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50 Jahre „Aktenzeichen XY“ : Verbrecherjagd statt Fernsehkrimi

Moderator Eduard Zimmermann, 1972, zu sehen mit einer typischen Handbewegung im Studio der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Bild: dpa

Die altehrwürdige ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ macht Zuschauer zu Gehilfen der Kripo. Oft wurde sie kritisiert, dabei liegt ihr Interesse bis heute nicht im Spektakel, sondern im Fahndungserfolg.

          Die Sendung „Aktenzeichen XY“ begann, wie es sich für einen Fernseh-Klassiker gehört, mit einem denkbar schlichten Satz: „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen, das ist, meine Damen und Herren, der Sinn unserer neuen Sendereihe ,Aktenzeichen XY ... ungelöst‘, die ich Ihnen heute vorstellen möchte“, sagte Eduard Zimmermann am Abend des 20. Oktober 1967. In inzwischen 523 Ausgaben hat sich „Aktenzeichen“ diesem Ziel verschrieben, mit einigem Erfolg. Von 4586 in der Sendung dargestellten Fällen wurden 1853 gelöst, bei den von Zimmermann und seinen Nachfolgern aufgriffenen 1502 Fällen von Mord und Totschlag gab es 623 Mal einen Fahndungserfolg. Die Aufklärungsquote liegt bei mehr als vierzig Prozent, und das soll, wenn es nach Rudi Cerne geht, der die Sendung seit 2002 moderiert, auch so bleiben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Geblieben sind auch Duktus und Absicht von „Aktenzeichen XY“, gewandelt haben sich die Kulissen, die bildliche Darstellung der Kriminalfälle, die Sprache und die Aufnahme der Sendung. Gestartet zu einer Zeit, als es nur ARD und ZDF gab, kam „Aktenzeichen XY“ auf dreißig Millionen Zuschauer. Heute sind es, bei einer ungleich größeren Konkurrenz, immer noch regelmäßig mehr als fünf Millionen. Die sehen im Grunde nichts anderes als vor fünfzig Jahren: Die Kriminalpolizei bittet um Mithilfe bei der Aufklärung von Kapitalverbrechen, deren Hergang und Hintergründe – soweit bekannt – in kurzen Filmen dargestellt werden, auf dass der eine oder andere Zuschauer zum Hinweisgeber werde. „Das Schönste wäre“, sagte der Moderator und frühere Eiskunstläufer Rudi Cerne in seiner ersten Sendung 2002, „wenn Ihnen heute Abend etwas auffallen würde, und sei es nur eine Kleinigkeit. Das könnte nämlich von entscheidender Bedeutung sein für die Kripo bei ihrer Fahndungsarbeit.“

          Heute erscheint das in jeder Hinsicht unspektakulär, in den siebziger Jahren, bis in die Achtziger hinein, war die Sendung jedoch hochumstritten. Sie wurde aus ideologischen Gründen angegriffen und war den Linken ein Dorn im Auge, besonders wenn sie sich in die Terrorfahndung einschaltete und hinter Mitgliedern der RAF her war. Dass die spätere Terroristin Ulrike Meinhof, als sie noch als Journalistin arbeitete, die Sendung in dem Magazin „Konkret“ als vermeintlich faschistische Jagd auf Menschen brandmarkte, ist eine im Nachhinein besonders bittere Pointe.

          Eine Sendung, in der fortwährend von verdächtigem Verhalten und von „konspirativen Wohnungen“ die Rede war, stifte zu Spitzelei und Denunziantentum an; sie sei ein Spektakel für Voyeuristen und rege zur Nachahmung von Straftaten an, lautete die Kritik von der anderen Seite, die der Erfinder, Moderator und Produzent Eduard Zimmermann über all die Jahre nach außen hin so stoisch ertrug, wie er in der Sendung auftrat. Welche Feinde sich der Fernsehfahnder aber vor allem machte und welche persönliche Gefährdung dies bedeutet, konnte Zimmermanns Publikum kaum ermessen.

          Und erst vor wenigen Jahren rückte ins Licht, dass Zimmermann selbst in jüngeren Jahren eine kleine kriminelle Karriere gemacht und vier Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdingte er sich als Zeltarbeiter beim Zirkus, beging Diebstähle, betrieb Schwarzhandel, saß deshalb im Gefängnis Fuhlsbüttel. Davon schrieb Zimmermann in seiner 2005 erschienen Autobiographie, aus der auch hervorging, dass er 1949 für die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone unterwegs war, festgenommen, wegen Spionage angeklagt und zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er vier in Bautzen absitzen musste. Dann ging er in den Westen.

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