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Rücktritt von Sean Spicer : Ein großer Entertainer verlässt die Bühne

  • -Aktualisiert am

Bye Bye, „Spicey“: Melissa McCarthy in ihrer Paraderolle als Pressesprecher Sean Spicer. Bild: AP

Sean Spicer, der nun einstige Pressesprecher von Donald Trump, hat mit seinem Rücktritt die amerikanische Comedyszene erschüttert – obwohl er jedem seiner Parodisten regelmäßig die Schau stahl.

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          Was nun, Melissa McCarthy? Den schwersten Schlag mag der Rücktritt von Trumps Pressesprecher Sean Spicer der amerikanischen Late Night Comedy versetzt haben. Der Mann, der mit skurrilen Manövern, unverständlichen Sätzen und stets gesträubten Nackenhaaren Donald Trumps Politik vor den Medien rechtfertigte, war eine Goldgrube für Amerikas Komiker.

          Bei NBCs „Saturday Night Live“ sorgte Melissa McCarthys Spicer-Parodie mit gefletschten Zähnen für Einschaltquotenrekorde. Bei Stephen Colberts „Late Show“ auf CBS gehörte Spicer gewissermaßen zum Inventar. „Sean, ich habe so viele Fragen“, klagte Colbert bereits im Juni, als Spicer die Bühne zunehmend seiner zwischenzeitlichen Nachfolgerin Sarah Huckabee Sanders überließ. „Wenn Sie nicht mehr da sind, wer beantwortet die dann nicht?“ Sein Publikum skandierte fröhlich: „Sean, Sean, Sean“.

          Eine tragische Kultfigur

          Vom Washingtoner Pressecorps bedrängt, von seinem Chef verraten – Trump widersprach Spicer bisweilen binnen Stunden auf Twitter –, vom eigenen Gewissen derart geplagt, dass er kaum noch einen klaren Satz zustande brachte, wurde Sean Spicer innerhalb weniger Wochen nach Trumps Amtsantritt zu einer tragischen Kultfigur. Und nun, da er endlich das Handtuch geworfen hat, trauert die amerikanische Comedylandschaft einem ihrer liebsten Charaktere hinterher.

          Stephen Colbert twitterte: „Ich habe keine Worte. Und er hatte auch keine.“ Trevor Noah, der Nachfolger von Jon Stewart bei der „Daily Show“ auf Comedy Central, stellte ein „Best Of“-Video von Spicers Auftritten zu getragener Klaviermusik zusammen und ergänzte die Textzeile: „Ruhe in Frieden, Sean Spicer, als Pressesprecher des Weißen Hauses 2017–2017.“

          „Sean Spicer tritt zurück, ruiniert Saturday Night Live“, titelte das Magazin „GQ“. Seit Tina Feys Persiflage der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin war keine öffentliche Figur mehr so unübersehbar mit ihrer Parodie verbunden wie Sean Spicer mit „Spicey“. McCarthys Spicey, der in bloß vier Auftritten zu einer Legende wurde, bellte die Anwesenden an, noch ehe überhaupt einer zu Wort gekommen war, fuchtelte mit wilden Wortverdrehungen herum und fuhr mit einem mobilen Podium in die Reihen aus Journalisten. „Ich möchte mich heute entschuldigen!“, brüllte McCarthy als Spicer in einem Sketch, „Und zwar in Ihrem Namen! Bei mir! Dafür, wie Sie mich in den letzten zwei Wochen behandelt haben! Und die Entschuldigung wird nicht akzeptiert!“ McCarthys Emmy-Nominierung gilt in diesem Jahr schon jetzt als unschlagbar, und Presseberichten zufolge verweist sogar der neue Kommunikationschef des Weißen Hauses, Anthony Scaramucci, auf Spicer nur als „Melissa McCarthy“. Der Neue hatte denn auch gleich gedroht, jene Mitarbeiter des Weißen Hauses zu feuern, die Informationen an die Medien weitergeben. Wer dies tue, sei „unamerikanisch“. Scaramuccis Berufung war der Grund für Spicers Abgang.

          Konstant ausgestellte Ungehaltenheit

          Von McCarthy hatte sich Spicer bloß mäßig amüsiert gezeigt. „Manches war ja ganz lustig, aber vieles ging einfach zu weit“, sagte er gegenüber Fox News. „Das war nicht komisch, das war blöd oder albern oder bösartig.“ Natürlich hatte Spicer, der bis dahin in Washington ein respektierter Pressemann der republikanischen Partei war, im Januar sehenden Auges einen nahezu unmöglichen Job angetreten. Als Erklärer und Apologet eines bekanntermaßen unberechenbaren und politisch unerfahrenen Mannes würde er der amerikanischen Late Night Comedy wunderbare Vorlagen liefern. Doch er übertraf alle Erwartungen. In seiner konstant ausgestellten Ungehaltenheit wirkte Spicer wie einer, der seine Seele für einen vermeintlichen Washingtoner Traumjob verkauft hatte und dies nun mit einer Extraportion Ingrimm wettzumachen versuchte.

          Und das wider alle Vernunft. Legendär seine Behauptung, Donald Trumps Amtseinführung habe mehr Zuschauer angezogen als jede andere zuvor: „Punkt!“ Oder der Abend, an dem sich Spicer hinter einer Hecke des Weißen Hauses versteckte, um Reporterfragen zur Entlassung von FBI-Chef Comey zu entgehen. Oder der skurrile Moment, in dem er mit dem schmalen Papierstapel von Trumps Gesundheitsreform ihre Überlegenheit gegenüber dem ungleich dickeren Stapel von Obamacare zu demonstrieren versuchte. Man könne es nicht deutlicher machen. Dies (der dicke Stapel) sei Regierungskram, dies (der schmale Stapel) nicht. Obwohl klar war, dass Spicer eine ausufernde Bürokratie verdammen wollte, machte gerade sein ungeduldiger Nachdruck das wirre Gestammel zur komödiantischen Perle. Melissa McCarthys Spicey griff denn auch immer wieder zu einer Requisitenkiste, um der Journaille seine Null-Aussagen mit viel seltsamem Zubehör beizubiegen.

          Spicers Auftritte waren oft das, was die Amerikaner ein „Trainwreck“ nennen: eine Katastrophe, deren Faszination sich Amerikas Komiker nicht zu entziehen vermochten. Man konnte dem Pressesprecher geradezu ansehen, wie er seinen Chef im Nacken spürte und wie er sich nach Kräften mühte, den Trumpschen Duktus vom Pressepodium aus in die Welt zu tragen. Auch wenn ihm das fast körperliche Schmerzen zu bereiten schien. Prompt interpretierten manche einen Auftritt Spicers im März, als er seine Flaggen-Anstecknadel verkehrt herum am Revers trug – in militärischen Kreisen Symbol einer Notlage – als heimlichen Hilferuf des Fünfundvierzigjährigen. Jetzt hat Sean Spicer seinen Hut genommen, und zum Abschied twitterte Stephen Colbert: „Fakt ist, dass Sean Spicers Abschiedsparty so viele Gäste hatte wie keine andere. Punkt.“

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