https://www.faz.net/-gqz-a6tr9

„Sechs auf einen Streich“ : Das hält kein Märchen aus

Zu knauserig für solide Maniküre: Hans Geiz (Dominique Horwitz) zählt im „Märchen vom goldenen Taler“ gierig sein Vermögen. Bild: rbb

ARD und ZDF plündern zu Weihnachten das Werk der Brüder Grimm und den Sagenschatz Norwegens. Sie machen daraus heutiges Haltungsfernsehen.

          4 Min.

          Wie würde man als Zuschauer einen Film aufnehmen, der sich „Der Zauberberg“ nennt, versehen mit dem Hinweis „Nach Motiven von Thomas Mann“, in dem aber kein Sanatorium, kein Settembrini, keine Madame Chauchat und kein heraufdämmernder Erster Weltkrieg eine Rolle spielt, wohl aber eine Figur namens Hans Castorp auf einem irgendwie verzauberten Berg Fantasy-Abenteuer erlebt? Würde man sich getäuscht fühlen, oder würde man den Urhebern applaudieren, da sie einen bekannten Stoff mutig in die Gegenwart holen und „Charaktere, Botschaften und die Moral von der Geschicht‘“ präsentieren, die „nicht von gestern“ sind, „sondern nachvollziehbar und verständlich“?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So jedenfalls kündigt Volker Herres, der Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, die neueste Staffel von „Sechs auf einen Streich“ an, mit der die Zahl der seit 2008 unter diesem Titel insgesamt produzierten Märchenfilme auf 51 steigt. Im Lauf der Jahre ist das inhaltliche Band zwischen den Vorlagen und den Filmen immer dünner geworden, und im Fall von „Der starke Hans“, dem diesjährigen Beitrag des BR zur Serie, ist da nur noch ein Fädchen: Aus der wüsten Geschichte der Brüder Grimm, in der ein kleiner Junge mit seiner Mutter von Räubern im Wald festgehalten wird, Jahr für Jahr stärker wird, die Räuber erschlägt, einen boshaften Zwerg ebenso und damit eine schöne Braut erringt, die er noch mit der Hilfe der Luftgeister von zwei hinterlistigen Gefährten zurückholen muss, aus einer Geschichte also, die im Wald, unter der Erde und auf dem Meer spielt, wird hier ein Film, der nichts mit dem Märchen zu tun hat – abgesehen davon, dass hier ein Hans stark ist und es mit Luftgeistern zu tun bekommt.

          Stattdessen ist da eine Kinderliebe zwischen dem Schmiedegesellen Hans (Lucas Reiber) und einer Prinzessin Sarah (Bianca Nawrath), die dafür einen anderen kindlichen Verehrer abweist. Im nahen Forst wohnt eine „Hüterin der Luftgeister“, die mit dem eifersüchtigen jungen Adligen einen Pakt eingeht: Die Menschen rücken ihr zu nahe, sagt sie, er solle dafür sorgen, dass das ganze Dorf seine Sachen packt und wegzieht. Dafür werde sie ihm zu Sarah verhelfen, sagt sie, während ihre Luftgeister die für das Dorf nötige Quelle trockenlegen. Wozu sie überhaupt den nervigen Adligen, begleitet von einem orientalisierenden Diener, in diesem Plan braucht, wird nicht recht klar, und auch nicht, warum sie mit dem Versiegen der Quelle auch in Kauf nimmt, den eigenen Wald zu schädigen, in dem das Wasser ja entspringt.

          Modernes Bewusstsein als Grundausstattung

          „Nachvollziehbar und verständlich“ ist immerhin die Botschaft „für die Kinder von heute“, die erstens lernen, dass man die Finger vom Ökosystem Wald lassen soll und die Menschheit „Grenzen“ zu respektieren habe, um nicht unterzugehen, und zweitens, dass auch Märchenprinzessinnen mit überholten Rollenbildern nichts anfangen können: Zum Heiraten sei sie vielleicht alt, aber „nicht blöd genug“, sagt Sarah, für all das, was sie mit ihrem Reich vorhabe, brauche sie nun wirklich keinen Mann, und lästig ist da nur ihr Vormund, der die Verordnungen für sie unterschreiben muss.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.