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Schweizer Tatort „Verfolgt“ : Das Land, in dem die Banken blühn

  • -Aktualisiert am

Hier, da, dort? Kommissar Reto Flückinger (S. Gubser, links), seine Kollegin Liz Ritschard (D. Mayer) und Mattmann (J.-P. Cornu) sind sich uneins. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Wer die schweizerisch-deutschen Beziehungen stört, kommt in die Psychiatrie. Das klingt spannend. Doch der Schweizer „Tatort“ sucht noch seine Form, das zeigt die Finanzkrimi-Episode „Verfolgt“ ganz deutlich.

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          Die Schweiz ist ein einfach wunderschönes Land. So sauber und aufgeräumt, ein Paradies für Ordnungsliebhaber. Ganz anders als Deutschland, meint der deutsche Staatssekretär Demand (Markus Scheumann). Diese Berge, diese Seen und vor allem diese Banken! Der Traum eines jeden Anlegers, der mehr als ein paar Millionen zur Verfügung hat und auf honoriges Erscheinungsbild und diskrete Abwicklung Wert legt.

          Für solche kommt die Privatbank von Wyl wie gerufen. Über die Einhaltung des Kodexes der Legalität wacht Markus Reichlin (Kenneth Huber), der „Compliance“-Manager, der an den CEO (früher: Geschäftsführer) Werner Sonderer (Pierre Siegenthaler) berichtet. Nach außen, auch zur Polizei hin, gibt man sich verschwiegen. Transnationales Steuerabkommen hin oder her. Ohne Zurückhaltung wäre es mit der Vornehmheit vorbei. Man spielt in einer anderen Liga. Irgendwas mit Ehre.

          Wer die Monstranz stiehlt, ist zum Abschuss freigegeben

          Die Bank kooperiert natürlich vollumfänglich auch mit deutschen Finanzbehörden, wenn es um Steuerhinterziehung geht. Klar. Andererseits muss man die Kunden schützen. Im Allerheiligsten des Finanzinstituts, in der IT, lagern deren Daten. CDs mit Kundenlisten, wie sie deutsche Steuerfahnder für Millionenbeträge in der Vergangenheit tatsächlich mehrfach angekauft haben, sind die Monstranz einer solchen Bank. Wer die Monstranz stiehlt, ist zum Abschuss freigegeben.

          Thomas Behrens (Alexander Beyer), so die Eröffnungsszenen, hetzt durch die Luzerner Innenstadt. Schaut sich, von der nervösen Handkamera (Bildgestaltung: Michael Saxer) und aufgeregt modernistischen Klängen (Musik: Fabian Römer) getrieben, um, wechselt Straßenseiten, versteckt sich und schlägt anscheinend grundlos in einem Hutladen einen Wartenden nieder. Alles nur eine Schau, um den Mord an seiner Geliebten zu vertuschen?

          So vielversprechend beginnen die Schweizer ihre neue „Tatort“-Saison. Nicht gerade herausragend waren die Schweizer „Tatorte“ bisher, was besonders im Gegensatz zu den Wienern auffällt, aber man bemüht sich redlich, das Niveau der Bücher zu heben, und arbeitet an der Qualität der Besetzung, die schon mal arg zu wünschen übrigließ. Ausgenommen davon ist mit Stefan Gubser in der Rolle des Ermittlers Reto Flückinger ein ausdrucksstarker Typ, der diesseits und jenseits der Grenze ankommt. Doch schon Delia Mayer als seine Kollegin Liz Ritschard wirkt vergleichsweise blass. Obgleich sie dieses Mal in Notwehr einen Angreifer niederschießt.

          Also ab in die Psychiatrie

          Vieles, das im Drehbuch von Martin Maurer interessant und gut ausgedacht erscheint; der ganze Ansatz der Geschichte um Bankgeheimnis, mögliche Steuerspionage, organisierte Kriminalität und als Zugabe ein möglicher Eifersuchtsmord wirkt in der großen Erzähllinie ansprechend, aber zu dezent oder zu lieblos ausgestaltet im dargestellten Detail. Inszenierung und Bildsprache überzeugen anfangs, verfransen sich aber zunehmend in Oberflächlichkeiten (Regie: Tobias Ineichen). Die anfängliche Beklemmung verpufft.

          Nachdem der Bank-IT-Spezialist Behrens, der sich als „Whistleblower“ bezeichnet, der aber womöglich lediglich ein Psychopath mit Hang zu Verschwörungstheorien ist, sich theatralisch vor ein Polizeiauto geworfen hat, zweifeln die Polizisten an seiner geistigen Gesundheit. Besonders Regierungsrat Mattmann (Jean-Pierre Cornu) möchte den Ball flach gehalten wissen. Ein wichtiges Treffen zwischen Hochfinanz und Politik steht an. Besser, Behrens bleibt ein Paranoiker und Geliebtenmörder; besser vor allem für die schweizerisch-deutschen Beziehungen. Also ab in die Psychiatrie. Von da an lässt „Verfolgt“ schwer nach.

          Wenn dieser „Tatort“-Krimi Schlaglichter auf das Bankengeschäft wirft, gelingen ihm einige entlarvende Szenen. Aber der eigentliche Krimiplot, in dem es um die Bedrohung von Behrens’ Ehefrau (Karina Plachetka) und den eifersüchtigen Ehemann der ermordeten Geliebten, Michael Straub (Georg Scharegg), geht, bleibt überraschungsarm. Man merkt das Bestreben der Schweizer, besser zu werden. Noch bleibt ihr „Tatort“ eine Baustelle. Immerhin eine mit wunderschönen Bergen, Seen und – Banken.

          Zur Tatortsicherung der Schweizer Folge. 

          Tatortsicherung

          Wie effizient ermittelt die Schweiz? Diese und andere Fragen zum Tatort beantworten Experten am Sonntag von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung. Parallel zur Ausstrahlung veröffentlichen wir die Fragen zum Miträtseln auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton und unter #Tatort.

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