestückt die Dialoge mit trockenen Gags in Serie („Glaubst du ernsthaft, ich komm zu dir zurück, weil du zum ersten Mal in deinem Leben eine Hose mit Reißverschluss trägst?“) und vermag es ganz nebenbei spielerisch leicht, den Zuschauern die nötigsten Grundkenntnisse über das Darts-Spiel zu vermitteln. Die Regisseurin Hermine Huntgeburth inszeniert das mit dem großen Gespür für lakonische Komik, das ihre Arbeit („Neue Vahr Süd“, „Männertreu“, „Ruhe! Hier stirbt Lothar“) seit Jahrzehnten auszeichnet. Die Kamera von Sebastian Edschmid ist mal nah, mal fern und ist auch bei den von Eva Schnare und Janina Gerkens kunstvoll geschnittenen Albtraumsequenzen, für die David Lynch Pate gestanden haben könnte, auf der Höhe. Nehmen wir noch den coolen Soundtrack und die Handlungsvolten, die Jan Berger parat hat, hinzu, fehlt es an nichts.

          Eddie freilich fehlt es an allem außer dem Willen zum Comeback, das ihm niemand zutraut. Er trifft ja nicht einmal die Scheibe. Doch was soll ihn hindern? Der Engländer Jamie Caven, genannt „Jabba“, der auf einem Auge blind ist, weil ihn im Säuglingsalter eine Biene ins Auge stach, hat es (im wahren Leben) auch mehrmals in die Endrunde der Weltmeisterschaft gebracht. Davor müsste Eddie freilich erst einmal gegen jemanden gewinnen, mit dessen wiedererwachten Ambitionen niemand gerechnet hat, am allerwenigsten Eddie.

          Am Ende von sechs Folgen, die Sky an drei Abenden durchspielt, ist Eddie beseelt: „Ick war wieder in der Zone, Nobbe. Et war wie früher. Ich war eins mit dem Pfeil und dem Universum.“ Was das heißt, weiß sein Kumpel, der auf Tabletten herumkaut, die ihn vom Suff abhalten sollen: „Die Wespe ist wieder da.“ Wobei es für Eddie und Nobbe am Ende der sechsten Folge nicht wirklich besser aussieht als zu Beginn. Eine wunderbare Vorlage für eine Fortsetzung. Da stehen noch mehrere Revanchen aus.

          Die Wespe beginnt an diesem Freitag um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge bei Sky One.

          Weitere Themen

          Ich-Entfesselung

          „Der Nagel im Kopf“ : Ich-Entfesselung

          Paul Nizons neuer Band mit Journal-Einträgen aus den Jahren 2011 bis 2020 ist das Dokument eines erst scheiternden und nun geretteten Lebensstoffs.

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Sein Weg führte nach Westen

          Ausstellung zu Prousts Paris : Sein Weg führte nach Westen

          Im Jahr der hundertsten Wiederkehr seines Todestages zeigt das Musée Carnavalet die Pariser Welt von und um Marcel Proust. Der Besucher betritt Räume der Überfülle und erlebt viele Überraschungen.

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

          Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

          Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?