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Serie „Your Honor“ bei Sky : Über dem Gesetz

  • -Aktualisiert am

Richter auf der Besucherbank: Bryan Cranston. Bild: Sky

Bryan Cranston spielt in „Your Honor“ einen Richter auf Abwegen. Sein Motiv ist verständlich, doch der Preis ist hoch. Und der Blick auf das Amerika von heute ist schonungslos.

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          Sätze sind ja auch bloß Schlangen, gern verführerisch zischelnd, mitunter aber giftig. Und sie kennen sich aus im Paradies. Eine solche Viper von Satz schnellt uns entgegen im ersten Drittel der brandaktuell von einer gesellschaftlichen Vergiftung handelnden Showtime-Serie „Your Honor“: „Es gibt Wahrheiten, für die es sich zu lügen lohnt.“ Indem die Aussage aus dem Mund der jungen Lehrerin Frannie (Sofia Black-D’Elia) kommt – man darf im Geiste Eva sagen – und sich auf die geheime Liebesbeziehung zu ihrem fast erwachsenen Schüler Adam (Hunter Doohan) bezieht, hat sie ihre perfekte Tarnung gefunden. Aber macht sie das weniger toxisch? Nicht für den sensiblen Adam, der seit dem Tod der Mutter ein Jahr zuvor unter dem Gesetz des liebenden Vaters lebt. Das aber scheint gerade in den Ausnahmezustand zu kippen und eigene Wahrheiten zu produzieren.

          Mit der verlorenen Unschuld ist es wie mit der Zahnpasta, die niemand in die Tube zurückbekommt. Dabei geht es hier nicht einmal um den Fluch der dezidiert bösen Tat, die fortwährend Böses zeugt, sondern um eine Nicht-Tat, ein Versäumnis aus Angst und Scham, wodurch das moralische Gefüge aus der Balance gerät, bis zuletzt alle Humanität kollabiert. Das zu erkennen hat den Jungen eben der Vater gelehrt, ein bekennender Moralist, den der Serien(nach)schöpfer Peter Moffat – „Your Honor“ liegt die israelische Vorlage „Kvodo“ zugrunde, deren Kreatoren Ron Ninio und Shlomo Mashiach auch hier mit von der Partie waren – in größter symbolischer Zuspitzung zu einem Richter gemacht hat: in der konkreten Umsetzung zu einem der wenigen Gerechten im zumindest partiell korrupt-rassistischen Justiz- und Polizeisystem der Vereinigten Staaten von Amerika. Aus Liebe nimmt Richter Michael Desiato jedoch, ohne zu zögern, die Gegenposition zu allem ein, was ihm bis dahin wichtig war. Weil sein Sohn einen tödlichen Unfall verursacht und panisch Fahrerflucht begangen hat, droht ihm nämlich nicht nur Gefängnis, sondern der Tod, denn das Opfer war zufällig der Sohn des gnadenlosesten Kriminellen von New Orleans (Michael Stuhlbarg).

          Michael nutzt nun all sein Wissen und all seinen Einfluss, um Adams eigentlich leicht erklärbares Delikt trotz der vielen hinterlassenen Spuren zu verschleiern. Einer kleinen Lüge folgen immer größere, bis ein kaum noch durchschaubares Gebilde aus Halb-, Neben- und Unwahrheiten wie ein Damoklesschwert über den Protagonisten schwebt, während ihr Schuldkonto – es trifft Unbeteiligte – exponentiell anwächst. In diese wenigen Worte lässt sich der Plot fassen, wie es sich für bestechende Plots auch gehört.

          Ohne echte Not hat Moffat aber noch einen Elefanten in den Raum geschmuggelt: Für die Rolle des guten Menschen von New Orleans, der aus Zuneigung zu seiner Familie Schritt für Schritt auf die dunkle Seite gerät, ausgerechnet Bryan Cranston zu casten – der die Rolle übrigens exzellent ausfüllt, bartlos und adrett diesmal –, das beschwört einen Vergleich mit dessen berühmtester Rolle geradezu herauf. Im Vergleich zum fiebrig hyperrealistischen Meisterepos „Breaking Bad“, das vom Gangster-Aufblühen eines Kleinbürgers erzählte, fällt diese klassisch gehaltene, auf Symbolik, Emotionalität und Melancholie setzende Tragödie, die vom Verblühen des Idealismus erzählt, dann doch ein wenig ab.

          Die Kritik gilt es allerdings einzuordnen: Es geht nur um die in der deutschen Fernsehlandschaft kaum denkbare Frage, ob es sich um eine sehr gute Serie handelt oder um eine überragende, die das Genre neu definiert. Letzteres ist nicht der Fall. Wenngleich aber manche Zufälle etwas gesucht wirken, die düster-kontraststarke Regie von Clark Johnson und Edward Berger leicht aufs Gemüt schlägt und dem moralischen Dilemma durch die Ruchlosigkeit der Gegner ein wenig die Dringlichkeit genommen wird, ist die Gesamtwirkung der vortrefflich gespielten Serie phänomenal. Der schonungslose Blick auf die unwürdig ärmlichen Vororte von New Orleans lässt so sehr erschaudern wie jener auf habituellen Polizei-Rassismus (inklusive Folter). Wir sehen zugleich, wie sehr Gang-Kriminalität längst Teil des Problems ist.

          Vor allem aber überzeugt die Erzählweise, die einem auf der Nasenspitze balancierten Säbel gleicht. Kaum haben die Protagonisten die Oberhand gewonnen – Michael erarbeitet mit Adam etwa ein kreuzverhörsicheres Alibi („Heute ist gestern“) –, werden die Pläne stets durchkreuzt. Spannend ist der Mehrfrontenkampf gegen die Justiz, die Mafia, das Gewissen und dumme Zufälle. Immer tiefer schraubt sich die Handlung ins Unheil, ohne dass Michael seine Position als gefallener Engel anzunehmen gewillt ist. Adam wiederum zerreißt es innerlich, doch seine Beichte bringt nur weitere Probleme. Und auch Jimmy, der Gangster, ist ein Getriebener: Hinter ihm steht seine Frau (Hope Davis), die zur Erinnye wird und in Flammen spricht. Die Figuren leiden sehr an ihrer eigenen Schwäche: „Breaking Sad“ ließe sich das nennen. Die Zuschauer werden dabei in ein ähnliches Dilemma gelockt wie Richter Desiato, schließlich ist es kaum möglich, nicht auf Adams Seite zu sein. Und doch zeigt „Your Honor“, wie hoch der Preis dafür ist, sich über das Gesetz zu stellen. Paradise Lost.

          Your Honor läuft montags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic und ist auf Abruf verfügbar.

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