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„Killing Eve“ bei Starzplay : Selbst die Hölle weiß nichts von der Wut einer lustigen Frau

  • -Aktualisiert am

Exzentrisch und unantastbar: Jodie Comer als Killerin Villanelle Bild: Starzplay

Lachen, weinen, bibbern: In „Killing Eve“ begibt sich Sandra Oh als Agentin auf die Spur einer exzentrischen Killerin, brillant gespielt von Jodie Comer.

          3 Min.

          Das ist keine Gretchenfrage: „Wie würdest du mich ermorden, wenn du mich umbringen wolltest?“, fragt Eve Polastri (Sandra Oh) ihren Mann Niko (Owen McDonnell) in einer Szene der neuen Starzplay-Serie „Killing Eve“. „Ich würde dich zu Tode komplimentieren“, gibt dieser liebenswürdigerweise zurück. Sie legt todernst nach: „Ich würde dich mit einem Gift lähmen und im Schlaf ersticken. Dann würde ich dich in kleinstmögliche Teile zerstückeln. Dich zerkochen. In den Mixer geben. Und in einer Restauranttoilette herunterspülen.“

          Eve ist (vorerst) keine Mörderin, aber sie ist von einer lebhaften Phantasie beseelt. Das macht ihr den Job als kleine Angestellte des englischen Inlandsgeheimdienstes MI5 schwer und treibt sie einer Midlife-Crisis entgegen. Es hilft ihrem Ansehen unter Kollegen auch nicht, dass sie zu einem wichtigen Meeting zu spät erscheint und störend mit einer Croissant-Tüte herumknistert. Doch, wie sich zeigt, ist ihre ungefragt herausposaunte Ahnung, dass es sich bei dem Attentäter eines osteuropäischen Politikers um eine Frau handeln muss, korrekt. Sehr zum Verdruss ihrer sich prompt bedrängt fühlenden männlichen Vorgesetzten.

          Hinreißende Arbeitsplatz-Komödie und packender Thriller

          Schon die ersten Minuten von „Killing Eve“, ursprünglich produziert von BBC America, enthalten so viele gutgelaunte, unerwartete Volten, dass einem der Mund offen steht – meist vor Lachen über den tiefschwarzen Humor der Serie. Die Adaption von Luke Jennings’ „Villanelle“-Romanen durch die Autorin und Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge ist eine erfreulich originelle Variante des Spionagethrillers, obgleich das als Genre viel zu eng gefasst ist. Denn das Katz-und-Maus-Spiel zwischen der kleinen Beamtin Eve und der Weltklasse-Killerin Villanelle – Jodie Comer, in einem genialen Casting-Einfall gegen den Strich besetzt – entzieht sich so elegant wie vergnügt jeder einfachen Kategorisierung. Die Serie ist teils hinreißende Arbeitsplatz-Komödie, teils packender (und ziemlich blutiger) Thriller und eine in vielerlei Hinsicht eigenwillige Lovestory.

          Sowohl Eve als auch Villanelle ringen mit den Rollen, die ihnen zugewiesen sind: Letztere führt den Machtkampf mit ihrem Verbindungsmann Konstantin (Kim Bodnia) als dreisten Flirt; Eve muss sich fragen, ob ihre MI6-Verbindungsfrau Carolyn Martens (die wunderbare Fiona Shaw) ihre Befreierin ist oder sie bloß auf einer anderen Ebene zu unterjochen hofft.

          Sandra Oh, die einem großen Publikum als Cristina Yang aus „Grey’s Anatomy“ bekannt wurde, darf hier alle Register ziehen; vom Slapstick, befeuert von Eves Selbstzweifeln, über ihre Angstlust auf den Fersen einer Auftragskillerin bis hin zum umfassenden Grauen angesichts der brutalen Welt, in die sie sich wagt. Bei den Golden Globes vor wenigen Wochen erhielt Oh denn auch prompt einen Preis für sich als beste Schauspielerin in einer Fernsehserie.

          Eiskalte Psychopathin mit geübter Püppchenmiene

          Waller-Bridge und die Regisseure Harry Bradbeer, Jon East und Damon Thomas haben nicht nur in der Zeichnung von Eve sichtlich Spaß daran, aus widersprüchlichen Aspekte der Weiblichkeit ein komplexes Bild zu zeichnen. Villanelle ist ein Glamourgirl, eine stilistisch eigenwillige Genießerin mit einem Sinn fürs Surreale. Sie ist außerdem eine eiskalte Psychopathin mit geübter Püppchenmiene und einem gnadenlosen Killerinstinkt. Und sehr zur Sorge von Konstantin schnappt sie fast über vor Arroganz: „Die kriegen mich nie!“, ruft sie strahlend, als er ihr eröffnet, dass ihr nach Jahren der Unangreifbarkeit offenbar eine Agentin auf der Spur und damit ihr Superstar-Status in Gefahr ist.

          Hin und wieder wird „Killing Eve“ die Lust an der Subversion zum Verhängnis, oft im Hinblick auf ihre männlichen Figuren. Eves Ehemann Niko, der hier die Rolle des verständnisvollen und unterstützenden Gatten innehat, wirkt grob skizziert. Einer von Eves Mitarbeitern, der als schmallippiger Bedenkenträger zunächst als Inbegriff des Spießers erscheint, entpuppt sich als überraschender Freigeist – nur um dann kaum noch Raum zu bekommen, diesen auszuspielen.

          Insgesamt zeichnet die Serie eine seltene Art von Verspieltheit aus, die den Ernst der Dinge nicht verkennen lässt. Eves Boss Frank (Darren Boyd), ein verklemmter Karrierist, mag die blumigen Schimpfworte verdienen, mit denen sie ihn überzieht, als er sie ermahnt, ihren Job zu tun anstatt einer „Phantasie-Karriere“ nachzuhängen. Eves Ermittlungen auf eigene Faust wiederum haben mitunter schreckliche Konsequenzen. Und darunter leidet sie. „Humor ist hier die offene Tür“, sagte Sandra Oh kürzlich vor Journalisten auf der Television Critics Association Konferenz in Pasadena. „Wir locken die Leute mit der Einladung, sich zu entspannen und Spaß zu haben. Und dann lassen wir ganz andere Unterströmungen einfließen.“ Jodie Comer sagte in Pasadena, es sei „wunderbar, so viel Komplexität und Verletzlichkeit zeigen zu dürfen“, und das sei vor allem dem Blick einer weiblichen Drehbuchautorin zu verdanken. Inzwischen, so Comer, rissen sich Schauspieler um einen Part als Opfer von Villanelle. „Die stehen Schlange, nur um umgebracht zu werden“, sagte die fünfundzwanzigjährige Engländerin. Villanelles honigsüßes Lächeln mit einem Hauch Begierde im Blick hat schon jetzt einen Ehrenplatz im Kabinett der erschreckendsten TV-Antlitze.

          Doch schließlich ist es Sandra Ohs Eve, die der Serie ihre Bodenhaftung verleiht. Eve träumt von Großem, auch wenn ihre Entschlossenheit ständig mit ihren Selbstzweifeln kollidiert und der Hang zur Ungeschicklichkeit ihr oft und meist peinlich im Weg steht. Dafür ist sie enorm scharfsinnig und verfügt über eine beinahe untrügliche Intuition, was bald auch Villanelle auffällt, die sich mit Vergnügen ins Spiel stürzt. Es ist ein sehenswertes Duell.

          Killing Eve läuft auf Starzplay, abrufbar über Amazon Prime.

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