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Serie „The beast must die“ : Ich brauche dich als Mörder

  • -Aktualisiert am

Frances Cairnes (Cush Jumbo) will Gerechtigkeit – und schleicht sich dafür bei einer Familie ein. Bild: RTL

In der Thriller-Serie „The beast must die“ sucht die Mutter eines getöteten Kinds den Schuldigen. Hier stimmen sogar Details, auf die in Filmen häufig weniger Wert gelegt wird.

          3 Min.

          Zack, die Tür geht auf, und Frances (Cush Jumbo) ist aufgeflogen. George (Jared Harris) steht vor ihr und fragt, was zur Hölle sie hier mache, in seinem Schuppen, bei dem alten Auto seines Vaters, von dem sie eben die Plane runtergezogen hat. Erst beginnt Frances zu lachen, sagt, sie könne nicht glauben, dass der Schuppen noch zu Georges riesigem Gelände gehört. Dann wechselt sie die Taktik und redet George einfach nach dem Mund: „Um ehrlich zu sein, ich gehe einfach gerne Risiken ein.“

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Risiken, das überzeugt George, den wohlhabenden Mann, der auf der britischen Isle of Wight ein stattliches Anwesen besitzt und gerne in seinem Sportwagen über die engen Küstenstraßen der Insel düst. Frances, von Beruf Lehrerin, hält ihn für den Mörder ihres Kindes. Dass sie sich in seinem Schuppen umsieht, hat nichts mit Risiken zu tun. Die Scheu davor kennt Frances seit dem Tod ihres Kindes nicht mehr. Ihr steht der Sinn nach Rache.

          In der sechsteiligen Miniserie „The beast must die“, die beim jüngst von TVNow in RTL+ umbenannten Streamingdienst zu sehen ist, geht es, wie so oft, um große Gefühle. Frances will die Person finden, die ihren sechsjährigen Sohn am Osterwochenende auf der Insel mutmaßlich mit einem Auto getötet hat – und dann einfach weggefahren ist. Die kleine Wache auf der Insel hat ihrer Meinung nach nicht ausreichend ermittelt, der ihren Fall betreuende Polizist ist kürzlich verstorben.

          Endlich mal ein Handy mit Mustersperre

          Die Anstrengungen seines Nachfolgers Nigel Strangeways (Billy Howle), der aus persönlichen Gründen auf die Insel kommt, reichen Frances nicht. Also gibt sie vor, Schriftstellerin zu sein, befreundet sich mit Georges Schwägerin Lena (Mia Tomlinson) und wohnt im Sommer mehrere Wochen im Gästehaus des Menschen, den sie im Verdacht hat, ihren Sohn umgebracht zu haben.

          Will die Ermittlungen noch nicht aufgeben: Polizist Nigel Strangeways (Billy Howle, links) und sein Kollege Vincent O'Brien (Douggie McMeekin)
          Will die Ermittlungen noch nicht aufgeben: Polizist Nigel Strangeways (Billy Howle, links) und sein Kollege Vincent O'Brien (Douggie McMeekin) : Bild: RTL

          Die Erzählung der trauernden Mutter, die nicht anders kann, als sich der Selbstjustiz zu verschreiben, um sich irgendwann vielleicht mal ein wenig besser zu fühlen, ist nicht neu, schon gar nicht in diesem Fall. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Kriminalroman von Cecil Day-Lewis, der unter dem Pseudonym Nicholas Blake schrieb. Claude Chabrol verfilmte das Material bereits im Jahr 1969.

          Die Stärke dieser zweiten Adaption unter Regie von Dome Karukoski ist jedoch, dass sie all die Gefühle, die in Frances toben, weniger durch die Schauspielerin als über Bild und Ton vermittelt. Die hektischen Kamerabewegungen, wann immer Georges Haus gezeigt wird. Die eingängige, unheilvolle Musik, wann immer die Flashbacks von jenem Tag am Osterwochenende Frances einholen. Die zusammenhanglos wiederkehrende Vogelperspektive auf die dunklen Wellen vor der Küste, von Schaum durchzogen, die einem das Gefühl geben, der schlimmste Teil dieser Geschichte stehe noch bevor.

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          Hier stimmen auch solche Details, auf die in Filmen häufig weniger Wert gelegt wird. Wenn etwa das iPad extra geschüttelt werden muss, damit sich das Bild darauf richtig dreht. Wenn Polizist Strangeways eine Geburtstagskarte zweimal zurückstellen muss, damit sie steht, ohne umzufallen. Und wenn Frances versucht, ein fremdes Handy zu entsperren, dass im Gegensatz zu 99 Prozent aller in Filmen vorkommenden Handys ein Streichmuster von ihr fordert. Ein bisschen mehr Hintergrund zu den handelnden Personen, eine bessere deutsche Synchronisation und an manchen Stellen etwas weniger gutgläubige Protagonisten hätten die Erzählung allerdings noch eine Spur authentischer gemacht.

          An anderen Stellen wiederum hätte dem Drehbuch von Gaby Chiappe ein wenig Verzicht gutgetan. Dass Frances am Anfang aus dem Off in einer Art Delirium sagt „Ich werde einen Mann töten“, soll gruseln, macht aber angesichts ihres subtilen und doch bestimmten Vorgehens eher zu viel Drama. Der Polizist Strangeways, der Frances’ Fall nicht aufgeben will, hat selbstverständlich auch sein eigenes Päckchen zu tragen, leidet an Panikattacken, sitzt bei seinem Therapeuten, mit dem er sich streitet. Ein psychisch intakter Ermittler wäre mal etwas Neues.

          George werden gerne Zitate in den Mund gelegt, die hervorragend zur Mentalität eines Menschen passen, der Fahrerflucht begeht: „Schuldgefühle sind keine Sühne. Nur Selbstbeweihräucherung“ oder „Wenn man schlau genug ist, ungestraft davonzukommen, dann hat man es wahrscheinlich auch verdient“. Nach den ersten drei Folgen kann man da nur hoffen, dass er gerade nicht der Mörder ist.

          The beast must die läuft bei RTL+.

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