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Der Neue bei ProSiebenSat.1 : Seid doch mal mutig!

Findet Mut gut: Max Conze, ehemals Manager bei der Staubsaugerfirma Dyson, ist bei Pro 7 Sat.1 als neuer Chef angetreten. Bild: dpa

Mehr Mut, mehr Leidenschaft – mehr Topmodels: Max Conze, ehemals Manager bei der Staubsaugerfirma Dyson, ist bei ProSiebenSat.1 als neuer Chef angetreten. Jetzt hat er dort erst einmal seine Wünsche formuliert.

          3 Min.

          Am 1. Juni ist Stabwechsel bei Pro Sieben Sat.1. Auf den vorzeitig verabschiedeten Vorstandsvorsitzenden Thomas Ebeling folgt Max Conze. Der eine kam aus der Pharmabranche, von Novartis; der andere machte in Staubsaugern, bei Dyson. Das eine wie das andere muss für einen Manager nicht die schlechteste Voraussetzung sein, um einen Medienkonzern führen zu können. Doch schaut man sich über die Jahre das Kommen und Gehen bei Pro Sieben Sat.1 an – nicht im Vorstand, wohl aber in der Geschäftsführung der Sender –, denkt man sich: Es wäre ja vielleicht nicht verkehrt, wenn mal jemand auftauchte, der wirklich was vom Programm versteht und nicht nur so tut, als ob und seine privaten Vorlieben nicht mit Expertise verwechselt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit einem der ersten Sätze, mit denen sich der neue Vorstandschef Max Conze kürzlich bei der Hauptversammlung des Konzerns vorgestellt hat, lag er insofern nicht falsch. „Wir müssen mutiger werden, wir brauchen Leidenschaft“, sagte er und verwies darauf, dass nicht der E-Commerce, sondern die Unterhaltung den Kern des Geschäfts darstelle. Die Kreativen im Unternehmen brauchten mehr Freiraum, und den einen oder anderen Fehler müsse man sich erlauben dürfen. Die Botschaft hört man wohl. Würde sie – endlich – umgesetzt, wäre das eine Kehrtwende.

          Sat.1 war einmal so etwas wie ein junger Familiensender

          Denn unter Conzes Vorgänger Ebeling war die „Unterhaltung“, die wir einmal im Sinne von „Programm“ verstehen wollen, das Letzte, womit Pro Sieben Sat.1 von sich reden machte. Die Umsätze durchs Internetgeschäft und durch geschickt gewählte Beteiligungen gediehen prächtig, die Sender aber verkümmerten. Die komplette Expertise, die sich Sat.1 und Pro Sieben mühsam im Laufe von mehr als zwanzig Jahren aufgebaut haben, ist so gut wie perdu, die Marktanteile bei den Zuschauern schrumpfen von Jahr zu Jahr, 2017 lagen sie bei gerade mal 6,7 und 4,5 Prozent beim Gesamtpublikum.

          Sat.1 war einmal so etwas wie ein junger Familiensender mit eigener, erkennbarer Handschrift bei Fernsehfilmen und Serien, die sich international verkauften und die andere sogar kopierten. Heute läuft dort so gut wie nichts Neues. Ein profund produzierter und sehr ansehnlicher Zweiteiler mit Henning Baum als „Staatsfeind“ erreicht jetzt gerade einmal zwei Millionen Zuschauer, weil so etwas auf diesem Kanal schon niemand mehr erwartet. Pro Sieben hat sich derweil so lange auf Stefan Raab verlassen, bis der – was früh genug bekannt war – nicht mehr wollte. Dann setzte der Sender mit dem Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf wieder alles auf eine Karte, weil er keine weiteren Asse im Ärmel hat. Stattdessen werden amerikanische Serien wie „The Big Bang Theory“, „Die Simpsons“ oder „Two and a Half Men“ so lange rauf- und runtergespielt, bis man die Wiederholung nicht mehr von der Wiederholung der Wiederholung unterscheiden kann. Da muss dann schon eine Veranstaltung wie „Germany’s Next Topmodel“, die allein der Selbstdarstellungsvermarktung von Heidi Klum dient und junge Frauen auf Sexiness und Laufstegadäquanz reduziert, als Highlight herhalten.

          Ausgerechnet auf diese Sendung verfiel der neue Vorstandsboss Max Conze denn auch, als er bei der Hauptversammlung des Konzerns ein Beispiel für vermeintlich interessantes Programm aufrief und meinte, seine Töchter fänden die Show gut. So ähnlich hat sein Vorgänger Ebeling auch angefangen – mit Lob und Preis, mit Daumen rauf und Daumen runter für dies und das, was einem halt gerade so gefällt, bis die Geschäftsführer der einzelnen Sender sich wie der Heinzelmann-Staubsaugervertreter im Loriot-Sketch vorkommen durften. Das Ende ist bekannt: Da mokierte sich Ebeling in einem Gespräch mit Analysten über die eigenen Zuschauer, „die ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“ und eben nicht sehr anspruchsvoll seien.

          Dank einer solchen Einstellung hat sich Pro Sieben Sat.1 – so toll das Online-Geschäft und der restliche Firlefanz auch laufen mögen – aus dem Wettbewerb der Sender weitgehend verabschiedet. Die Gruppe ist in puncto Unterhaltung und Information heute weder ein ernsthafter Herausforderer der öffentlich-rechtlichen Sender noch des großen Privatsenderkonkurrenten RTL. Mit den Programmspitzen von Sky, wo die mit Abstand beste Serienproduktion und der Fernsehdeutschen liebster Zeitvertreib namens Fußball läuft, oder den gigantischen Programminvestitionen von Netflix von acht Milliarden Dollar in diesem Jahr für tausend Stunden neues Programm kann Pro Sieben Sat.1 schon gar nicht mithalten. Wie viel wird dort wohl von dem zuletzt bei 4,1 Milliarden Euro liegenden Jahresumsatz, bei einem Gewinn von 471 Millionen Euro, ins Programm, in die Kreativen, in Innovation investiert? Aus der Zuschauerperspektive gesehen, können das nur Peanuts sein, die beim Staubsaugen nicht weiter auffallen.

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