https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/sergej-magnizki-dokumentation-von-andrej-nekrassow-14254203.html

Gestoppte Arte-Dokumentation : Spuren der Misshandlung

Eine andere Geschichte: Evgeniy Lunchenko als Magnizki in Andrej Nekrassows Film Bild: Anna Marchuk/ZDF

Der Anwalt Magnizki ist im Jahr 2009 in russischer Haft zu Tode gebracht worden. In einem Dokumentarfilm hat der Regisseur Nekrassow die Brisanz des Falles heruntergespielt. Jetzt wird ihm Propaganda im Sinne Putins angelastet.

          2 Min.

          Der russische Journalist Andrej Nekrassow glaubt, wie er an dieser Stelle sagte, er könne die Geschichte des Ende 2009 in Moskauer Haft verstorbenen Anwalts Sergej Magnizki neu erzählen. Deshalb drehte er einen Film für das ZDF und Arte, der jedoch in letzter Minute abgesetzt wurde. Magnizkis Hinterbliebene und für den Film Befragte hatten erhebliche Zweifel an dem Film angemeldet. Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck verwahrt sich gegen die Vorgehensweise Nekrassows bei einem Interview, der Investmentbanker Bill Browder hält den Wahrheitsgehalt des Films für gleich null.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dafür gibt es gute Gründe, wie Bernd Fabritius (CSU) mitteilt, der stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. So sei es falsch, zu behaupten, die Berichterstatter des Europarats hätten zu dem Fall keine eigenen Untersuchungen angestellt, sondern sich nur auf die Angaben des Investors Browder verlassen. Es habe zwei Besuche in Moskau gegeben, Gespräche mit Behördenvertretern, Menschenrechtsanwälten und die Einsichtnahme in amtliche Dokumente. „Eklatant wahrheitswidrig“ sei Nekrassows Behauptung, Magnizki habe nichts enthüllt und niemanden angezeigt. Die „einfach“ durch Dokumente zu belegende Wahrheit sei, „dass Magnizki die Polizisten, die ihn später verhaften ließen, bei verschiedenen Gelegenheiten und belegt durch offizielle Vernehmungsprotokolle, welche dem Europarat vorliegen, belastet hat“.

          Gerade noch rechtzeitig entdeckt

          Magnizki war einem großangelegten Betrug der Moskauer Polizei auf die Spur gekommen. In der Haft wurde er, wie die „Nowaja Gaseta“ aufgrund von Briefen und Tagebüchern nachwies, die Magnizki in der Haft schrieb, zu Tode gebracht. Ihm wurde Trinkwasser verweigert, er wurde in immer neue, verdrecktere Zellen verlegt. Als er an Bauchspeicheldrüsenentzündung erkrankte, leisteten ihm die Gefängnisärzte keine Hilfe. Er wurde misshandelt und verprügelt, was Spuren an seinem Leichnam belegen. Dass Nekrassow dies in Abrede stelle, sei „schmerzhaft und unentschuldbar“, sagte der Investor Bill Browder auf Anfrage. Der Regisseur stütze die lügnerische Haltung des russischen Präsidenten Putin in diesem bestens dokumentierten Fall von Korruption, dem die Ermordung seines Anwalts und Freundes Sergej Magnizki gefolgt sei, der das Verschwinden von 230 Millionen Dollar aufklären wollte und auch die Namen zweier involvierter Polizeioffiziere benannt habe.

          Marieluise Beck widerspricht dem Regisseur Nekrassow in der Schilderung von Dreharbeiten bei einem Interview. Sie habe Nekrassow explizit darum gebeten, ihre Mitarbeiter aus Schutzgründen nicht zu filmen; er habe es trotzdem getan, als „russische Propaganda“ habe sie seinen Film indes nicht bezeichnet.

          Frau Becks Anwälte wiederum weisen Nekrassows Unterstellung zurück, sie hätten bei ihrem offiziellen Protest gegen den Film „gestohlenes geistiges Eigentum“ verwendet. Das sei schlicht falsch. Er sei, sagte der Europapolitiker und Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius, Arte und dem ZDF „dankbar dafür, dass sie gerade noch rechtzeitig entdeckt haben, einer Propagandaattacke ausgesetzt gewesen zu sein“.

          Weitere Themen

          Verdi begeht einen Tabubruch

          Regisseure werden ausgebootet : Verdi begeht einen Tabubruch

          Die Gewerkschaft Verdi hat mit Netflix einen Tarifvertrag abgeschlossen, der Regisseure zu Tagelöhnern macht. Die Kreativen sind entsetzt, zumal, da die Gewerkschaft sie gar nicht vertritt. Warum das Lohndumping?

          Die Sprache Z

          FAZ Plus Artikel: Nie wieder Russisch : Die Sprache Z

          Ich habe die meisten meiner Bücher auf Russisch geschrieben, aber seit dem Februar 2022 ist Schluss damit. Die Sprache ist nun untrennbar mit den russischen Untaten in meinem Heimatland verbunden. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Die Deutschen sollen noch mehr Gas sparen als bisher.

          Energieknappheit : Anreize zum Gassparen für Hartz-IV-Bezieher?

          Weil ihre Heizkosten übernommen werden, haben Leistungsempfänger bisher wenig Anreiz, Energie zu sparen. Nun erwägen Politiker von SPD und FDP, das mit einem Energiesparbonus oder per Rückzahlungen zu ändern.
          Der Staat soll sich nicht auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger bereichern, sagt Finanzminister Christian Lindner mit Blick auf die kalte Progression.

          Steuerreform : Eine Entlastung für 48 Millionen Bürgerinnen und Bürger

          Arbeitnehmerinnen, Geringverdiener, Rentnerinnen oder Selbständige können profitieren, wenn in Zeiten steigender Preise die kalte Progression ausgeglichen wird. Das ist kein gönnerhafter Akt, sondern mehrfach geboten. Ein Gastbeitrag.
          Finanzminister Christian Lindner (FDP) will die Bürger mit seiner Steuerreform vor einer schleichenden Mehrbelastung bewahren.

          Kalte Progression : Was Lindners Steuerpläne finanziell bedeuten

          Finanzminister Christian Lindner legt Gesetzespläne zum Abbau schleichender Mehrbelastungen bei der Einkommensteuer vor. Unter anderem soll der Grundfreibetrag in den kommenden beiden Jahren angehoben werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.