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Finale von „Downton Abbey“ : Der englische Adel bittet zum letzten Tee

Die älteste Tochter des Earls, verliebt in einen Rennfahrer? Mary Crawley (Michelle Dockery) sorgt für Verblüffung. Bild: Universal/Nick Briggs

Wer das Finale der Serie „Downton Abbey“ sehen will, kann im deutschen Fernsehen lange warten. Auf einen Rutsch per DVD wirkt der Abgesang auf eine ganze Welt am besten. Er ist voller Überraschungen.

          Mitten in seiner sechsten und letzten Staffel ist „Downton Abbey“ plötzlich im Hier und Jetzt angekommen: „Open House“ lockt ein Plakat neben dem Eingangsportal das einfache Volk, das an einem von Butler-Urgestein Carson (Jim Carter) nur mit größtem Widerwillen installierten Ticket-Counter Eintrittskarten löst und sich im Treppenhaus den Hals beim Blick in neogotische Gewölbe verdreht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dörfler drängen in den Salon, die Bibliothek, den Speisesaal und deuten mit Fingern auf Gemälde, Stiche, Skulpturen. Wer denn da zu sehen sei, wollen sie wissen, warum am Kamin Wappenschilde hingen und welcher Architekt das gebaut habe, wann genau – worauf die als Fremdenführerin im eigenen Haus auftretende Cora Crawley (Elizabeth McGovern), obgleich Gräfin von Grantham, ebenso wenig eine Antwort weiß ihre Tochter Edith (Laura Carmichael), die schon mit der nächsten Besuchergruppe beschäftigt ist.

          Ein Fall für die „Yellow Press“

          Wir schreiben das Jahr 1925, Downton veranstaltet einen Tag der offenen Tür, um Spenden für das unter der Obhut der Familie stehende Cottage Hospital zu sammeln, dem die Zusammenlegung mit dem Krankenhaus in York droht. Dass aber sich selbst, sein Erbe und seinen Lebensstil auszustellen auch eine unverzichtbare Einnahmequelle für den Adel upstairs sein könnte, den die Zeitläufte immer weiter downstairs treiben und dem noch klar vor Augen steht, wie Haus, Hof und Gut der Nachbarn unter den Hammer kamen, dämmert an diesem Tag allen.

          Gruppenbild mit Möbeln: Familie Crawley nimmt Haltung an und gibt sich recht freundlich.

          Das Wort „Society“ ändert langsam seinen Klang. Ist es da nicht äußerst passend, dass Edith mittlerweile ein Londoner Frauenmagazin herausgibt, mit einer Chefredakteurin an der Spitze und einem Butler, der unter weiblichem Pseudonym Ratgeber-Kolumnen schreibt? Carson ist es freilich nicht. Er sieht vor seinem geistigen Auge schon eine Guillotine auf Trafalgar Square, als die Massen anrücken, und sich selbst angesichts des aus Kostengründen dezimierten Personals nur noch einen Schritt vom Armageddon der Formlosigkeit entfernt – während ein kleiner Junge, der, gäbe es ihn wirklich, hochbetagt unser Zeitgenosse sein könnte, sich in das Krankenzimmer des Earls Robert Crawley (Hugh Bonneville) stiehlt.

          Der Knirps steht wie die anderen der Schaulustigen auch für uns Zuschauer und all die England-Touristen, die heutzutage mit einer Broschüre des National Trust in der Hand Herrensitze abklappern – selbst die Queen folgt schließlich der Politik der offenen Tür. Ob er denn nicht ein bisschen verrückt sei, in einem so großen Kasten mit soviel Brimborium zu leben, fragt der Junge. Crawley könne es doch viel gemütlicher haben. Tja, könnte er, sinniert seine gerade dem Tod von der Schippe gesprungene Lordschaft, aber man hänge doch irgendwie an dem, was man gewohnt sei.

          Die Letzten ihrer Art: Der zweite Butler Thomas (Robert James-Collier, links) sowie die Hausdiener Andy (Michael Fox, Mitte) und Molesley (Kevin Doyle)

          Nach fünf Jahren auf Sendung, die ein Panorama von knapp anderthalb Jahrzehnten voller Irrungen und Wirrungen aufrollten, steht Julian Fellowes stilprägende Serie in ihrem neunteiligen Finale vor der Aufgabe, noch einmal alles aufzubieten, was ihre Fans immer begeistert hat: Die Liebe zur möglichst originalgetreuen Ausstattung, der Sinn für zeittypische Etikette, jede Einstellung ein Fest für die Augen – Roben, Lüster, poliertes Holz –, Gastauftritte historischer Persönlichkeiten (dieses Mal, als von Großmutter Violet Crawley (Maggie Smith) subtil erpresster Gesundheitsminister, der nachmalige britische Premier Neville Chamberlain), erbitterte Wortgefechte im höflichsten Ton, Versöhnungen und Scherze, bei denen die stiff upper lip sachte zuckt. Und immer reihum ist eine der zahlreichen Figuren am Rande des Todes, Nervenzusammenbruchs, Selbstmords, mit einem Fuß im Gefängnis, Gegenstand eines Komplotts, des öffentlichen Gespötts, eines Zerwürfnisses, oder sonst irgendwie im Begriff, jede Aussicht auf Lebensglück für immer zu verwirken – während eine andere nur noch Wimpernschläge davon trennen, eben jenes endlich zu erhaschen.

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