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Schweizer Fernsehen : Ist das Satire oder Sexismus?

Weiß nicht, ob er das fragen darf: Michael Elsener als Frank-Walter Froschmeier beim Gespräch mit dem SVP-Nationalrat Claudio Zanetti Bild: Late Update / Youtube / Screenshot F.A.Z.

Der Schweizer Rundfunk lässt sich für eine Satire rügen, in der von einer „Miss Juso“ die Rede war, die „heiß“ sei. Der Obudsmann des Senders meint, das gehe nicht. Etwas anderes fällt ihm jedoch nicht auf.

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          Besonders witzig ist die Inszenierung nicht, aber sie gehört in jede Anthologie zum Thema „Kuhschweizer und Sauschwaben“: Ein deutscher „Starjournalist“ kommt in die Schweiz, um über die anstehende Parlamentswahl zu berichten. Er interviewt zwei Politiker: Christian Levrat, den Präsidenten der Sozialdemokratischen Partei, und Claudio Zanetti, einen etwas hemdsärmeligen Politiker der Schweizer Volkspartei SVP aus Zürich.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Offensichtlich hatten weder Levrat noch Zanetti je etwas von „Late Update“ gehört, der Satireshow des Schweizer Fernsehens, sonst wäre ihnen vielleicht etwas aufgefallen. Die Sendung ist noch nicht lange im Programm. Für sie führt der Kabarettist Michael Elsener absurde Interviews. Er gibt den bescheuerten deutschen „Starjournalisten“ Frank-Walter Froschmeier, dem Levrat und Zanetti Rede und Antwort standen.

          Beide taten so, als merkten sie nicht, wie ihnen da mitgespielt wurde. Manchmal etwas irritiert, aber stets freundlich und voller Geduld gaben sie auf noch so einfältige Fragen Antwort. Auch die Bemerkung, ob sie nicht bitte Deutsch sprechen könnten, brachte sie nicht aus der Ruhe. Alle noch so grotesken Provokationen schluckten sie weitgehend widerspruchslos. Nicht einmal der Name des „Starjournalisten“ hatte sie hellhörig gemacht: Frank-Walter Froschmeier.

          Die Sendung, die vor der Parlamentswahl vom vergangenen Sonntag ausgestrahlt wurde, hatte dann aber ein Nachspiel: Sie wurde vom Ombudsmann des Schweizer Rundfunks SRG gerügt – wegen „Sexismus“. Dem Parteipräsidenten Levrat nämlich hatte der vermeintliche „Starjournalist“ den Rücktritt nahegelegt, weil es da doch bei den Jungsozialisten eine „heiße“ Kandidatin für sein Amt gebe, eine „Miss Juso“.

          Auf diese Bemerkung hin meldete sich die Juso-Chefin Ronja Jansen umgehend zu Wort und erhob Beschwerde bei der SRG, wegen sexistischer Diskriminierung. Die Redaktion des Satiremagazins musste sich rechtfertigen. „Die Satire nutzt Kunstfiguren, um Verhaltensweisen zu karikieren“, erklärte sie mit großem Ernst. Um den bemühte sich auch der Kabarettist Elsener: Die Provokation sei erfolgt, um zu zeigen, wie Politiker mit sexistischen Äußerungen umgehen.

          Der Ombudsmann jedoch bestätigte die Beschwerde. Das Aussehen der Juso-Präsidentin sei „ironisiert“ worden. Alles, zitierte der Ombudsmann Tucholsky, dürfe die Satire. Das aber nicht.

          Doch zurück zu Froschmeier: „Die Figur ist ein deutscher Starreporter, der schlecht vorbereitet und mit miserablen Manieren seine Interviews führt“, erläutert das Schweizer Fernsehen. Klischee und Kunstfigur – mit Ironie, aber ohne Diskriminierung? Der Ombudsmann hilft weiter. Für „überbeansprucht“ hält er die „Kunstfigur-Theorie“, wenn sie suggeriere, es sei für „deutsche Journalisten typisch, dass sie sexistisch sind“. Aber: „Dass ein deutscher Journalist einen Romand für einen Franzosen hält, ist noch einigermaßen plausibel.“ Der Deutsche als ignorante, doofe Kunstfigur, den man gar nicht diskriminieren kann, geht also als „plausibel“ durch. Wenn das nicht heiße Satire ist..

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