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Französischer Sender BMF TV : Was immer geschieht, Sie sind live dabei

  • -Aktualisiert am

Auch bei BFM TV: Der französische Präsident Hollande nach dem islamistischen Anschlag in Nizza, bei dem 84 Menschen ums Leben kamen. Bild: AFP

Der Sender BFM TV liefert Nachrichtenbilder schneller als alle anderen. Er konkurriert mit dem Internet und verändert Frankreichs Medienlandschaft radikal. Für eine Falschmeldung ist der Kanal immer gut.

          Am Abend des Attentats von Nizza kursieren in den sozialen Netzwerken Gerüchte über angebliche Geiselnahmen. Wenig später stellen Experten fest, dass sich die Falschinformationen zwar über Twitter verbreitet haben, dort aber nicht entstanden sind: In den meisten Fällen war die Quelle der französische Fernsehsender BFM TV. Er hatte wieder einmal der schnellste sein wollen.

          Wie kein anderer hat sich der private Nachrichtenkanal in den vergangenen Jahren der Berichterstattung in Echtzeit verschrieben und es dadurch zum umstrittensten, aber auch erfolgreichsten Infosender Frankreichs gebracht. In nur zehn Jahren hat BFM TV seine Zuschauerschaft verhundertfacht und die Medienlandschaft des Landes grundlegend verändert.

          Schnelle Kurzmeldungen, hektisches Liveschalten

          Dabei wurde der 2005 von dem Straßburger Medienmanager Alain Weill gegründete Sender lange kaum wahrgenommen. Schnell durchlaufende Kurzmeldungen im Stil des amerikanischen „Fox News“, hektische Liveschaltungen und Gespräche mit vermeintlichen Experten kennzeichneten ihn. Hunderttausend Zuschauer schalteten am Tag ein. 2007 brachte der französische Präsidentschaftswahlkampf den Durchbruch. Nicolas Sarkozy hatte seine Teilnahme an einer Fernsehrunde abgesagt, woraufhin die etablierten Sender auf die Ausstrahlung verzichteten. BFM TV bat Ségolène Royale und François Boyrou zum Rededuell - und hatte 700 000 Zuseher.

          Fünf Jahre später schnellten die Zahlen abermals in die Höhe. Als im März 2012 der Terrorist Mohamed Merah sieben Menschen tötete und sich danach in seinem Wohnhaus in Toulouse verschanzte, war BFM TV während des dreißigstündigen Polizeieinsatzes live vor Ort. Stundenlang zeigte der Sender nur Bilder von Absperrbändern und parkenden Einsatzwagen, aber er vermittelte den Eindruck: Ganz gleich, was geschieht, die Zuschauer werden dabei sein. Unter dem Druck der Live-Berichterstattung kam es zu Pannen. Die Reporter verkündeten fälschlicherweise die Festnahme des Attentäters. Andere Medien übernahmen die Meldung, BFM TV musste revidieren. Gleichwohl hatte der Sender nun ein Publikum von annähernd zwei Millionen Menschen. Das erreichte BFM TV wieder im Januar 2015, als es über die Fahndung nach den „Charlie Hebdo“-Attentätern in Echtzeit berichtete. Heute hat der Kanal zehn Millionen Zuschauer, nimmt 77 Millionen Euro jährlich ein und beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter.

          Geschwindigkeit ist alles

          Was unterscheidet den Sender von der Konkurrenz? Die Geschwindigkeit. Bei Großereignissen, Demonstrationen oder Unfällen ist BFM TV stets als Erster vor Ort. „Unser Versprechen an den Zuschauer ist einfach: Liveberichte, wann immer etwas Wichtiges passiert“, sagt der Nachrichtenchef Hervé Béroud. Die Technik dafür ist längst auf dem Markt, doch BFM TV hat die Personalstruktur daran angepasst. Nur für Großeinsätze stehen Übertragungswagen bereit. Bei einer aktuellen Lage rückt entweder ein Videojournalist (VJ) aus, dreht mit einer kleinen Digitalkamera und übergibt die Bilder einem Redakteur, der selbst schneidet. Oder ein Reporter agiert per Direktschaltung vor der Kamera, und der VJ schickt die Bilder per Satellit oder Mobilfunknetz in die Redaktion; die nötige Hardware trägt er in seinem Rucksack. Wenn die Autobahn verstopft ist, nimmt der BFM TV-Reporter eben die Metro.

          Bei BFM TV: Verdächtiger nach einem Angriff auf die Zeitung „Liberation“ im November 2013 in Paris.

          So verändern Sender wie BFM TV auch journalistische Berufe. Die Profile von Kameramann, Cutter und Redakteur verschmelzen, Journalistenschulen bilden entsprechend aus. „Jeder wird ersetzbar, man ist ein Rädchen in einer riesigen Maschine“, sagt eine Videojournalistin. „Du funktionierst für deinen Tagessatz von 150 Euro netto, Überstunden werden nicht bezahlt, auch keine Zuschläge für Arbeit am Wochenende, nachts oder an Feiertagen.“ Immerhin: die Stimmung sei gut, das Team jung und freundlich. Sie könne sich im Grunde nicht beklagen. „Es gibt viele Jobs in der Journalistenbranche in Frankreich, mit denen du schlechter dran bist.“ Den Vorwurf, die Branche zu prekarisieren, findet Hervé Béroud absurd. „Das zu behauten ist einfach nur dumm. Wir beschäftigen 400 Mitarbeiter, davon rund 250 Journalisten mit befristeten Arbeitsverträgen und rund 40 freie. Wir tragen eher dazu bei, den Journalistenberuf zu bewahren.“ Der Sender will sich auch durch seine Art der Zuschaueransprache von den traditionellen Medien abheben. „In Frankreich gibt es eine anspruchsvolle, elitäre Medienlandschaft, die sehr pointierten, intelligenten Journalismus bietet“, sagt Béroud. „Aber sie hat ein bisschen den Hang dazu, ihre Leser, Zuhörer oder Zuschauer von oben herab zu behandeln. Es ist gut, dass es auch solche Medien gibt - aber wir sind anders.“ Er will alle Schichten ansprechen.

          Die Wissenschaftlerin Valérie Robert, die an der Sorbonne den Studiengang Deutsch-französischer Journalismus leitet, vergleicht BFM TV indes mit der 2012 eingestellten Klatschzeitung „France Soir“: „Im Grunde hat BFM TV diese Zeitung ersetzt: Während früher in allen Cafés, Teestuben und Imbissen ,France Soir‘ auslag, flimmert heute BFM TV über die an den Wänden angebrachten Flachbildschirme.“ Der Sender sei eine Art französische „Bild“-Zeitung in bewegten Bildern.

          Der Sender gibt sich volksnah. Immer wieder wird ihm vorgeworfen, Populisten in die Hände zu spielen, wenn es um Sicherheit, Terror, Kriminalität und die damit verbundenen Ängste der Franzosen geht. „Das sind die großen, vom Front National besetzten Themen, teilweise in der gleichen Rhetorik“, sagt Valérie Robert. Es möge ungewollt sein, aber im Endeffekt unterstützte BFM TV durch seine Art der Berichterstattung diese Partei. Der Nachrichtenkanal weist diese Vorwürfe zurück. Aber bei der Kommunalwahl 2014 strahlte er rund ein Dutzend Beiträge über den Kandidaten des Front National im südfranzösischen Fréjus, David Racheline, aus. Gegenkandidaten fühlten sich zu Stichwortgebern degradiert, die Vertreterin der Sozialisten weigerte sich, Rachelines Kandidatur weiterhin im Fernsehen zu kommentieren. Auch die französische Rundfunkaufsicht bemängelte „die andauernde, überdurchschnittliche Präsenz des Front National“ auf BFM TV.

          Direkter Draht zu den Terroristen

          Auch im Zusammenhang mit den islamistischen Anschlägen im Januar und November 2015 stand der Sender in der Kritik. Zweimal hatten dessen Journalisten direkten Kontakt zu den Terroristen: Nachdem sich die flüchtigen „Charlie Hebdo“-Attentäter in einer Druckerei verschanzt hatten, rief einer der Reporter dort an, um mit einer Geisel zu reden. Stattdessen ging einer der Terroristen an den Apparat und sprach über seine Tatmotive. Nur wenige Stunden später rief der Attentäter, der zu diesem Zeitpunkt mehrere Menschen in einem jüdischen Supermarkt als Geiseln hielt und später vier Menschen tötete, bei BFM TV an. Er telefonierte mit Alexis Delahousse, dem Vizechef der Redaktion. Später berichtete der Sender, der Attentäter habe mit der Polizei in Kontakt treten wollen und sich zum IS bekannt. In beiden Fällen beschloss die Redaktion, die Telefonaufzeichnungen den Ermittlern zu überlassen und Ausschnitte erst nach dem Tod der Terroristen zu veröffentlichen. Dennoch entfachte sich eine Diskussion darüber, was Journalisten dürfen - und was nicht.

          „Er hat uns nur angerufen, damit wir eine Handynummer an die Polizei weitergeben“, verteidigt sich Hervé Béroud. „Wir haben mit ihm gesprochen, um ein Maximum an Informationen zu erhalten.“ Die Aufgabe eines Journalisten sei es schließlich zu erzählen, was passiert. Wenn das in Echtzeit geschieht, kann das aber auch die Ermittlungen der Polizei behindern oder Attentätern nutzen. Sechs der befreiten Geiseln erstatteten Anzeige gegen die Medien und warfen unter anderem BFM TV vor, ihr Leben gefährdet zu haben. Ein Reporter hatte noch während der Geiselnahme verraten, dass sich einige Menschen in der Kühlkammer des Supermarkts versteckt hielten. Die juristische Anzeige endete mit einem Vergleich.

          BFM TV ist dafür bekannt, für seine Echtzeitberichte Grenzüberschreitungen in Kauf zu nehmen. Als bei einer Razzia im November 2015 Spezialeinheiten der Polizei die Wohnung mutmaßlicher Attentäter im Pariser Stadtteil Saint Denis stürmten, plazierte der Sender mehrere Videojournalisten mit Satellitenrucksäcken so im Viertel, dass ein beinahe nahtloses 360-Grad-Panorama abgebildet werden konnte. In der Redaktion liefen die Bilder zusammen, und ein Redakteur entschied, welche Einstellung gezeigt wurde. „Das war kein Journalismus mehr, das war Videoüberwachung“, sagt eine Reporterin, die an diesem Tag für BFM TV unterwegs war. „Ich filmte einfach alles, was ich sah, und wusste nicht einmal, ob ich gerade live auf Sendung war.“ Viel zu oft gehe es so: „Man muss blitzschnell entscheiden, ob man etwas filmt oder ob etwas dagegen spricht. Wenn zum Beispiel ein Mann von der Polizei mit Handschellen abgeführt wird - was mache ich dann?“

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