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Serie „Manhattan“ : Warten auf den großen Knall

  • -Aktualisiert am

Kernspalter an einem Ort ohne Namen: John Hickey als Physiker Frank Winter Bild: AP

Ein Haufen Nuklearwissenschaftler, zusammengepfercht in einem trostlosen Ort ohne Namen: Die amerikanische Serie „Manhattan“ zeigt, wie in Los Alamos die Atombombe entstand - mit verblichenen Ockertönen und scharfkantigen Figuren.

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          Noch ist die Apokalypse fern - 766 Tage verbleiben bis zum Abwurf der amerikanischen Atombombe, lässt uns ein Schriftzug am Beginn der Serie „Manhattan“ wissen. Aber die Wissenschaftler, die im Sommer 1943 in der Wüste New Mexicos unter dem Tarnnamen „Manhattan-Projekt“ an der Bombe arbeiten, ahnen schon jetzt, welche Zerstörungskraft sie haben wird. Allein: Auch die Nazis sollen eine Nuklearwaffe bauen. Es bleibt also nichts anderes, als schneller zu sein als die Kriegsgegner jenseits des Atlantiks. Das ist die Prämisse von „Manhattan“, einer Serie des Senders WGN, die in die Fußstapfen anspruchsvoller period pieces wie „Mad Men“ und „Masters of Sex“ treten will.

          Es ist eine trostlose Gegend, in die man die Wissenschaftler und ihre Familien verfrachtet hat und die später als Los Alamos in die Geschichte eingehen wird. Wie der Wind die staubige Krume zwischen den Holzhäusern des Dorfs unter dem fahlblauen Himmel hin und her bläst, erinnert an die Panoramen von „Breaking Bad“. Der Produzent und Regisseur Thomas Schlamme („The West Wing“) inszeniert dagegen mit dem Stilbewusstsein von „Mad Men“ - in verblichenen Ockertönen, die wie das Klischee historischer Verortung wirken würden, wenn sie nicht mit einem Ensemble scharfkantiger Figuren kontrastierten.

          Frank Winter (John Benjamin Hickey als übellauniger, getriebener Wissenschaftler) leitet eine Gruppe von Physikern, die an einem besseren - soll heißen: früher einsatzbereiten - Bombenmechanismus tüftelt als das konkurrierende Team um den süffisanten Dr. Akley (David Harbour). Akley hat das junge Genie Charlie Isaacs (Ashley Zukerman) unter seine Fittiche genommen. Isaacs ist eben erst mit seiner Frau Abbey (Rachel Brosnahan aus „House of Cards“) und dem kleinen Sohn in dem streng abgeschirmten Dorf eingetroffen. Daniel London spielt die einzige historische Figur: den Physiker Robert Oppenheimer, den Leiter der Operation, welche im Abwurf von „Fat Boy“ und „Thin Man“ über Hiroshima und Nagasaki gipfeln soll.

          Forschung im Kastensystem

          Auf dem geheimen Stützpunkt - und das sorgt auch jenseits des Dramas um Wissenschaft im Dienste des Militärs für Kettenreaktionen mit Sprengkraft - herrscht eine Art Kastensystem. Die Wissenschaftler bilden eine gehobene Kaste, aber das Sagen haben die Soldaten. Sie können nur mühsam die Enttäuschung darüber verbergen, nicht an der Front zu dienen. Colonel Alden Cox (Mark Moses) sorgt dafür, dass alles, was nach Spionage aussieht, sofort mit drastischen Maßnahmen geahndet wird. (Tatsächlich gestand nach dem Krieg der deutsche Physiker Klaus Fuchs, in Los Alamos für die Russen spioniert zu haben.)

          Nicht einmal die Frauen der Physiker, eine dritte Kaste in dem Westerndorf, dürfen wissen, worum es hier eigentlich geht. Was besonders Liza Winter (Olivia William) frustriert: Die Botanikerin, die ihre eigene Karriere der ihres Mannes geopfert hat, bedrängt einen Soldaten mit der Frage, warum sie auf dem kaliumreichen Wüstenboden kein Gemüse anbauen dürfe. Er lässt sie wissen: „Der Ring an Ihrem Finger macht Sie noch nicht zur Wissenschaftlerin.“ „Manhattan“ bietet einige Frauenfiguren auf, die mehr als dekorative Anhängsel sind. Callie Winter (Alexia Fast) etwa, die Teenagertochter der Winters, will aus dem Ort ohne Namen („kafkaesk!“, ruft sie wütend aus) zum Studium nach New York entfliehen, aber ihr Vater winkt ab.

          Die Indianer bilden die vierte Kaste auf der Basis, als Verrichter niederer Arbeiten sind sie auf Tauschhandel angewiesen. In einer Szene gibt Frank Winter zerquält das strengstgehütete Geheimnis der Welt preis: „Die Welt wird im Frieden vereint sein oder niederbrennen“, sagt er am Steuer seines Wagens. „Wer immer die Bombe zuerst baut - das ist das Endspiel. Also müssen wir es sein!“ Die Kamera schwenkt auf die junge Indianerin auf dem Beifahrersitz. Sie versteht kein Wort und deutet unsicher lächelnd an, dass sie für Liebesdienste zu haben sei. Die Welt ist in der Wissenschaftler-Enklave im Jahr 1943 auf mehr als eine Art aus den Fugen.

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