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Sean Bean in Waterloo : Stunde des Patrioten

Ein Kriegsspiel für große Jungs: Sean Bean (Mitte) am Schauplatz der Schlacht von Waterloo. Bild: Matt Frost

Den Schauspieler Sean Bean kennen wir als heldenhaften Recken aus „Game of Thrones“. Der History Channel schickt ihn nun zum Schauplatz der Schlacht von Waterloo. Wie er sich da wohl schlägt?

          2 Min.

          Den Schauspieler Sean Bean kennt fast jeder als Vasallenfürsten Eddard Stark aus der Fernsehserie „Game of Thrones“ und tapferen Kämpfer in „Der Herr der Ringe“. Nur wenige haben ihn noch als Gegenspieler Caravaggios in Derek Jarmans Film von 1986 im Gedächtnis, sehr viele dafür als Schurken in „Goldeneye“ und „Patriot Games“ und als Odysseus in Petersens „Troja“. Im englischen Sprachraum dagegen ist Bean auch als Held der sechzehnteiligen Serie „Die Scharfschützen“ bekannt, die in einem weiten Bogen durch das Zeitalter der Napoleonischen Kriege führt, von Portugal über Spanien und Südfrankreich bis nach Waterloo.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mit einer Szene aus der Serie, die Bean in der Rolle des Oberstleutnants Sharpe zeigt, beginnt auch die zweiteilige Serie des History Channel zum Jahrestag der Schlacht. Wenn man Beans Funktion darin freundlich beschreiben wollte, müsste man ihn einen Amateurreporter nennen, der von einem Experten zum nächsten, einem Schauplatz zum anderen führt. Aber eigentlich ist er ein Schlachtenbummler, und so tritt er auch auf. „Ich möchte wissen, wie es war, dabei zu sein.“ In der Royal Armory in Leeds staunt er über die historischen Waffen: „So viele Flinten hier.“

          Vor dem Skelett eines niederländischen Soldaten, dessen Überreste vor drei Jahren ausgegraben wurden, wiegt Bean eine französische Musketenkugel in der Hand: „Erstaunlich. Das hat diesen Mann hier getötet.“ Ja, genau, denn es war Krieg, und wer warum gegen wen hier kämpfte und starb, hätte durchaus eine genauere Untersuchung verdient. Aber das wäre bloß eine weitere Geschichtslektion, und der History Channel ist – man lasse sich durch den Namen nicht täuschen – in erster Linie ein Unterhaltungskanal. Halten wir uns also an Mr. Bean.

          Die großen Jungen spielen Krieg

          „Waterloo“ ist ein Format, dessen Popularität auch bei uns wächst, obwohl das deutsche Fernsehen vermutlich noch davor zurückschrecken würde, Hape Kerkeling in Wehrmachtsuniform ins winterliche Wolgograd zu schicken. Es geht darum, das, was für uns unbegreiflich ist – hundertachtzigtausend Mann in knallbunten Uniformen knallen und stechen sich aus nächster Distanz auf sechs Quadratkilometern Bodenfläche nieder – „erfahrbar“, experimentell anschaulich zu machen. Deshalb darf Bean auf dem Royal-Armory-Schießstand eine „Brown Bess“, das Standardgewehr von Wellingtons Truppen, auf eine Zielscheibe abfeuern und im einstigen Feldhospital von Mont Saint-Jean, in dem heute Bier gebraut wird, einen künstlichen Oberschenkelknochen durchsägen. Eine Sechspfünder-Kanone der britischen Artillerie wird erst mit einer Eisenkugel und dann mit Kartätschen geladen und per Fernzündung abgefeuert, und die Spezialkamera hält jede Hundertstelsekunde des Schusses fest, den Pulverblitz, das austretende Geschoss, den Nachstrom heißer Luft. Ein Kavalleriedarsteller drischt mit Schwert und Säbel aus vollem Galopp auf einen Schweinekadaver ein, und Bean bestaunt den entstandenen Schaden: ein abgehacktes Ohr, eine gespaltene Haxe, schließlich – „das war der Todesstoß“ – der tiefe Stich in den Brustkorb. Chapeau.

          Es gibt auch weniger marktschreierische Momente in dieser Dokumentation, etwa die Besuche bei den Nachfahren der Überlebenden von Waterloo, deren Aufzeichnungen von Hunger, Durst und Todesangst berichten. Und manchmal ist Bean mit seinen Begleitern tatsächlich auf dem Schlachtfeld unterwegs, in den Senken, in denen der Boden so durchweicht war, dass die Stiefel der Soldaten darin steckenblieben, und auf den Hügeln, auf denen die Befehlshaber der Heere versuchten, sich durch den Pulverdampf einen Überblick über das Geschehen zu verschaffen. Aber dann müssen die großen Jungen vom History Channel doch wieder Krieg spielen. Ein Panzer rollt durch eine Dorfkulisse, Gestalten in Tarnuniformen klettern durch Mauerlöcher. „Das waren Leute wie du und ich“, sagt ein Offizier der Coldstream Guards über die Kämpfer von 1815. Geschichte erzählen heißt, Unterschiede auszumalen. Das Fernsehen aber macht uns alles gleich.

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