https://www.faz.net/-gqz-abf8b

Senta Berger bei Arte : Ich sehe dich, siehst du mich?

Macht sich auf die Reise: Senta Berger als Charlotte Kler. Bild: ZDF und Hendrik Heiden

Zu ihrem Achtzigsten zeigt Senta Berger, was ihre Schauspielkunst ausmacht. Sie verkörpert eine Frau, die auf ihr Leben blickt und wahrgenommen werden will: „An seiner Seite“.

          3 Min.

          Der Augenblick der Wahrheit kommt für Senta Bergers Figur in einer schlaflosen Nacht: Charlotte Kler, erst kürzlich nach München zurückgekehrte Dame von Welt, findet keine Ruhe, allein in der frisch bezogenen Villa. Ihr Ehemann, ein rund um den Globus gefeierter Dirigent, charmiert derweil in New York. Gegen eine gemeinsam getroffene Absprache. Und Charlotte, die titelgebende „Frau an seiner Seite“, die ganz selbstverständlich vor Jahrzehnten eigene Ambitionen hinter die seinen zurückgestellt hat, sieht ihre Wünsche und Bedürfnisse abermals übergangen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Da findet sie in einem Buch von Laurens van der Post eine Geschichte über einen Stamm in Namibia, der ein Todesurteil an einem seiner Mitglieder vollstreckt – ohne physische Gewalt, einfach, indem er nicht mehr gegrüßt wird. Die Grußformel des Stammes aber ist nicht etwa „Guten Tag“ oder Ähnliches. Sie lautet: „Ich sehe dich.“ Charlotte ruft ihren Mann in Amerika an. Sie schluckt. „Sehen wir uns noch?“, fragt sie mit leicht belegter Stimme und versucht dabei zu lächeln.

          Um nichts anderes geht es in dem Fernsehfilm, den das ZDF Senta Berger zu ihrem achtzigsten Geburtstag am 13. Mai schenkt und drei Tage vorher ausstrahlt, und der heute bei Arte läuft: um das Sehen und Gesehenwerden jenseits der Selbstdarstellung; um die Bereitschaft, das Gegenüber anzuerkennen mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen – und um die Hoffnung, selbst so wahrgenommen zu werden, wenigstens von den Nächsten.

          Begegnungen am Gartenzaun: Charlotte Kler (Senta Berger) lernt den Witwer Martin Scherer (Thomas Thieme) kennen.
          Begegnungen am Gartenzaun: Charlotte Kler (Senta Berger) lernt den Witwer Martin Scherer (Thomas Thieme) kennen. : Bild: ZDF und Hendrik Heiden

          Senta Berger spielt eine Frau mit reichem, aber von Zweifeln und Enttäuschungen beschwertem Seelenleben, das sich hinter der fast makellosen Schauseite einer eleganten Hochkulturbewohnerin und Lebenspartnerin eines Künstlers immer drängender bemerkbar macht. Charlotte Kler hat biographische Berührungspunkte mit Senta Berger: Auch sie ist in Wien geboren und hat später in München Wurzeln geschlagen. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Seit 1966 mit dem Regisseur Michael Verhoeven verheiratet, war Senta Berger nie die Frau „An seiner Seite“ in dieser Künstlerbeziehung. Doch auch Charlotte ist, bei näherer Betrachtung, eine Partnerin auf Augenhöhe. Man muss nur genau genug hinschauen.

          Das allerdings tut nicht ihr Mann Walter Kler (Peter Simonischek), ein etwas klischeehaft geratener Maestro, sondern ein Unbekannter mit einem Blecheimer in der Hand, der am Tor klingelt. Martin Scherer heiße er, sagt der ältere, etwas ungelenk wirkende Mann (Thomas Thieme), und habe einen wohl etwas seltsam wirkenden Wunsch. Ob er etwas Erde aus dem Garten mitnehmen dürfe? Seine verstorbene Ehefrau sei hier aufgewachsen und habe sich gewünscht, ein wenig Heimatboden mit in ihr Grab zu nehmen.

          Gemeinsam ins Freibad

          Dieser todtraurige Anlass wird in dem von Felix Karolus einfühlsam inszenierten Film zum Beginn einer durchaus heiteren, aber auch ernsten Inaugenscheinnahme des Lebens. Charlotte und Martin – es dauert eine Weile, doch dann ist man per Du – freunden sich miteinander an. Gemeinsamkeiten haben der frühere Schwimmer aus Thüringen mit Wohnsitz im Reihenhaus und die Dirigentengattin auf den ersten Blick keine. Doch beide haben eine von Vertrautheit unverstellte Perspektive auf den anderen: Sie sieht einen von seiner Tochter (Marlene Morreis) bemutterten und bevormundeten Witwer, der sich trotz tiefer Trauer ganz gut allein über Wasser halten kann. Er sieht eine in den Hintergrund geratene Frau, über die der Mann eifersüchtig wacht, weil sie immer für ihn da war, und deren Tochter (Antje Traue) noch als Erwachsene vor allem mit ihr als Mutter hadert, weil die Eltern auf lebenslanger Tournee sie ins Internat geschickt haben.

          Ein von Klaviermusik (Renzo Vitale) getragenes Melodram hätte daraus werden können oder einer dieser Schmunzelfilme, in denen Sommerszenen wie der Ausflug von Charlotte und Martin ins Freibad, wo sie sich ein Stück Streuselkuchen teilen, er nebenbei seine Tochter verkuppelt und eine Horde Kinder mit Eis am Stiel glücklich macht, gar nicht mehr hätten enden wollen. Das Gegenbild an Unkompliziertheit, zugleich aber auch das Inbild einer engagierten jungen Frau von heute, gibt Charlottes Enkeltochter (Laila Padotzke) ab, die Klimastreik und Fußball wichtiger findet als Cellospielen. Denn klassische Musik sei sowieso etwas für Privilegierte, die Afrika ausbeuteten. Moment, entgegnet Charlotte, ganz so simpel sei es doch nicht.

          Einfache Affektmuster bedient der angenehm ausbalancierte Film (Buch Florian Iwersen, Felix Karolus) trotz seiner Eingängigkeit tatsächlich nicht, und die Schauspieler – allen voran natürlich die Hauptdarstellerin – spannen den im Grunde undramatischen Handlungsbogen mühelos. Die Blickwechsel in den Kammerspielszenen fängt der Kameramann Wolfgang Aichholzer mal unprätentiös, mal glamourös ein. Wenn Charlotte Kler zu Beginn einfliegt, vor dem Flughafen in den Wagen des Fahrers steigt und die Scheibe vor ihrem Gesicht die Lichter der nächtlichen Stadt spiegelt, ist schon klar, wer hier der Star ist: nicht der Mann am Dirigentenpult, dessen Aufführung sie im Radio hört.

          „Es geht hier nicht um Sie“, muss denn auch Martin dem rührend aufgestachelten Walter behutsam klarmachen. Sein Eimerchen landet trotzdem im Hausmüll, was nichts daran ändert: Es geht um sie, deren Lebensentwurf nicht desavouiert wird, der aber zugestanden ist, Fehler gemacht zu haben in bester Absicht. Ist das ein Grund, einander auszublenden? Im Gegenteil. Jede Einstellung mit Senta Berger gibt Charlotte Kler Raum, sich zu zeigen – und uns Gelegenheit, einer Schauspielerin zuzuschauen, die in jeder Sekunde weiß, was sie tut. „Die Frau an seiner Seite“, das ist tatsächlich Senta Berger als Frau im Zentrum der Bühne. Wir sehen sie.

          An seiner Seite, heute um 20.15 Uhr bei Arte, Montag um 20.15 Uhr im ZDF

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Am 17. Februar im libyschen Benghazi: Frauen halten Landesfahnen hoch, um den 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings in Libyen zu feiern, der zum Sturz des damaligen Gewaltherrschers Gaddafi führte.

          Hilfe für Libyen : Zwischen Wahl und Warlords

          Bisher hält der Waffenstillstand in Libyen. Nun soll eine weitere Konferenz in Berlin die Stabilisierung des Landes voranbringen. Doch nicht jeder Akteur hat daran ein Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.