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„Para - Wir sind King“ bei TNT : Zeit für ein bisschen Gönnung

Hajra (Soma Pysall), Fanta (Jobel Mokonzi), Rasaq (Roxana Samadi) und Jazz (Jeanne Goursaud) an ihrem geheimen Treffpunkt Bild: TNT

Niemand ist zum Kriminellen geboren: Die Macher von „4 Blocks“ erzählen mit „Para - Wir sind King“ die großartige Coming-of-Age-Geschichte von vier Freundinnen.

          3 Min.

          Was sähe eine Serie aus, die von den sehr gegenwärtigen Problemen einer Gruppe Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsensein erzählt, vom Druck, den digitale Kanäle aufbauen, dem Wagnis, sich Erwartungen zu verwehren und trotzdem gut genug anzukommen, um ein Ego zu entwickeln, vom Ärger mit den Jungs und dem Chaos der Liebe, von den Orten, an denen der Nervenkitzel der großen Welt für einen Moment spürbar wird?

          Elena Witzeck
          (elwi.), Feuilleton

          Es wäre jedenfalls eine andere Serie geworden als „Para - Wir sind King“. Was das „4 Blocks“Team um den Regisseur Özgür Yildirim für den Abosender TNT verwirklicht hat, will kein Zeitdokument sein, schon eher Milieustudie einer Großstadtjugend, am wahrscheinlichsten aber eine Geschichte über den Versuch, den Zwängen eines sozialen Systems zu entwachsen. Und darin ist „Para“ gut. Im Berliner Wedding, diesem für alle möglichen Projektionen herhaltenden Stadtviertel, geht es um vier Familien, in denen sich Töchter mit den Steuerfragen ihrer Mütter auskennen, weil es keiner sonst kann, in denen es nicht auffällt, wenn man erst morgens vom Feiern zurückkommt, in denen Eltern ihren Töchtern einen Ehemann vorschlagen – nicht vorsetzen, da gibt es einen Unterschied.

          Echt und schwesterlich

          Hajra (Soma Pysall), die aus einer deutsch-libanesischen Familie stammt, hat schon eine Jugendstrafe wegen Körperverletzung hinter sich. Jazz (Jeanne Goursaud) hat blondes Haar, einen verführerischen Blick und wenig Berührungsängste mit älteren Männern. Fanta (Jobel Mokonzi), Tochter einer alleinerziehenden Ghanaerin, lernt beim Putzen in Büros Französischvokabeln. Alle bis auf Rasaq (Roxana Samadi), die eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht und gar nicht unzufrieden mit ihrem ermittelten Verlobten ist, haben Spaß am Rausch, und obwohl sie in den ersten Minuten der Serie gleich alle Grenzen überschreiten, die man achtzehn Jahre jungen Frauen zu überschreiten zutrauen kann, obwohl es zugunsten einiger Charakterklischees und der Diversität der Clique gelegentlich arg konstruiert aussieht, ist man ihnen auf der Stelle nah.

          Das hat vor allem mit der Freundschaft der vier zu tun, die echt wirkt und schwesterlich, mit der emanzipatorischen Kraft ihrer dreisten Mir-gehört-die-Welt-Attitüde, ihrer Fähigkeit, sich gegenseitig stark zu machen und alle um den Finger zu wickeln, und dieser universell gültigen jugendlichen Euphorie: wie sie Rasaq feiern, weil sie ihren Führerschein gemacht hat. Wie sie ein ranziges Sofa mit in den Bus nehmen und staunend in eine Villa im Grunewald marschieren. Wie sie über den Beutel mit dem Stoff, den Hajra bei ihrem Dealer hat mitgehen lassen, verhandeln und entscheiden, dass es Zeit für ein bisschen „Gönnung“ wird ... Nun.

          Der Beutel soll ihnen also dabei helfen, „Para“ zu machen, wie es die Rapper nennen, schnelles Geld. Dabei geht dann aber alles schief, weil niemand zum Kriminellen geboren ist: Zu sehen sind einer der peinlichsten Überfälle seit Anbeginn der Jugendkriminalität und ein kläglicher Versuch, einen Kredit über 43000 Euro zu bekommen. Die Drehbuchautoren Hanno Hackfort, Luisa Hardenberg, Katharina Sophie Brauer; Bob Konrad und Richard Kropf, die für das Konzept der Serie zuständig waren, haben viel Arbeit in die Dialoge gesteckt, die fast immer wahrhaftig klingen und manchmal echte Situationskomik hervorbringen, was auch den Schauspielerinnen und ihren ungezählten „Habibis“ zu verdanken ist. „Ick kann nett, ick kann charmant, ick kann ernst – arbeiten kann ick och, wenn’s sein muss“, berlinert Hajra beim Vorstellungsgespräch.

          Und dennoch fehlt es nicht an sensibler Ästhetik. Da wackelt eine Kamera über die Körper von Tochter und Mutter, die in der Küche zusammenstehen und vor Enttäuschung übereinander schon wieder innerlich beben, da gibt es Stills von familiärer Geborgenheit in durchkomponierten Räumen, eine oft von Sonnenlicht umströmte geschützte Halde, in der die vier ihre Pläne debattieren, und immer wieder diesen Widerstreit zwischen häuslicher Enge und der Freiheit des Ruchlosen. Er kumuliert schließlich im Eklat zwischen denen, die respektabel werden wollen, und jenen, deren Wut über eine Welt, in der zu wenige alles bekommen, sie antreibt.

          Vieles erinnert an „4 Blocks“. Die Perspektiven auf die erwachende Hauptstadt. Die Überzeugung der Protagonisten, ihr Viertel gehöre nicht allein den sogenannten Biodeutschen. Die Klischees der Einwandererfamilien, die in der Serie immer wieder unterlaufen werden. An „Para“ ist nichts Moralisierendes, nur eine Vielfalt von genutzten und ungenutzten Handlungsspielräumen. Niemand wird aus Spaß zum Dealer. Wenn Hajra also einmal mehr von ihrer Wut überrollt wird, geht es nicht um Ego oder Nervenkitzel. Sondern um einen gewaltigen Kraftakt im Versuch, aus einem sozialen System auszubrechen.

          Para – Wir sind King startet am Donnerstag um 21 Uhr bei TNT Serie (im Sky-Bouquet).

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