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Scorseses „Rolling Stones“-Film bei Arte : Immer noch ist alles möglich

Welch ein wunderbarer Blues von Muddy Waters: „Champagne & Reefer“, zelebriert von Buddy Guy und Keith Richards. Bild: Arte

Als Kunstwerk ist Martin Scorseses „Rolling Stones“-Film nicht weiter von Belang, und im Fernsehen war er auch schon mal zu sehen. Warum man „Shine a Light“ trotzdem sehen sollte.

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          Die wichtigste Frage, mit der sich die weltweite Rolling-Stones-Gemeinde seit Wochen immer dringender und drängender herumschlägt, lautet: Wird es im kommenden Jahr, wenn die dienstälteste Rock-Band des Universums ein halbes Jahrhundert besteht, aufs Neue einen gemeinsamen Auftritt, gar eine Jubiläums-Tournee geben?

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Gitarrist, Komponist und Überlebensgigant Keith Richards ist vorgestern achtundsechzig geworden und zusammen mit dem altersgleichen Sänger, Komponisten, Mundharmonikavirtuosen und Fitnesswunder Mick Jagger das einzige noch aktive Mitglied jener legendären Urformation, die am 12. Juli 1962 als Ersatz für Alexis Korners „Blues Incorporated“ die Bühne des Londoner Marquee Clubs betrat - mit von der Partie waren noch Brian Jones, Dick Taylor, Ian Stewart und Tony Chapman. Der Schlagzeuger Charlie Watts, vor kurzem siebzig geworden und mit Jagger/Richards in etwa legendenadäquat, kam Anfang 1963 zu den Stones, der mit vierundsechzig Lebens- und sechsunddreißig Bandjahren vergleichsweise junge Ron Wood vervollständigt die inzwischen klassische Besetzung.

          Aus der Dokumentation wurde ein Dokument

          Also, was werden sie tun im kommenden Jahr? „Es geht jetzt nicht mehr darum“, so Richards jüngst in einem Interview, „ob wir etwas machen, sondern nur, was genau wir machen werden.“ Das Sphinxhafte der Antwort ist Mick Jagger geschuldet, dem bisher außer einem „Alles ist möglich“ nichts zu entlocken war, vielleicht auch deshalb, weil er sein Kongenium Richards wegen einer despektierlichen Erotik-Anekdote in dessen Autobiografie „Life“ (2010) noch zappeln lässt.

          Alles ist gut, was das bange Warten zu verkürzen vermag. So sendet Arte heute den Konzertfilm „Shine a Light“ von 2008, der zwar mit Martin Scorsese einen weltberühmten Regisseur besitzt, als filmisches Kunstwerk aber nicht sonderlich von Belang ist (F.A.Z. vom 2. April 2008). Längst gibt es Scorseses dokumentarische Collage zweier Konzerte im New Yorker Beacon Theatre aus dem Herbst 2006 auch auf DVD, selbst im deutschen Fernsehen ist die Ausstrahlung keine Premiere, 3sat hatte vor zwei Jahren die Nase vorn. All dies aber ist belanglos, weil aus der Dokumentation mittlerweile ein Dokument wurde, das man gar nicht oft genug sehen und hören kann: Die Rolling Stones im 45. Jahr - und in musikalischer Bestform.

          Das liegt vor allem an Jagger, der bei den neunzehn Titeln der Songliste das Tempo gegenüber den jeweiligen Studioversionen entschieden dynamisiert, ohne je hektisch zu werden, der mit Ausnahme von „As Tears Go By“ deshalb auch alle langsamen Stücke aus dem Programm verbannt - und der sich mit dem jungen Amerikaner Jack White und dem weiland siebzigjährigen Bluesmusiker Buddy Guy zwei Gäste auf die Bühne holte, die zusammen mit den Stones sowohl „Loving Cup“ aus dem Jahrhundertalbum „Exile on Main Street“ als auch den Muddy-Waters-Song „Champagne & Reefer“ zu singulären, so noch nie gehörten Erlebnissen machen. Das titelgebende „Shine a Light“ stand im Beacon Theatre übrigens gar nicht auf der Songliste, Scorsese nutzt es als Konserve lediglich für den Abspann. Aber auch das soll uns keineswegs stören.

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