https://www.faz.net/-gqz-99swi

Sexuelle Belästigung : Sechs Frauen erheben Vorwürfe gegen WDR-Mann Henke

  • Aktualisiert am

Bisher war nicht bekannt, was ihm konkret vorgeworfen wird: Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm beim WDR. Bild: WDR/Herby Sachs

Noch am Mittwoch hatten sich 16 Frauen aus der Film- und Fernsehbranche für den freigestellten Programmbereichsleiter des WDR eingesetzt. Jetzt konkretisieren sechs Frauen die Vorwürfe sexueller Belästigung. Unter ihnen Charlotte Roche.

          Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR, ist von seinem Sender freigestellt worden, nachdem ihm zunächst auf einem Flugblatt anonym der Vorwurf sexueller Belästigung gemacht worden war. Danach, heißt es aus Senderkreisen, haben man auch direkt „ernstzunehmende Hinweise“ erhalten.

          Henke sei beurlaubt, damit man die Vorwürfe in Ruhe klären könne. In einem ersten Gespräch habe Henke einer schriftlichen Stellungnahme des Senders nach die Vorwürfe, deren Charakter ihm bekannt sei, bestritten. Selbstverständlich werde er „zeitnah“ zu den einzelnen Anschuldigungen angehört. In der Stellungnahme wird der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn mit den Worten zitiert, er sei „wie viele Kolleginnen und Kollegen, die mit Herrn Henke zusammenarbeiten, immer noch fassungslos, denn Hinweise auf mögliches Fehlverhalten hatte ich nie. Nun hoffe ich, dass die Prüfung Gewissheit bringt. Das schließt selbstverständlich auch eine Entlastung von Vorwürfen nicht aus“. Allerdings halte er die Schilderungen, über die er informiert sei, für gravierend und glaubwürdig.

          Der WDR bekundet weiterhin sein großes Interesse, den Sachverhalt aufzuklären. Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Berichterstattung im „Spiegel“ ermuntere der Sender mögliche Betroffene, sich an die zuständigen Ansprechpartner im Haus oder die externen Anlaufstellen zu wenden.

          Aufruf zu differenzierter Auseinandersetzung

          Im „Spiegel“ werfen sechs Frauen Henke konkrete sexuelle Belästigung vor. Die Frauen, darunter die Autorin Charlotte Roche, seien von ihm betatscht und begrapscht worden, berichtet das Nachrichtenmagazin laut Vorabmeldung von diesem Freitag. Henke habe den Frauen an den Po oder an den Bauch gefasst, er habe angedeutet, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartete. Die Vorwürfe reichten von 1990 bis mindestens 2015. Bisher war nicht bekannt, was Henke konkret vorgeworfen wird.

          Henke bestreitet alle Vorwürfe. Nach seiner Freistellung ging er über seinen Anwalt an die Öffentlichkeit und forderte den WDR auf, die Vorwürfe zu konkretisieren. Am Mittwoch hatten sechzehn Frauen aus der Film- und Fernsehbranche eine Petition veröffentlicht, in der sie sich für Henke starkmachen und zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Vorwürfen aufrufen.

          Nicht ausreichend ernst genommen

          Eine der Frauen, die im „Spiegel“ Belästigungsvorwürfe erheben, ist die Autorin Charlotte Roche. Sie habe Henke 2013 in Köln kennengelernt. „Er gab mir die rechte Hand und legte mir die linke gleichzeitig fest mitten auf den Po“, sagte Roche dem Magazin. Sie habe versucht, sich wegzubewegen, doch er habe sich mitbewegt. Sie mache sich Vorwürfe, damals nichts gesagt zu haben.

          Wenige Tage vor der Freistellung Henkes hatte der WDR die frühere EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies (SPD) als externe Gutachterin eingeschaltet. Sie soll den Umgang der Senderspitze mit Vorwürfen sexueller Belästigung im Haus unabhängig überprüfen. Dem öffentlich-rechtlichen Sender wird vorgehalten, Führungskräfte hätten Hinweise auf sexuelle Belästigung durch mehrere Mitarbeiter in den vergangenen Jahren nicht ausreichend ernst genommen.

          Der WDR hatte bereits Anfang April einen Auslandskorrespondenten freigestellt, dem eine Mitarbeiterin und eine ehemalige Praktikantin sexuelle Übergriffe vorwerfen. Nach Senderangaben sind in den vergangen zehn Jahren beim WDR sieben Fälle sexueller Belästigung aktenkundig geworden.

          Weitere Themen

          Ohne den Unsinn der Radikalität

          Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

          1968 plante Siegfried Unseld mit dem späteren Bundesinnenminister Werner Maihofer und dem Frankfurter Zivilrechtler Rudolf Wiethölter als Herausgebern eine juristische Zeitschrift neuen Stils. Warum wurde nichts daraus?

          Nietzsche regiert im Silicon Valley

          Radikaler Humanismus : Nietzsche regiert im Silicon Valley

          Der britische Autor und Journalist Paul Mason im Gespräch über die Allianz von Elite und Mob, über Donald Trump als Rollenmodell – und darüber, warum es heute nicht genügt, Hannah Arendt zu lesen.

          Topmeldungen

          Verfahren gegen Kapitänin : Rackete muss vor Gericht aussagen

          Im Verfahren wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Widerstands gegen ein Kriegsschiff sagt Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete an diesem Donnerstag vor Gericht auf Sizilien aus. Die Gefahr einer Inhaftierung besteht wohl nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.