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Krimiserie „Wilder“ bei 3sat : Showdown auf dem Dorf

  • -Aktualisiert am

Die Ermittlerin Rosa Wilder (Sarah Spale) am Tatort. Bild: ZDF und SRF/Pascal Mora

Drei Tote und jede Menge Fragen, auch an die Ermittlerin: Mit der Krimiserie „Wilder“ bietet das Schweizer Fernsehen internationaler Konkurrenz Paroli und erzählt eine paradigmatische Geschichte aus dem Berner Jura.

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          In Thallingen/Thallion, einer zweisprachigen Schweizer Gemeinde im Berner Jura, kennt jeder jeden. Die Zeit bewegt sich zäh, aber die Historie, das wird sich in den sechs Stunden der atmosphärisch dicht erzählten zweiten Staffel der Schweizer Krimireihe „Wilder“ in dramatischen Wendungen zeigen, sollte besser genauso bleiben wie der Fortschritt: draußen. Wenn es nach denen geht, die etwas zu verbergen haben, und das sind viele der Ortsansässigen.

          Die meisten der Männer arbeiten im Sägewerk der Mulligers. Seniorchef Charles Mulliger (Ueli Jäggi) regiert das Dorf, fürsorglich wie ein Patriarch. Man hat einen Ruf als moralische Instanz zu verlieren. Sein Vater erwarb sich mit der Unterstützung jüdischer Flüchtlinge Ansehen. Sophie Barth (Nikola Weisse), letzte Überlebende vor Ort, kann Zeugnis ablegen von der Großzügigkeit der Mulligers. In Tagebüchern hat sie Thallingens Geschichte festgehalten. Geschichte, die sie hütet wie eine Lebensversicherung. Mit den neuen Flüchtlingen aus dem Kosovo geht das Dorf weniger freundlich um. Die Pizzeria der Kabashis kämpft um Umsatz, seit migrationsfeindliche Verunglimpfungen der Familie Drogenhandel unterstellen. Drohungen sind für Enver Kabashi (Edon Rizvanolli), seine Frau Jeta (Elda Sorra) und die drei Kinder Alltag. Immerhin hat ihr jüngster Sohn auf dem Pferdehof von Georg (Stéphane Maeder), dem Mann der Dorfpolizistin Susann Walter (Manuela Biedermann), eine Stelle.

          Als am Morgen nach dem 150-Jahre-Jubiläumsfest des Mulliger-Betriebs drei mit Schüssen hingerichtete Tote gefunden werden, scheint der Fall für die Stammtischler des Dorfkneipenwirts Rolf Steiger (Christoph Gaugler) klar. Faton Berisha (Dardan Sartikaj) und Artan Kabashi (Mark Harvey Mühlemann), zwei der Ermordeten, sind mit Dealern aneinandergeraten. Nicht ins Bild passt die dritte Tote, Corinne Steiger (Olivia Lina Gasche), Tochter des Wirts und Altenpflegerin.

          Der Dorfpolizist Leo Mott (Caspar Käser) lässt Beweismittel verschwinden. Für Ermittlerin Rosa Wilder (Sarah Spale) wird der Einsatz kompliziert. Zumal ihr beruflicher Ex-Partner Manfred Kägi (Marcus Signer) mit seinem Neffen Simon (Gilles Marti) und seiner Schwester Laura (Doro Müggler) auf der Wache erscheint. Eingesperrt in den Kofferraum eines Autos am Tatort, hat Simon die Schüsse gehört und konnte fliehen. Was man als Zuschauer eingangs sah.

          Aber man hat nicht alles gesehen. Nach eher bedächtig entfaltetem Beginn zieht das Tempo der Ermittlung an. Wir sehen Rückblenden, die wiederum nicht die ganze Wahrheit zeigen. Aussagen, Einzelgeschichten und ganze Handlungsstränge schlagen dramatische Haken, wie die Drogengeschichte, die zur Zusammenarbeit Rosa Wilders mit dem französischen Fahnder Jamel Jaoui (Raphael Roger Levy) führt, oder Manfred Kägis Suspendierung. Das größte Verbrechen – neben dem weitere üble Taten ans Licht kommen – führt in die Vergangenheit. Es geht nicht zuletzt darum, was Verbrechen mit ganzen Familien macht, auch nach Generationen. Fast jeder hat mit jedem etwas zu tun. Mulligers Kinder Frank (Pascal Ulli) und Helen (Anna-Katharina Müller) intensiver, als ihnen lieb ist. Auch Rosa Wilders schwierige Familienbeziehungen spielen eine Rolle, nachdem ihr Vater Paul (Andreas Matti) am Ende der ersten Staffel (die noch in der 3sat-Mediathek ist) verhaftet worden war und nun aus dem Gefängnis zurückkehrt.

          Während 3sat die zweite Staffel von „Wilder“ zeigt, läuft im Schweizer Fernsehen SRF schon die letzte, die die Handlung zum Abschluss bringt. Den Zusammenhang aller Ereignisse braucht man als Zuschauer nicht unbedingt. „Wilder II“ wirkt für sich, auf klassische Krimiweise komplex. Die deutsche Synchronisation glättet manches, was sich im Original, in Berndeutsch, noch kantiger anhört. Immerhin sendet 3sat die französischsprachigen Dialoge in Originalsprache. Es braucht etwas, bis sich die Vorzüge der von Béla Batthyany und Alexander Szombath (Regie Pierre Monnard) ersonnenen Reihe offenlegen. Sie zeigen sich spätestens im Finale von „Wilder II“.

          Wilder II läuft mittwochs um 22.25 Uhr und in der 3sat-Mediathek.

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