https://www.faz.net/-gqz-9xsd5

„Freud“ bei Netflix : Vatermord auf Koks

  • -Aktualisiert am

Neuer Therapieansatz: mit Freud (Robert Finster) in der Badewanne Bild: Netflix

Exotische Grotesken aus dem Dark-’n’-dirty-Reich: Die Serie „Freud“ macht die Psychoanalyse zur Backenbart-Operette des Okkulten.

          3 Min.

          Im modernen Menschen fließt Wiener Blut. Hier wurde er zu Ende geboren, und das nicht erst in der Berggasse 19, Sigmund Freuds Adresse ab 1891. Ein gutes Jahrzehnt früher schon liegt die Einsicht, dass wir alle Figuren in ureigenen Romanen sind. Trotz unserer opaken Autorschaft können wir gelesen werden, ausgelegt, umgedichtet; dazu braucht es nur, wie bei jedem Buch, einen sensiblen Rezipienten. Der Exeget der Psyche hatte plötzlich das gesamte Instrumentarium der Philologie zur Verfügung: für Ärzte materialistischen Schlages eine Zumutung – wie die gesamte Lehre vom Unbewussten – und ein grandioses Sujet für eine Fernsehserie. Diese könnte den Umgang mit dem Suggestiven spiegeln oder die Sprengung des Bewusstseinskerkers als Meta-Heldenepos dekonstruieren. Unzählige elektrisierende Zugänge zum Kosmos von Sigmund Freud sind denkbar.

          Eine einfallslose Umsetzung als pflichtbewusstes Biopic wollten offenbar auch Marvin Kren, Stefan Brunner und Benjamin Hessler vermeiden. Ihr gemeinsam verfasstes Drehbuch zu „Freud“ hat Kren („4 Blocks“) nun in düsterer Gemäldeoptik für den ORF und für Netflix verfilmt. Welches Übervater-Trauma aber mag dafür verantwortlich sein, dass aus dem Stoff eine derart kreuzdumme, in Blut getauchte Backenbart-Operette wurde? Der Protagonist (Robert Finster), allseits belächelter Habilitand und – Achtung, das ist schon die dramaturgische Fallhöhe – Mietschuldner, ist nicht viel mehr als ein ständig zugekokster, ein paar berühmte Stichworte brabbelnder, ansonsten tiefsinnig Löcher in die nicht nur moralisch verdreckte Hauptstadt Kakaniens starrender Scharlatan-Hypnotiseur. Für so armselig hielten Freud nicht einmal seine größten Gegner.

          Verführerisch jung und vom eigenen Sexualtrieb überwältigt

          Hals über Kopf wird der noch couchlose Held dann in eine mit billigem Mystery-Horror zugekleisterte Großverschwörungskrimihandlung verwickelt, was wohl dreiste Antisublimierung genannt werden darf. Freud ging es ja gerade nicht um Mystizismus, sondern um Rationalisierung des Unbewussten, auch in der kurzen Phase der Hinwendung zur Hypnose. Hier aber bindet man sein Vermächtnis knallmeschugge an dumpfen Okkultismus zurück – mit Anja Kling als ungarischer Oberhexe und mit Fleur, lies: Lou, Salomé (Ella Rumpf) als tiefentraumatisiertem, seherisch begabtem Medium, dabei natürlich verführerisch jung und vom eigenen Sexualtrieb überwältigt (die echte Lou lernte Freud erst Jahrzehnte später kennen). Daneben werden uns in einem zunächst eigenständigen Erzählstrang von frappierender Hotzenplotzhaftigkeit zwei wackere k.u.k. Pickelhauben-Wachtmeister (Georg Friedrich, Christoph Krutzler) präsentiert, die infernalische Verbrechen aufklären müssen.

          Selbstredend leiden alle Figuren – überdeutlich gespielt – an einer psychischen Störung, die Freud mit warmer Pferdeflüstererstimme als Verdrängtes zu entlarven weiß; nur gegen die ungarische Trance-Hexerei scheint er machtlos. Beide Stränge kommen dann zusammen in orgiastisch okkulten Schocker-Szenen voller nackter, blutbeschmierter Leiber, als hätte sich die aufs Spektakel abonnierte Wiener-Aktionismus-Wutz Hermann Nitsch noch einmal austoben dürfen. An Freuds Theorien interessiert die Autoren so gut wie nichts. Sie haben aus Schlagworten eine eigene Melange aus Tabus und Trieben aufgebrüht, eine vielsagende Fehlleistung, wenn dabei nur ein burlesk martialischer, schwülstig anerotisierter Mystery-Thriller herauskommt. Schnell stellt sich brokatschwere Langeweile ein, bei den Hypnosen ebenso wie beim Klischeegrusel in Katakomben.

          Nicht einmal Netflix kann die neurotisch ängstliche deutschsprachige Film- und Serienszene also dazu bringen, von ihren ausgelatschten Pfaden abzuweichen, um hintergründig und innovativ zu erzählen. Man klammert sich lieber an Konventionen, lässt schlecht verkleidete Schauspieler hölzerne Dialoge aufsagen, arbeitet mit schwankenden Unschärfen wie in einer Schüler-Video-AG, greift beherzt in die vermottete Thriller-Trickkiste und überschüttet uns mit Träumen, für die es keine Traumdeutung braucht. Selbst ein Hokuspokus-Mumpitz wie der vorliegende wird noch verkrampft als historisch legitimiert.

          Neben dem zur Witzfigur degradierten Freud, wie üblich zwischen zwei Frauen stehend, tapert noch Arthur Schnitzler (Noah Saavedra) als gänzlich uninteressanter Dekadenz-Playboy durch die Séancen. Freuds Vorgesetzter und Intimgegner, Professor Theodor Meynert (Rainer Bock), kann hinter seinem Schlumpfvater-Bart keine Statur gewinnen. Das alles ist fauler Budenzauber und zielt ungeniert auf den internationalen Markt, wo exotische Grotesken aus dem Dark-’n’-dirty-Reich sexuell aufgeladener Morbidität gefragt sein könnten. Man möchte glatt zum Kalauer greifen: Des einen Freud, des anderen Leid. Die anderen sind wir.

          Freud ist auf Netflix abrufbar.

          Weitere Themen

          In der Vorhölle

          Dantes Verse : In der Vorhölle

          Schlechte Aussichten für zurückgetretene Päpste: Was Benedikt XVI. anstellte, empfand Dante als eine Scheußlichkeit.

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

          Erholung im Low-Covid-Sommer vor der vierten Welle: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt.

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Unser Team ist dezimiert“

          In Deutschland sinken die Fallzahlen. Oberarzt Cihan Çelik berichtet, wie es jetzt auf der Isolierstation im Klinikum Darmstadt aussieht, was mit der Delta-Variante auf uns zukommt und wie sinnvoll die Maskenpflicht noch ist.
          Die 28 Jahre alte Annalena Baerbock 2009 auf dem Landesparteitag von Bündnis90/Die Grünen in Angermünde (Uckermark).

          Buch von Annalena Baerbock : Ein konsensfähiges Leben

          Wenn irgendwo was rumliegt, räumt sie es auf: Wie Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt“ die neue Rolle der Grünen zu verkörpern versucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.