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Serie „Zeit der Helden“ bei Arte und SWR : Hör mal, Maus, ich muss noch mal weg

Das sind sie, die Helden: Julia Jäger und Oliver Stokowski spielen das Ehepaar Brunner Bild: © SWR/zero one film/Tom Trambow

Midlife-Krise in Echtzeit: Mit der Serie „Zeit der Helden“ bespielen Arte und SWR in dieser Woche ihr Abendprogramm. Zu bestaunen sind deutsche Durchschnittsmenschen und ihre Luftschlösser: absolut sehenswert und superkomisch.

          Der erste Halbsatz heißt hier nicht „Zuletzt bei ,Homeland‘“ oder „Recently on ,Mad Men‘“, sondern: „Diese Woche in Weinheim“: Das ist eine ziemlich herausfordernde Ansage für den weltgewandten Serienzuschauer. Und doch kann man auch der deutschen Produktion mit dem etwas irreführenden Titel „Zeit der Helden“ schon nach dem Anschauen weniger Folgen das höchste Serien-Prädikat verleihen: Zieht total rein, Alter!

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Eröffnungs-Halbsatz verrät auch schon viel über das außergewöhnliche Konzept der Miniserie, denn es gibt in ihr keine andere erzählte Zeit als „diese Woche“. Es ist ein Format der „simulierten Echtzeit“, für das die Sender SWR und Arte in der Karwoche ihr Abendprogramm freigeräumt haben: Wenn am Montag um 20.15 Uhr die erste Folge ausgestrahlt wird, ist es auch Viertel nach acht in einer Weinheimer Stadtrandsiedlung.

          Die Kamera senkt sich von oben auf eine deutsche Durchschnitts-Straße im Laternenlicht, und der Zuschauer fällt mit der Tür ins Haus der Brunners, einer Durchschnittsfamilie. Er wird sie auf Schritt und Tritt begleiten bis zum Karfreitag, und zwar durch so manche Turbulenzen. Oliver Stokowski spielt den Familienvater Arndt Brunner als grandiosen Umstandskrämer, der das Wichtigste nie sagen kann, aber verzweifelt Souveränität vorgaukelt, Julia Jäger ist seine still verzweifelte Frau Mai.

          Kinderlos und auf Krawall gebürstet

          Wenn er ihr unter sehr fadenscheinigen Ausreden abends sagt: „Hör mal, Maus, ich muss noch mal weg“, und sie sehr fadenscheinig darauf eingeht, ist das so tragisch wie komisch. Vom großen Ausbruch träumt auch diese Frau, die vor dem Spiegel erste Sätze fürs Fremdgehen übt: „Ich wohne in Weinheim und habe zwei Kinder.“ Ihr Mann dagegen will nur seiner Familie im Geheimen eine Freude machen. Auch die Kinder haben ihre Probleme: Tochter Paulina will ihren anhänglichen Freund loswerden, Sohn Ben verfolgt dubiose Machenschaften im Internet.

          Das zweite Midlife-Paar (gespielt von Inka Friedrich und Thomas Loibl) ist kinderlos, wohlhabend und auf Krawall gebürstet. Sie giften sich an und trinken danach ein Glas Wein zusammen. Es kommen einem schnell große Kammerspiele vor Augen, wenn man diese Serie sieht, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder François Ozons „5 mal 2“ zum Beispiel. Auch der Regisseur Kai Wessel ist ein Spezialist für die Zimmerschlacht - nicht nur zwischen Eheleuten, sondern auch mal zwischen Arbeitskollegen im Architekturbüro.

          Die dritte Paarkonstellation ist die prekärste: Ein Junggeselle, der elfeinhalb Monate im Jahr arbeitet und sich daher beziehungsunfähig fühlt, mietet sich für den Urlaub mit Ehepaar Nummer zwei eine Escort-Dame. Palina Rojinski, die man bisher eher als Moderatorin in Quatschformaten kannte, gibt dieser Frau, die womöglich sogar die Verzweifelteste von allen sein könnte, eine professionelle Unnahbarkeit, die ins Dominahafte changiert, aber eben doch gelegentlich auf Emotionen schließen lässt.

          Jägerzaun-Wahnvorstellungen und Sex

          Und wie Patrick Heyn im Zusammenspiel mit ihr den Single Christoph darstellt, als beruflich Erfolgreichen, privat aber zutiefst Verängstigten, der bei jeder Frage an seine Begleiterin einen flehenden Blick nicht vermeiden kann, als ob er befürchte, gleich von ihr hingerichtet zu werden - das ist eine Meisterleistung. Unter der Oberfläche geht es um Fragen wie: Bin ich schon 45 oder erst 45? Bin ich schön? Was kann ich tun, damit mich meine Kinder ernst nehmen und nicht die Augen verdrehen, wenn ich das Zimmer verlasse?

          Es geht um Härte im Beruf und, um mit dem Liedermacher Niels Frevert zu sprechen, Jägerzaun-Wahnvorstellungen. Und natürlich um Sex, sogar die ganze Zeit, manchmal explizit, manchmal sehr subtil. Und um Knieschmerzen. Die größte Frage ist, ob man noch einmal neu anfangen kann. So wie Julia Jäger sie beantwortet, mimisch und sprachlich, geht das sehr an die Substanz - auch bei Zuschauern, die noch nicht oder nicht mehr 45 sind: „Neuanfang - das klingt, als ob alles andere vorher schlecht war.“

          War es das denn? Flankiert wird die Serie von einigen Dokumentationen zum Thema der Lebensmitte. Zudem gibt es mit „www.zeitderhelden.de“ auch eine eigene Netzseite für die Serie, auf der man kommende Woche weitere Spielchen mit dem Personal treiben kann. Aber selbst ohne Echtzeit-Konzept und Rahmenprogramm wüsste diese Serie tief zu berühren - sie überzeugt sowohl schauspielerisch als auch durch das vorzügliche Drehbuch von Beate Langmaack und Daniel Nocke.

          Wie stark es ist, zeigt sich an Szenen wie jener, in der Arndt Brunner mit einem Baggerfahrer abends vor dem Haus steht und schnell mal unter der Hand den Erdaushub für das Osterüberraschungsprojekt „Pool im Vorgarten“ klarmachen will. Der Fachmann schaut sich die Sache kurz an, es folgt eine ernüchternde Diagnose, während der man im Gesicht von Oliver Stokowski einen Traum zur Luftnummer werden sieht.

          Zu dessen Verwirklichung hätte man nämlich einen Kran mieten, die Straße sperren, eine Mulde bestellen und vor allem ein Betonfundament gießen müssen. „Ihr Elektriker kommt immer erst als Letzte auf die Baustelle, von den Katastrophen vorher kriegt ihr gar nichts mit“, sagt der Aushubspezialist und rät dem Mann mit den Vorgartenflausen: „Mach ’nen dicken Schlussstrich drunter und schenk deiner Familie ’nen Tag im Spaßbad.“ So geht es wohl mit vielen Lebensträumen, und wenn man sich anschaut, was es allein in der Woche der „Zeit der Helden“ noch so an Krisen gibt, klingt ein Tag im Spaßbad sogar noch ganz gut.

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