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Sein erster „Tatort“ : Die Spießigkeit des Exzesses

Stuttgart, Weinsteige, nachts: Der Verkehr steht still - und irgendwo im Stau sitzt ein Mörder. Bild: SWR/Andreas Schäfauer

Der Regisseur Dietrich Brüggemann hat seinen ersten „Tatort“ gedreht. Ein Gespräch über den Stau als Krimi-Setting, den Reiz von Auftragsarbeiten und seinen Respekt vor dem Fernsehpublikum.

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          Sie haben sich für ihren ersten „Tatort“ den Stau als Schauplatz ausgesucht. Es gibt einen Toten, der in einem Wohngebiet gefunden wird, und alles deutet darauf hin, dass der Täter mit seinem Auto im Stau steckt – und dort erst mal nicht wegkommt. Die Ermittler haben Zeit, ihn zu finden, solange der Stau dauert. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir hatten ein paar Jahre zuvor im Stuttgarter Raum „Kreuzweg“ gedreht, da fährt man viel rum. Die Gegend ist sehr zersiedelt, da ist ständig Stau. Durch die Kessellage in Stuttgart ist es natürlich auch eng. Und wenn man auf diesen Höhen steht, nachts im Stau, hat man manchmal ein Gefühl von Los Angeles. Da ist auch immer Stau. Wir haben einmal Hans Zischler vom Flughafen abgeholt, da standen wir ewig auf der Weinsteige – genau an der Stelle, die wir jetzt für den Film genommen haben. Da fokussierten sich zwei Sachen auf besonders schöne Weise: Man kommt wirklich keinen Zentimeter voran und das Panorama ist bombastisch.

          Welchen Reiz hat das als Setting für einen Krimi?

          Das ist ja eigentlich „Mord im Orient-Express“: Ein Ort, wo die Leute nicht wegkommen. Keiner verlässt den Raum. Warum schaut man das gerne an? Wenn man es mit Massenpsychologie erklären will: So ein Film ist immer eine kleine Metapher fürs Leben. Aus dem Leben als Ganzes kommt man ja auch nicht raus. Man sitzt fest, mit dem Job und der Familie. Wenn man einen Film guckt, hat man immer ein zweifaches Interesse: einerseits sucht man Eskapismus, andererseits will man das eigene Leben wiederfinden.

          Und doch ist es eine Ausnahmesituation, so alltäglich sie auch ist. Das Leben funktioniert nicht mehr, wie geplant, schon verlieren die Leute die Kontrolle.

          Im Stau zu stehen ist wirklich das Bekloppteste, was es gibt. Ich vermeide das auch, wo es geht. In der Stadt fahre ich nur Fahrrad. Aber beim Film geht es manchmal nicht anders. Und dann merkt man, was das für eine komische Vernichtung von Zeit und Leben ist und wie aggressiv das einen macht. Das ist die perfekte Ausgangssituation, um herzustellen, was ich am Krimi eigentlich interessant finde: die Täteridentifikation. Dass der Zuschauer denkt, das könnte ja ich sein.

          Dietrich Brüggemann
          Dietrich Brüggemann : Bild: Andreas Pein

          Wenn man den Film sieht, mit dem schönen Blick auf das nächtliche Stuttgart, fragt man sich, wie Sie es geschafft haben, am Originalschauplatz zu drehen. Damit geht man Ihnen aber auf den Leim: Sie haben die ganze Straße in der Freiburger Messehalle nachgebaut und die Aufnahmen der Stadt per Bluescreen eingefügt.

          Man kann das einfach nicht anders drehen. Man kriegt die Originalstraße nicht gesperrt, man kriegt auch keine andere Straße, die so aussieht. Man kann auf irgendeine andere Straße gehen, die nicht so aussieht, aber da muss man auch den Hintergrund bauen und einen Bluescreen hinstellen. Dann kann man gleich ins Studio gehen. Wenn das dann nicht nach Augsburger Puppenkiste aussehen soll, ist es natürlich sehr viel Aufwand. Aber ich liebe so was. Das ist eine Handwerksarbeit.

          Vielleicht fällt es auch deshalb sowenig auf, weil Sie den Film sowieso als Kammerspiel angelegt haben. Jedes Auto ist eine Art Tableau, die meisten Szenen spielen sich im Inneren der Wagen ab. Mich hat gewundert, dass die Situation nicht noch viel mehr eskaliert. Man denkt bei einem solchen Setting an Filme wie Buñuels „Würgeengel“. Es ist eigentlich eine Lizenz zum Wahnsinn. Bei Ihnen geht es, bis auf eine kurze Szene am Schluss, relativ gesittet zu.

          Ich hätte es komisch gefunden, das zu sehr zu überdrehen. Ich finde es interessanter, bei der Realität zu bleiben. Ich fand es schöner, präziser und auch trauriger, die Leute alle in ihrem Leben zu lassen und alles in Alltagsnormalität versinken zu lassen, statt sie auf eine Art austicken zu lassen, wie sie es einfach nicht machen würden. Der Stau löst sich irgendwann auf und alle fahren nach Hause.

          Sie sind ein großer Fan des schwedischen Regisseurs Roy Anderson. Auch in dessen Film „Songs from the Second Floor“ gibt es einen fast apokalyptischen Stau, als Sinnbild für eine Welt, die zum Stillstand gekommen ist. Diese grotesken Aspekte haben Sie nicht interessiert?

          Mein Ansatz war eher, davon wegzugehen, was ich sonst mache. Ich sehe das als Auftragsarbeit. Ich habe mich lange gefragt: Wird das eigentlich ein toller Film, hinter dem ich voll stehen kann? Es liegt ja immer eine Gefahr darin, sich zu wiederholen und dafür gefeiert zu werden, was man immer macht. Deshalb passiert es oft, dass durch Sachen, die außer der Reihe gemacht werden, als halbe Auftragsarbeit, die besten Arbeiten entstehen. „Drive“ ist der beste Film von Nicolas Winding Refn, weil er da gar nicht immer machen konnte, was er wollte: Er hatte ja ein Drehbuch, eigentlich sollte es ein ganz normaler Thriller werden. Er hat dann sein ganz eigenes Ding daraus gemacht. Wenn jemand einem „Tatort“ zu sehr seinen Stempel aufdrückt, wird es leicht zur Ego-Show. Man muss dieses Format auch respektieren. Man muss ja nicht davor in die Knie gehen.

          Ihre bisherigen Filme wie „Kreuzweg“ oder „Heil“ wurden oft dafür kritisiert, dass sie zu viel wollten. Beim „Tatort“ gibt es am Anfang eine sehr schöne Musikszene, in der die einzelnen Figuren durch die Lieder vorgestellt werden, die sie im Auto hören. Der Ingenieur hört Metallica, der Familienvater Fatboy Slim, das streitende Ehepaar „Reality“ aus „La Boum“. Das setzt einen ganz anderen Tonfall, als man ihn von einem durchschnittlichen „Tatort“ kennt. Das hätte auch darauf hinauslaufen können, dass der ganze Film ein völlig wildes Musikvideo wird. Aber es wird dann doch relativ brav.

          Diese Musiksequenz ist einfach eine knappe Art, die Leute zu charakterisieren und gleichzeitig ein kleines Dokument der Spielfreude. Ich fand es lustig, dass die Songs alle zueinander passen, sechs Hits in G-Dur. Aber der große Griff in den Exzess ist das ja nicht. Klar, man hätte die Leute noch ganz anders explodieren lassen können. Aber das ist auch schon ein Topos im Kino geworden, vielleicht sogar auch im Fernsehen: dieses forcierte Auf-die-Tube-Drücken. Das hätte mich nicht interessiert.

          Aber bei „Heil“ haben Sie hemmungslos auf die Tube gedrückt.

          Ja, aber das war von vornherein ein anderer Ansatz. „Heil“ ist eine Komödie, bei der jede Figur genau eine Idee hat, die sie manisch bis zum Äußersten verfolgt. Klar drehen da alle durch. Damals dachte ich, das Land braucht mal so einen Film. Der grundlegende, allumfassende deutsche Stock im Arsch, der schrie wirklich nach so einem Film. Hier ging es darum, die Leute in ein paar mehr Dimensionen ernst zu nehmen.

          Die Chance, das brave „Tatort“-Publikum mit etwas zu konfrontieren, womit es überhaupt nicht rechnet, hat Sie nicht gereizt?

          Was habe ich denn davon? Das ist dann wieder einer dieser Skandal-„Tatorte“, wo alle abschalten. Nein, man muss denen gar nichts vor den Latz knallen. Man muss sie da abholen, wo sie sind und optimistisch davon ausgehen, dass das Publikum aus lauter hochgebildeten, verständigen Leuten besteht, die man erst mal gerne mag. Die Sehnsucht nach dem Exzess erlebt man ja auch im deutschen Film immer wieder, diese Kettensägen-Fantasien im Schrebergarten. Das hat auch etwas wahnsinnig Spießiges.

          Sie scheinen sich eher dafür zu interessieren, bei jedem Film etwas ganz anderes zu machen. Sie haben gerade noch einen zweiten „Tatort“ gedreht, „Murot und das Murmeltier“, in dem Ulrich Tukur wie Bill Muray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ denselben Tag immer wieder erleben muss.

          Das wird schon eher ein völlig wildes Musikvideo. Ich überrasche mich selber auch gerne. Der Murot-„Tatort“ öffnet eine Tür, durch die der Originalfilm gar nicht so richtig durchgeht: die völlige Entwertung von Tod und Gewalt. Du kannst Leute wegnieten, wie nichts gutes, das ist völlig egal: Sie sind gleich wieder am Leben. Wenn man das mal durchexerziert, ist es richtig finster. Das macht großen Spaß. Aber einen Film, in dem ich die Hauptfigur zwölfmal erschieße, werde ich garantiert auch nur ein einziges Mal machen. Ich find’s wahnsinnig spannend, mit jeden Film einen neuen Tonfall zu erfinden. Man ist ja selber sowieso immer derselbe Typ. Man kommt ja aus sich selbst gar nicht raus. Deshalb hat man fast die Verpflichtung, davon so weit wegzugehen, wie man nur kann. Der gemeinsame Nenner ist am Ende sowieso größer, als man denkt.

          Aber beim „Tatort“ sind sie offenbar auf den Geschmack gekommen: Sie arbeiten schon am nächsten.

          Ja, wieder an einem Stuttgarter „Tatort“. Der könnte ein Musical werden.

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