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TV-Serie „Liar“ : In bestem Einverständnis?

Wer lügt? Joanne Froggatt spielt in „Liar“ das vermeintliche Opfer einer Vergewaltigung. Bild: RTL/ SquareOne Entertainment

Die britische Serie „Liar“ erzählt die Geschichte eines Vergewaltigungsvorwurfs. Wer Opfer und wer Täter ist, sollen sich die Zuschauer erst einmal selbst erschließen. Ein Wagnis.

          2 Min.

          September 2017, die „MeToo“-Debatte steht kurz vor dem Beginn, und eine sechsteilige Serie kommt ins britische Fernsehen. Die von den Brüdern Harry und Jack Williams erdachte Geschichte „Liar“ steckt voller hübscher Ansichten der eigentlich sehr rauhen Küste der Grafschaft Essex, ist sorgsam produziert und raffiniert erzählt. Einzig ihre Hinführung zum dramatischen Moment, dem in Frage gestellten Vorwurf der Vergewaltigung, macht stutzig: Ob das Verbrechen überhaupt geschehen ist, bleibt erst einmal offen.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun kommt die Serie ins deutsche Fernsehen. Seit vergangenem Herbst ist viel passiert, mehr Berichte von bisher ungehörten Frauen kamen ans Licht. Die Brisanz einer Serie wie „Liar“ ergibt sich auf einmal auch daraus, auf welche Seite sie sich schlägt. „Liar“ erzählt die Geschichte der frisch getrennten Lehrerin Laura Nielson (Joanne Froggatt). Die verabredet sich nach einigem Zögern mit dem Chirurgen und Vater eines ihrer Schüler, Andrew Earlham (Ioan Gruffudd). Der Abend beginnt vielversprechend bei Rotwein und neckischen Sprüchen. Dann ist auch schon der nächste Morgen gekommen, Laura erwacht mit dröhnendem Kopf in ihrer Wohnung. So, wie sie unter der Dusche steht, ist sofort ist klar: Etwas stimmt nicht.

          Es könnte ein schöner Abend werden: Laura Nielson (Joanne Froggatt) und Andrew Earlham (Ioan Gruffudd) beim ersten Glas Wein.
          Es könnte ein schöner Abend werden: Laura Nielson (Joanne Froggatt) und Andrew Earlham (Ioan Gruffudd) beim ersten Glas Wein. : Bild: RTL/ SquareOne Entertainment

          Vom Morgen, an dem Andrews Sohn ihm zuruft, er brauche dringend einmal wieder ein Date, über den Anruf von Lauras Schwester, die gleichzeitig Andrews Kollegin ist und ihr zu der Verabredung rät, bis zu Lauras Taxifahrt zum Treffpunkt am Pier, während der sie zugibt, völlig aus der Übung zu sein, steuert alles auf den Moment am Tag danach zu. Laura flüchtet sich zur ihrer Schwester. Dann geht es daran, die Geschehnisse des Abends zu entschlüsseln.

          Das Motiv ist nicht neu. In zahllosen Filmen und Serien wurden Zuschauer schon im Unklaren darüber gelassen, welchem der Protagonisten sie trauen konnten. Eines der jüngsten Beispiele war der Thriller „Gone Girl“ mit seinem verstörenden Versteckspiel. Das macht es bei „Liar“ nicht weniger reizvoll, nach Anhaltspunkten zu suchen, nur um hernach festzustellen, dass sie sich umgehend wieder in Luft auflösen. Zumindest sind Laura und Andrew ähnlich unsympathisch: Er gilt mit seinem Sportwagen und der dazugehörigen Föhnwelle als „toller Fang“, macht geistlose Witze und kann mit einem hohen Anteil an Szenen im Badehandtuch aufwarten. Sie stöckelt in Stiefeln und Collegerock durch die Schule, beherrscht den Augenaufschlag des scheuen Rehs perfekt und genießt es, von fremden Männern in ihrer eigenen Wohnung bedient zu werden. Golden-Globe-Gewinnerin Froggatt spielt diese Rolle sehr überzeugend.

          Vermeintlich greifbare Anhaltspunkte für das, was wirklich geschehen ist, ergeben sich erst später. Doch auch sie weisen in beide Richtungen. Andrew folgt Laura in der Nacht in die Wohnung, um ein Taxi zu rufen. Angeblich, weil der Akku seines Handys leer ist. Er öffnet hinter ihrem Rücken in der Küche eine Flasche Wein, aber nur, weil sie ihn darum gebeten hat. Zu ihrer Schwester sagt Laura am Morgen, sie könne sich nicht erinnern, bei ihrer Anzeige wenige Stunden später klingt es anders. „Du hast zu keinem Zeitpunkt nein gesagt“, sagt er, als er sie nach seiner Verhaftung zur Rede stellt. Sie erzählt ihren Freunden, er habe ihr K.-o.-Tropfen eingeflößt. Und dann ist da noch der ungeklärte Suizid seiner Frau. Aber auch Laura hat eine düstere Vergangenheit.

          Der Glaubwürdigkeit des ohnehin gewagten Plots ist nicht unbedingt zuträglich, dass Lauras Schwester die Geliebte von deren Exfreund geben muss. Doch immer dort, wo die Serie nah an der Frage nach dem Schuldigen operiert, ist sie sehenswert. Wenn die Ermittler zum Beispiel hilflos argumentieren, die Beweise sprächen gegen sie: keine Verletzungen, eine Überwachungskamera, die Andrew und Laura in bestem Einverständnis zeigt, Lauras Alkoholkonsum. Zudem die Hysterie, mit der sie das Verbrechen im Internet zum Thema macht. Reicht das, um eine Frau zu verdächtigen, sie habe ihre Vergewaltigung inszeniert? Hier ist die Serie der Realität in Großbritannien, wo nur ein Bruchteil solcher Anzeigen vor Gericht landen, ähnlicher, als man es sich wünscht.

          Die Frage, wer von den beiden lügt, wird schließlich völlig überraschend schon in der Mitte der Staffel beantwortet. Das ist schade, aber es hat auch einen guten Grund. Diesen zu kennen reicht aus, um sich mit Neugier auf die Wendungen der zweiten Hälfte einzulassen.

          Liar läuft mittwochs um 21.15 Uhr auf Vox.

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