https://www.faz.net/-gqz-abnn5

Serie „Underground Railroad“ : Womöglich ist morgen doch kein Tag

Von Staat zu Staat durch die Geschichte der Sklaverei: Thuso Mbedu als Cora Bild: Kyle Kaplan/Amazon Studios

Die Hölle auf Erden: Oscar-Preisträger Barry Jenkins verfilmt Colson Whiteheads furiosen Roman über Amerikas brutale Ära der Sklaverei als Fernsehserie. „The Underground Railroad“ geht dabei bis an die Grenzen.

          4 Min.

          Als der amerikanische Fernsehsender ABC vor mehr als vierzig Jahren beschloss, das Serienepos über den Sklaven Kunta Kinte im Abendprogramm auszustrahlen, schrieb der Sender Geschichte. „Roots“, nach dem Roman des Journalisten Alex Haley, prägte sich ein ins kollektive Gedächtnis – nicht nur der Vereinigten Staaten.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die Serie wurde damals von hundertdreißig Millionen Menschen auf der ganzen Welt gesehen. Sie war in ihrer Wirkung auch deshalb so erschütternd, weil Kunta Kintes Geschichte aus seiner, der Sklavenperspektive geschildert wurde, angefangen bei der Jagd auf ihn 1767 in Westafrika bis zu seiner Knechtschaft auf einer Plantage und die seiner Kinder und Kindeskinder. Die Verfilmung endete mit der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten 1865 und der Mahnung an ein nunmehr in Freiheit geborenes Kind, stets dafür kämpfen zu müssen, frei zu bleiben.

          Von der nun bei Amazon Prime gezeigten zehnteiligen Serien-Verfilmung des vielfach ausgezeichneten Romans „Underground Railroad“ von Colson Whitehead ist eine ähnlich einschneidende Wirkung zu erwarten. Dass der 1969 in New York geborene Autor in seiner Erzählung über das entflohene Sklavenmädchen Cora dabei eine ganz andere literarische Strategie verfolgt als das realistische Setting Alex Haleys, tut nichts zur Sache. Denn Barry Jenkins gelingt in den besten Momenten seiner Verfilmung mit fiebertraumartigen Szenerien umzusetzen, was die Vorlage anstrebt: über die authentische Rekonstruktion der verheerenden Ära der amerikanischen Sklaverei hinaus zu den strukturellen Wurzeln des Rassismus vorzudringen.

          Verbundenheit: William Jackson Harper als Royal und Thuso Mbedu in der Rolle der Cora.
          Verbundenheit: William Jackson Harper als Royal und Thuso Mbedu in der Rolle der Cora. : Bild: Atsushi Nishijima/Amazon

          Das offensichtlichste Moment der Fantastik in „Underground Railroad“ ist die Versinnbildlichung einer Metapher. Dass es die Underground Railroad, also das geheime Netzwerk zur Zeit des Antebellum, das Sklaven bei ihrer Flucht aus dem Süden in den sicheren Norden half, tatsächlich gab als unterirdischen Zug, mit Schienen, Schaffnern, Lichtsignalen und Passagieren. Auch bei Jenkins wird aus dem Codewort für geheime Routen, versteckte Schutzhäuser und verschlüsselte Kommunikation ein im Untergrund rumpelnder Zug, den Cora (Thuso Mbedu) auf ihrer Flucht vor Verfolgern immer wieder besteigen wird.

          Cora ist das pochende Zentrum der filmischen Erzählung, die sich eng an die Vorlage hält und auch perspektivisch ganz nah bei dem Mädchen bleibt. Der Horror der Baumwollplantage in Georgia, in der sie und ihre Leidensgenossen ausgebeutet, gefangen gehalten und gequält werden, geht nicht nur bis an die Grenze des Vorstellbaren, sondern auch bildlich Erträglichen. Jenkins setzt dabei auch auf robuste filmische Effekte, wenn er nicht nur den Sadismus geradeheraus zeigt, sondern über das Bellen der Hunde, das Knallen der Peitschen und das Schießen der Gewehre auch eine fortwährende akustische Drohkulisse errichtet, wie sie die Gepeinigten ohne Unterlass erleben.

          Joel Edgerton spielt die Rolle des gnadenlosen Verfolgers Ridgeway.
          Joel Edgerton spielt die Rolle des gnadenlosen Verfolgers Ridgeway. : Bild: Kyle Kaplan/Amazon Studios

          Das Stationendrama führt Cora kapitelweise in verschiedene Staaten und zugleich unterschiedliche Stadien der Unterdrückung. Nachdem ihr gemeinsam mit Caesar (Aaron Pierre) die Flucht durch die von Jenkins giftgrün gezeichneten und von Nattern bewohnten Sümpfe Georgias tatsächlich gelingt, strandet sie in einem Städtchen South Carolinas, das die schwarze Bevölkerung angeblich mit Bildung, medizinischer Versorgung und Arbeit versorgt, in Wahrheit allerdings ein monströses Programm zur Ausrottung der afroamerikanischen Ethnie verfolgt.

          Die Scham, die alle einander zu Feinden macht

          Aufs Neue flüchtig, gelangt Cora nach North Carolina in eine Gemeinde vermeintlicher Gottesfürchtiger, die gleichwohl Schwarze lyncht und vor Publikum erhängt, was Cora, die von einem heimlichen Helfer aufgelesen wurde, von ihrem Versteck aus mitansehen muss. Der Helfer und seine Ehefrau werden am Ende für ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen. Coras Versteck auf deren Dachboden mit dem winzigen Guckloch auf den Marktplatz hinaus spielt dabei nicht nur auf das reale Schicksal der geflohenen Sklavin Harriet Jacobs an, die sieben Jahre in einer solchen Kammer zubringen musste. Auch den Amsterdamer Dachboden der Anne Frank hat Jenkins eingeschrieben in dieses Bild.

          Was die Verfilmung von der Vorlage unterscheidet, ist der Grad an Pathos des Schmerzes, den sich Autor respektive Filmemacher erlauben. Whitehead hat als Schriftsteller lange einen Bogen gemacht um die Thematik. Als zu groß, zu komplex, ja unbeschreibbar erschien ihm dieser traumatische Teil der Geschichte seines Heimatlandes, der bis heute fortwirkt. Er schrieb statt dessen Romane über Pokerspieler, Zombies oder einen Sommer auf Long Island. Als er nach fünfzehn Jahren schließlich doch den Mut aufbrachte, sich dem zu stellen, wovor er sich am meisten fürchtete, wie er einmal sagte, war es ihm darum zu tun, nicht an der Oberfläche eines Menschheitsverbrechens zu bleiben, sondern bis in die tiefsten Strömungen der amerikanischen Gesellschaft vordringen. Auch deshalb der Wechsel zwischen realistischen und fantastischen Erzählebenen. Und auch deshalb die bewusste Vermeidung von Pathos. Wenn Whitehead herausarbeitet, wie Scham über die eigene Machtlosigkeit alle einander zu Feinden macht, folgt ihm Jenkins darin.

          Auch sein Film zeigt nicht nur, wie Männer aufgehängt und Frauen erschlagen, Menschen bei lebendigem Leib verbrannt werden, sondern schildert in Szenen, die mit zum Unerträglichsten gehören, wie Unterdrückte aus blanker Verzweiflung Kollaborateure werden. Anders als die Vorlage aber malt Jenkins den Schmerz mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln aus, wenn er von der Wahl starker Primärfarben über die Tonkulisse bis zum Einsatz der Musik (Nicholas Britell) mit großem Orchesteraufgebot alles an sinnlicher Dramatik aufbietet, um die Verdunklung auch atmosphärisch zu verstärken.

          Jede Hoffnung erweist sich als neuerlicher Trugschluss

          Als Besänftigungsstrategie ist das keineswegs zu verstehen. Zumal die Serie über die zeittypischen Dekors des Antebellum, die Kleider, die Interieurs, das ganze Setting, das aufwendig gearbeitet ist, für die unheimliche Fantastik eigene, surreale Bilder findet. Getragen wird der Mehrteiler ganz wesentlich von der Schauspielerin Thuso Mbedu, der es gelingt, den verschiedenen Erfahrungswelten mimisch mit so erstaunlich großer Varianz zu begegnen, dass bisweilen der Eindruck entsteht, man habe es mit verschiedenen Darstellerinnen zu tun. Die Grunderfahrung ihrer Figur aber bleibt konstant: dass sich jede Hoffnung nur zu bald als neuerlicher Trugschluss erweist, sobald sie aus der Tiefe des Erdreichs ins Tageslicht tritt.

          Zumal Cora nicht nur immer neue Zufluchtsorte finden muss, sondern ihr auch ein Sklavenjäger namens Ridgeway (Joel Edgerton) von Tag eins ihrer Flucht an im Staatsauftrag auf den Fersen ist. Die Darstellung dieses Mannes vermag nicht zum Kern seiner Besessenheit vorzudringen. Der spekulativen Transitmetapher gelingt es dafür umso überraschender, das Geschehen seinem zeitlichen Rahmen zu entziehen und ein Kontinuum zu schaffen – auch wenn die Verfilmung zurückführt in die Historie. Sie gibt denen, deren Geschichte durch Unrecht verdrängt worden ist, während andere ihre Herkunft über Generationen zurückverfolgen können, eine alternative Geschichte, eine Vergangenheit, eine Erzählung.

          The Underground Railroad ist auf Amazon Prime Video abrufbar.

          Weitere Themen

          Der denkbar übelste Mordgrund

          Pop-Anthologie (131) : Der denkbar übelste Mordgrund

          Johnny Cash hat viele Songs über Mörder geschrieben. Doch ein Lied ragt aus seinem düsteren Œuvre heraus: der „Folsom Prison Blues“, für den sich der Man in Black bei einem anderen Künstler bediente.

          Topmeldungen

          Cem Özdemir auf dem Online-Parteitag der Grünen im Mai 2021

          Cem Özdemir und die Partei : Grüne Kämpfe, grüne Ziele

          Bei den Grünen ist der Aufstand der Parteilinken gegen den Ultrarealo Cem Özdemir verpufft. Glück gehabt. Denn wenn die Partei in der Ampel fürs Klima kämpfen will, muss sie geschlossen sein.
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes im November 2021.

          Corona-Liveblog : Steinmeier ruft zu Kontaktbeschränkungen auf

          +++ Omikron-Verdachtsfall in Österreich +++ Israel schließt wegen Omikron Grenzen für Ausländer +++ Zehntausende demonstrieren in Österreich +++ Zwei Omikron-Fälle in München bestätigt +++ Entwicklungen zur Pandemie im Corona-Liveblog.

          Kliniken bereiten Triage vor : An den Grenzen der Medizin

          Die Infektionszahlen schießen in die Höhe. Immer mehr Krankenhäuser müssen auf die Triage zurückgreifen. Etwas, das Ärzte eigentlich nur aus Kriegseinsätzen und der Katastrophenmedizin kennen. Aber was bedeutet das genau?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.