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„Seelen im Feuer“ : Hier wird so lange gehext, bis der Arzt kommt

Hans und Johanna tanzen bei der Kirchweih. Da guckt Cornelius zu Recht argwöhnisch! Bild: Erika Hauri

Der Film „Die Seelen im Feuer“ sollte eigentlich von dem düsteren Thema Hexenverfolgung handeln. Aber beim ZDF geht auch so etwas nicht ohne Lovestory.

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          Irgendwann im Jahr 1631 muss den Verschwörern klargeworden sein, dass sie alles auf eine Karte setzen mussten. Und sie unterzeichneten ein Schriftstück, das ihr eigenes Todesurteil hätte werden können. Frost im Sommer hatte erst den Hunger, dann den Hexenwahn nach Bamberg gebracht. Fürstbischof Johann Georg Fuchs von Dornberg schickte Tausende, die vermeintlich mit dem Teufel im Bunde standen, auf die Scheiterhaufen. Der Bürgermeister endete im Feuer, Ratsmitglieder, angesehene Bürger und noch viele Namenlose.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der religiöse Furor loderte ohnehin, doch in der Hand des Bamberger Fürstbischofs wurde der Aberglaube zum Instrument, unliebsame Personen aller Art loszuwerden. Endgültig. Ein Zehntel der Bevölkerung war schon hingerichtet, als die Gruppe derer, die nichts Gottgefälliges darin entdecken konnten, ihre Petition an den Kaiser aufsetzte und losschickte. Sie klagten Urteile an, die auf Verleumdung und Folter gründeten, und forderten die Freilassung der Gefangenen. Sie hatten Erfolg.

          Eine Liebesgeschichte wie aus dem Arztroman

          Was mehr braucht es als diese wohldokumentierte Vorlage für einen Historienfilm, der alles bietet, was dazugehört? Politische Intrige, Mord und Totschlag, Rettung in letzter Sekunde oder eben nicht, flackerndes Licht, dunkle Machenschaften, die Befreiung der Denkenden aus dem Würgegriff des Irrglaubens. Wobei diese Aufklärer avant la lettre im Idealfall mehr sein müssten als die Projektion unserer Vorstellung von Vernunft in die frühe Neuzeit. Das Ganze sollte natürlich auch eine Orgie von Kostümen, Ausstattung und Kulissen sein, fertig wären die „Tudors“ aus Deutschland mit allerlei möglichen Anspielungen auf religiös verbrämte Barbarei der Gegenwart und moderne Hexenjagden.

          Hexenkommissar Herrenberger ist von Johannas Schuld überzeugt.

          Was fehlt also? Richtig, eine Liebesgeschichte wie aus dem Arztroman, und damit sind wir schon wesentlich näher an „Die Seelen im Feuer“, dem ZDF-Drama rund um die Bamberger Hexenprozesse, das es besser machen will als „Die Wanderhure“ bei Sat.1 und „Die Pilgerin“ im Zweiten. Das Drehbuch (Annette Hess, Stefan Kolditz) folgt dem Roman von Sabine Weigand, und der dreht sich vor allem um diese beiden: den feschen Medicus Cornelius Weinmann (Mark Waschke mit Hipster-Bart) und Johanna, die Apothekerin mit den heilenden Händen (Silke Bodenbender). Cornelius reitet mit wehendem Mantel von Wien, der Stadt des Fortschritts, zurück in seine Heimat und stolpert dort subito über seine Jugendliebe Johanna.

          Flasche mit Topfschnitt

          Dass ihr Verlobter (Maximilian von Pufendorf) eine Flasche ist, erkennt man schon an seinem unsäglichen Topfschnitt und daran, dass er sagt, nach der Hochzeit sei’s aber aus mit ihrer Apotheke, als Stadtschreiberfrau schicke sich das nicht. Cornelius eilt ans Bett seines sterbenden Vaters, da ist nichts mehr zu machen, wird zum fiesen Fürstbischof gerufen, der nur noch unter Schmerzensschreien huren kann, wie wir leidvoll erfahren müssen. Ein Blasenstein plagt Ihro Gnaden. Der Fortschrittsmedicus schneidet den Stein fix raus, hat dafür nun einen Stein im Brett beim Finsterling – und es geht los mit dem Hexenspuk.

          Erst steigen einem Jüngling die Porno-Bilder in einem Buch über das Unwesen der Hexen zu Kopf. Er stellt sich den Kirchenoberen: Der Teufel sei in ihn gefahren. Von nun an verleumdet jeder jeden als Hexe oder Hexer. Der Schreiber freut sich, hat er doch nun immer etwas zu tun als Protokollant der Verhöre, der Weihbischof (Alexander Held) und der Hexenkommissar (Axel Milberg) drehen das große Rad, und der Medicus wird wider Willen als Sachverständiger für Hexenmale hinzugezogen. Es kommt, wie es kommen muss, Johanna landet im Kerker und muss die Finger in den Schraubstock legen. Wird der Medicus sie vor den Flammen bewahren können? Kann der vernünftige Teil der Ratsherren um Bürgermeister Junius (Richy Müller) etwas ausrichten?

          Adrette Kostüme zwischen Regenrinnen

          Von Spannung also weit und breit keine Spur in 108 Minuten. Allerdings auch keine von allzu üblem Trash. Stattdessen bietet der Film solides Handwerk. Die Schauspieler nehmen ihre Aufgaben verblüffend ernst, verausgaben sich aber auch nicht gerade, und Szenenbild (Petra Heim) wie Kamera (Holly Fink) inszenieren die Handlung unter der Regie von Urs Egger in stimmungssatten Bildern nach dem Vorbild alter holländischer Meister. Wenn da nur nicht immer wieder lustige Details wie Regenrinnen und Fenster aus den siebziger Jahren wären. Gleichwie, die Kostüme sind recht adrett und die Figurenzeichnungen nicht allzu platt. Menschen von heute eben, mit religiösem Tick oder ohne: „Es gibt keine Hexen, keinen Teufel und keinen Gott“, sagt Cornelius forsch.

          Dass bei den Pogromen erst einmal nicht ein Pentagramm, sondern ein Davidstern auf eine Tür gezeichnet wird, ist einer der Winke mit dem Zaunpfahl, die der Geschichte aktuelle Relevanz verleihen sollen. Als ob es darum ginge. Cornelius, der Johannas Hand mit dem kaum verletzten Daumen hält – das wollen doch alle sehen, die sich auf solch einen Historienschinken einlassen. Oder?

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