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Schweighöfer-Serie bei Amazon : Die Leere nach dem Knall

Was aus „You Are wanted“ geworden wäre, wenn Schweighöfer nicht die kreative Kontrolle an sich gerissen hätte, darüber kann man naturgemäß nur spekulieren. Immerhin gibt es Indizien: Hackfort, Kropf und Konrad nämlich sind noch an einem anderen Großprojekt beteiligt, das zur Zeit für Furore sorgt. Sie haben auch die Neukölln-Gangster-Serie „4 Blocks“ geschrieben.

Was der Showrunner will

Ab Mai läuft sie beim Pay-TV-Sender TNT Serie – und wer mal sehen will, wie es aussieht, wenn Versprechen eingehalten werden, sollte sie sich anschauen. Auch bei „4 Blocks“ gab es Kämpfe um das Buch und dessen Umsetzung, aber zumindest eine gemeinsame Idee, wie das Ergebnis aussehen soll.

„You Are Wanted“ dagegen ist zu Schweighöfers One-Man-Show geworden. Was, einerseits, bedeutet, dass die Serie nun eine Hauptfigur hat, die chronisch von allen gemocht werden will. Und weshalb ihr, andererseits, fehlt, was bei so einer Serie nicht fehlen darf: Nebenfiguren mit eigenem Profil und Charaktere, die dem Star nicht nur als Sparringspartner dienen.

Dass es Schweighöfer als seine Aufgabe betrachtete, während der Dreharbeiten das Buch heftig umzuschreiben, damit brüstet er sich selbst ganz gerne. Die Sache mit dem Showrunner, die nervt die Autoren trotzdem ein bisschen.

Der „Showrunner“ ist eine Institution, die sich vor allem bei amerikanischen Serienproduktionen durchgesetzt hat: der kreative Kopf einer Serie, der sich das Konzept ausdenkt und sämtliche Bereiche der Produktion zusammenführt, von der Entwicklung bis zum Schnitt. Auf Schweighöfer trifft das insofern zu, als er mit seiner Firma Pantaleon tatsächlich auch als Produzent an der Serie mitwirkte und sich als Kopf und Gesicht der Serie versteht.

Dass er aber, was der wichtigste Job eines Showrunners ist, immer den Überblick über die Handlungsstränge und Zusammenhänge hatte, sieht man der Serie eher nicht an. In einem „Spiegel“-Porträt stand gerade, dass sich Schweighöfer vor ein paar Wochen 100 Bücher kommen ließ, die er im Leben gelesen haben musste

Wo ist der Überblick geblieben?

Dann fing er an zu lesen, mit Thomas Glavinic’ „Das Leben der Wünsche“. Er schaffte 35 Seiten. Vielleicht liegt darin das Geheimnis seines Erfolgs: Er tickt wie eine Generation, die viel Geduld aufbringen muss, um ein Youtube-Video zu Ende zu schauen. Konzentration für die verschachtelten Erzählstränge einer komplexen Serie ist offenbar nicht Schweighöfers Stärke.

Hackfort, Kropf und Konrad sind ihm trotzdem dankbar für die Türen, die ihnen die Zusammenarbeit mit ihm öffnete. In Zukunft aber wollen sie für mehr Mitspracherechte kämpfen. Sie wollen nicht mehr Sätze hören, wie sie bei deutschen Produzenten üblich sind: „Das ist ein tolles Buch. Jetzt bin ich mal gespannt, was der Regisseur daraus macht.“

Seit Jahren gilt das Vertrauen in die Arbeit der Autoren als offenes Geheimnis einer guten Fernsehserie. In Deutschland müssen sie sich diese Position noch immer erkämpfen. „Wenn man in einem Haus einen Stahlträger entfernen will“, zitiert Konrad einen amerikanischen Kollegen, „fragt man den Architekten, damit nicht das ganze Ding zusammenkracht. Wenn man in einer Serie etwas ändert, muss man den Autor fragen. Er ist der Architekt der Serie.“

Bei „You Are Wanted“ fehlt nicht nur der Stahlträger, es fehlen ganze Etagen. Dafür gibt es Treppen, die ins Nichts führen, und Wände, die spektakulär zusammenbrechen. Drinnen gibt es dafür jede Menge überflüssige Möbel und gebügelte Tischdecken. Wenn man so will, ist es am Ende doch eine typische Amazon-Serie: Man hat so etwas noch nie gesehen.

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