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Serien-Produzent Jan Mojto : Die Kunst der Intrige kommt nie aus der Mode

  • Aktualisiert am

Steht hinter Filmen wie „John Rabe“, dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder jetzt „Borgia“ im ZDF: Jan Mojto Bild: Ole Graf

Dass die Amerikaner großes Serienfernsehen können, wissen wir. Wie sieht es mit den Europäern aus? Das wollen wir vom Doyen der hiesigen Szene und Produzenten von „Borgia“, Jan Mojto, wissen.

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          Im ZDF beginnt die zweite Staffel von „Borgia“. In der Serie zeichnen Sie ein düsteres Bild der Renaissance. Da gibt es einen Papst, der mordet, und allerhand Freizügigkeiten im Vatikan.

          Da gibt es viel mehr, differenziert, komplex und durchaus radikal erzählt. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel stehen Lucrezia und Cesare, die sich von ihrem übermächtigen Vater lösen, wir sehen Machiavelli, Leonardo da Vinci und Michelangelo, es geht um Aufbruch und Fortschritt – keineswegs ein düsteres Bild der Renaissance. Es gibt große Gefühle: Liebe, Eifersucht, Hass und Begierde. Es geht aber auch direkt oder im Subtext um die großen Fragen, um Schuld und Sühne und zuletzt – bei Rodrigo – auch um Erlösung.

          Gibt es einen Trend zu historischen Stoffen? Bei Sat.1 lief die „Wanderhure“, das ZDF produziert „Die Pilgerin“, bei RTL kommt ein Stück über Götz von Berlichingen. Schaut da einer vom anderen ab?

          Es gibt einen Nährboden, auf dem die Themen entstehen. Da spielt eine Rolle, was im Fernsehen gerade erfolgreich war und in der Literatur gerade erfolgreich ist. Das sind zum Beispiel historische Romane, die populär erzählen. Man muss sich nur einmal am Flughafen oder in der Bahn anschauen, was die Menschen lesen. Die Sender orientieren sich natürlich auch nach dem Motto: Was gestern erfolgreich war, das hätte ich am liebsten gleich morgen auch. Aber wir haben es mit langwierigen Prozessen zu tun. Eine Serie wie „Borgia“ entsteht nicht aus dem Bedürfnis heraus: Jetzt will ich eine Serie zu dieser oder jener Epoche haben. „Borgia“ gibt es, weil Tom Fontana sich dafür eingesetzt hat. Fontana ist ein Erzähler, er ist der Showrunner. Die Showrunner im Fernsehen sind heute das, was die großen Autoren der Fortsetzungsromane im neunzehnten Jahrhundert waren. Jemand wie Fontana hat eine Idee, dann braucht er einen Produzenten und einen Sender. Dann lautet die entscheidende Frage: Wie erzähle ich das? Es gibt aber einen Bedarf an gut erzählten Geschichten. Das war schon immer so, jetzt aber – in Folge der Vielfalt der Verbreitungswege – haben wir genug Raum, sprich Zeit, für große Erzählungen.

          Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“, das Sie international vermarkten, war das auch so. Wie bewerten Sie den Erfolg des ZDF-Dreiteilers in Deutschland, und wie die deutliche Kritik in Polen?

          „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist das beste Beispiel aus Deutschland für diese neue Art der großen Erzählung. Die Grundentscheidung war, die Charaktere aus ihrer Zeit heraus zu schildern, in ihren Widersprüchen. Bei „Borgia“ ist das ähnlich: Wir erzählen nicht von einem Papst, der Morde begeht. Wir erzählen die Geschichte einer Familie, die eine Institution für ihre eigenen Zwecke benutzt. Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat mich die Debatte gefreut, die auch zeigt, dass wir – ich will da sehr vorsichtig sein – mit einer fiktionalen Erzählung vor geschichtlichem Hintergrund ein mächtiges Instrument in der Hand haben, mit dem man viel bewegen kann. Die Debatte in Polen hat keiner von uns so erwartet. Wir wollten nicht die Geschichte des polnischen Widerstands erzählen, sondern eine von fünf jungen Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Wir erheben nicht den Anspruch, den polnischen Widerstand in seiner Vielschichtigkeit und Bedeutung zu spiegeln. Die Debatte in Polen hatte mehrere Ebenen. Die eine ist der Zuschauer, deren Reaktionen ich mir genau angeschaut habe. Es war beachtlich, wie neutral, neugierig und unvoreingenommen das polnische Publikum mit dem Thema umgegangen ist. Die andere Ebene ist die der Politik. Man könnte sagen, dass das polnische Publikum weiter war als die polnische Politik. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es unsere Absicht war, haben wir in Polen unwillkürlich eine wichtige Diskussion angestoßen.

          Fernsehen, sagt Jan Mojto, handelt von großen Gefühlen: Liebe, Eifersucht, Hass und Begierde. Szene aus „Borgia“
          Fernsehen, sagt Jan Mojto, handelt von großen Gefühlen: Liebe, Eifersucht, Hass und Begierde. Szene aus „Borgia“ : Bild: Michael Driscoll/ZDF

          Der moderne Fortsetzungsroman findet also als Serie im Fernsehen statt. Doch was macht Qualität und Erfolg aus? Mein Eindruck ist: Man braucht viele kleine Geschichten, aber auch eine große.

          Man braucht eine große Geschichte. Am Ende geht es aber immer um die Figuren. Das ist – vereinfacht gesagt –, auch der Unterschied zu früher. Früher wurden historische Themen in einer Aneinanderreihung von Ereignissen erzählt. Heute steht die Entwicklung der Charaktere im Vordergrund. Das ist auch bei „Borgia“ so, Tom Fontana hat die Figuren von Beginn an konsequent im Blick. Bei jeder Szene lautet die Frage: Was geschieht mit der Figur?

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