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Serie „Stranger Things“ : Wie man ein Universum erschafft

Mike (Finn Wolfhard) und Eleven (Millie Bobby Brown) Bild: Courtesy of Netflix

Ein bisschen Highschool-Drama, ein bisschen Weltverschwörung: Die Netflix-Serie „Stranger Things“ geht weiter. Längst hat sie sich vom nerdigen Nischenprojekt zu einem eigenen erzählerischen Kosmos entwickelt.

          3 Min.

          Vor sechs Jahren haben die Brüder Matt und Ross Duffer, die im Jahr 1984 als eineiige Zwillinge geboren wurden und sich wie eine amtliche Achtziger-Jahre-Band The Duffer Brothers nennen, die erste Staffel ihrer Serie „Stranger Things“ veröffentlicht. Und wie Eleven, die Heldin ihrer Serie mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten, haben sie damit ein Tor zu einem Paralleluniversum geöffnet. Heute ist „Stranger Things“ eine der erfolgreichsten Serien auf Netflix und jede neue Staffel eine Variation ihres nostalgischen Blicks auf die Achtzigerjahre, eine Beschwörung der Popkultur, die sich schmerzfrei und anspielungsreich aus den notorischen Genres jener Zeit bedient: ein bisschen Highschool-Drama, ein bisschen Fantasy, ein bisschen Weltverschwörung, Weirdos und Monster, „The Goonies“ und „Alien“, BMX und D&D.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit dem Überraschungserfolg dieser Mixtur stellt sich mit jeder neuen Staffel die Frage, wie die Duffer Brothers ihr Rezept weiterentwickeln. In der vierten wirkt es auf den ersten Blick, als wäre die Antwort einfach: mehr von allem. Die Achtziger wirken noch bunter (was auch am Umzug eines Teils der Protagonisten nach Kalifornien liegt), die Unterwelt noch düsterer (und gleichzeitig so gut ausgebaut, dass man sie mit dem Fahrrad durchqueren kann), der Horror noch brutaler und expliziter. Und er erschöpft sich auch nicht allzu lange in subtilen Andeutungen: Schon am Ende der ersten Folge hat die Manifestation all der verdrängten Traumata, die in der Kleinstadt Hawkins brodeln, einen Namen, und die Fähigkeit, zu sprechen, lässt Knochen knacken und Augen hervorquellen und steht in voller Pracht vor Eleven und der Schar von um ein weiteres Jahr gealterten Teenagern. Wer will, kann diese Steigerung auch am Budget ablesen: 30 Millionen Dollar pro Folge soll die neue Staffel gekostet haben, 270 Millionen Dollar insgesamt. Damit schlägt die Serie sogar die Special-Effects-Wunderwelt von „Game of Thrones“ und steht an der Spitze der teuersten Serien überhaupt.

          Ein Ensemble mit Superkräften

          Dass es auch diesmal wieder ein großer Spaß (und wunderbar berührend) ist, wenn die Duffer Brothers die bekannten Motive durchdeklinieren, liegt daran, dass sie sich weder auf das Budget noch auf die Treue der enormen Fangemeinde verlassen; sondern dass sie sehr konsequent mit den Möglichkeiten spielen, die ihnen das Coming of Age ihres Nischenprojekts zum eigenständigen narrativen Kosmos bietet, zu einem „Expanded Universe“, wie man es von „Marvel“ oder „Star Wars“ kennt. Sie wissen, dass diese Entwicklung eben mehr bedeutet als Fanfiction und ein beeindruckendes Merchandise-Sortiment, das vom Demogorgon-Monster als Kuscheltier bis zu Fußmatten mit der Aufschrift „Enter the Upside Down“ reicht; besonders mutige Fans können die 1986er-Vintage-Kollektion der berühmten Surfwear-Marke Quicksilver kaufen, die die Figuren in der neuen Staffel tragen. Es bedeutet vor allem, dass „Stranger Things“ heute ein eigenes Referenzsystem ist, eine eigene Sprache, ein Ensemble von Helden eigenen Rechts mit mächtigen Superkräften. Mut und Zusammenhalt gehören dazu, Vergebung und Erinnerung, krudes Halbwissen, wilde Theorien und eine Offenheit für Unerklärliches, Walkmen und E-Gitarren. Und eine Ahnung von den Schrecken, die die Zukunft für sie bereithält.

          Das ist womöglich die größte Stärke der Duffer Brothers: wie souverän sie ihre Figuren einsetzen, wie phantastisch sie Storytelling und Charakterdesign beherrschen, wie lehrbuchmäßig ihr Gespür für Humor, Timing und Pathos ist. Selbst diese Fähigkeiten scheinen sie irgendwo geklaut zu haben, aber sie setzen sie zu einem ganz eigenen Puzzle zusammen. Es ist, als würde man einem Magier zuzuschauen, dessen Tricks man kennt und trotzdem auf den Leim geht.

          Wiederbelebung der Achtziger

          Man sieht das beispielhaft am Einsatz der Musik, an der erstaunlichen Fähigkeit, wiederzubeleben, was als Tophits der Achtziger doch eigentlich schon durchgenudelt war, indem man den Songs auch eine dramaturgische Funktion gibt, wie Limahls „Neverending Story“ in der dritten Staffel. Man würde zu viel spoilern, wenn man verriete, welches Lied diesmal seinen Zauber ausübt, aber die Szene gehört zu den schönsten der ersten sieben Folgen. Man sieht es an der Dynamik zwischen den Figuren, etwa an der unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen dem lispelnden Supernerd Dustin und dem Frauenhelden Steve, die gelegentlich fast schon wie ein Spin-off innerhalb der Serie wirkt. Und wie in den Staffeln zuvor bemerkt man das auch an dem Händchen für neue Charaktere, die man sofort ins Herz schließt wie alte Bekannte.

          Diesmal sind es ein großmäuliger Heavy-Metal-Freak, der als Bürgerschreck seine Schüchternheit überspielt, und ein dauerbekiffter Latino, der auch nur auf den ersten Blick wie der Comic Relief vom Dienst aussieht. Und sogar die anderen Testkandidaten aus dem Geheimlabor, in dem Eleven ihre Superkräfte entwickelte, lernt man ein wenig besser kennen. Einer von ihnen spielt eine entscheidende Rolle. Damit stoßen die Duffer Brothers die Tür zur Zukunft ihres Universums ganz weit auf. Die Geschichte von Eleven und ihren Freunden, so hat Netflix angekündigt, wird nach der fünften Staffel enden. Aber es gibt ja noch mindestens zehn andere ihrer Art.

          „Stranger things“, ab 27. Mai auf Netflix.

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