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„Schulz & Böhmermann“ bei ZDFneo : Kopfüber in den leeren Pool

  • -Aktualisiert am

Nach oben ist noch Platz: Olli Schulz und Jan Böhmermann haben erstmals Gäste in ihrer Talk-Show bei ZDFneo. Bild: ZDF und Ben Knabe

Die Talk-Sendung „Schulz & Böhmermann“, der Nachfolger des Roche-Böhmermann-Formats, wirkt leider arg berufsjugendlich. Die erste Ausgabe kommt an die eigene Vorlage nicht heran.

          Eine Stunde kann ziemlich lang sein, und das ist kein gutes Zeichen. Dass eine auf die übliche Proporz-Höflichkeit und auf langweilige Umgangsformen verzichtende Gesprächssendung mit den Gästen steht und fällt, weiß niemand so gut wie der seit Harald Schmidts Abtritt schlagfertigste Moderator im deutschen Fernsehen, Pfiffikus Jan Böhmermann. Und er weiß das nicht nur aus seinen „Neo Magazinen“, sondern eben gerade auch aus dem nun wiederbelebten, im Jahre 2012 zu Recht Furore machenden Format „Roche & Böhmermann“. In den besten Folgen der leider nach zwei Staffeln abgesetzten Talksendung entstand so etwas wie Unmittelbarkeit, irrlichternde Authentizität, das Richtige im Falschen.

          Das dramaturgisch und hinsichtlich der minimalistischen Optik kaum veränderte Remake der Quasselrunde, in der unter markantem Leuchtgebilde (eine Art Heiligenschein) geraucht und Alkohol getrunken wird, sollte wohl wenigstens dasselbe Maß an Pixi-Format-Anarchie ins telegene Dauergelaber einspeisen. Doch leider liefern Jan Böhmermann und der als Musiker wunderbare, zuletzt vielleicht allzu selbstverjüngte Olli Schulz – der doch immer schon da war, als all die komischen Fernsehnasen noch die Schulbank drückten – eine erste Sendung ab, die kaum zu unterscheiden ist von all den anderen flott-hippen Talkrunden. Schuld sind: die Gäste.

          Mucki-Dialoge und prätentiöse Schrägheit

          Einzig Rapper Kollegah spielt ein wenig mit, wirft den übrigen Anwesenden einige gewitzte Fragen an den Kopf, das aber wiederum eine breite Spur zu selbstgefällig: ein Werbeauftritt für seine Kunstfigur eben, ohne wirklich über diesen Spagat reden zu wollen. Stattdessen gibt es dumpfe Mucki-Dialoge, wenn sich Kollegah – immer in der Rolle bleibend – gegenüber seinem Fan Olli Schulz damit brüstet, anderen zu sagen „Ich werde heute Nacht noch deine Tochter zum Deep Throat nötigen“. Da lacht der Herrenabend. Es fehlt überhaupt eine charmante Gegenstimme zu Böhmermanns Sarkasmus, wie Charlotte Roche das selbstbewusst zu verkörpern wusste. Auch Roche war spöttisch, aber auf flirtende Weise. Ja, vielleicht fehlt einfach: Erotik. Mit diesem Zweiten, Olli Schulz, ist in solcher Hinsicht wenig zu holen (und da ist der Schnauzbart noch gar nicht eingerechnet). Vielleicht kennen sich die beiden Moderatoren auch längst zu gut. Sie bestreiten seit drei Jahren die Radiosendung „Sanft und Sorgfältig“ miteinander.

          Los geht „Schulz & Böhmermann“ mit typischem, inzwischen leicht nervigem ZDFneo-Pomp. Prätentiös liegt da Schriftstellerin und Schrägheitsikone Sybille Berg mit Sonnenbrille im Liegestuhl, während neben ihr ein leerer Pool geschrubbt und im Hintergrund nackte Männerhaut ausgestellt wird. Das ist das Gegenteil von Erotik. Aus dem Off legt sich Bergs launig-pelzige Stimme über die Szene, nennt die Gäste der Sendung. Drei traumatisierte Männer seien es: Jörg Kachelmann, der ehemalige „Liebling einer millionenfachen Fernsehgemeinschaft“, der „auf der Schlachtbank der kollektiven Gehässigkeit entbeint“ worden sei, der Hochstapler Gert Postel, am „Scheißsystem“ gescheitert, das von Medizinern ein Studium verlange, und zudem Rapper Kollegah, der als junger Mann einfach „irgendwas“ gewollt habe. Das Korrektiv in dieser Runde bilde Anika Decker, „die Frau, die Til Schweiger berühmt gemacht hat“. Auch die später eingespielten längeren Einzelvorstellungen der Gäste haben nicht viel mehr Esprit. Da war der irrsinnige Nachrichtensprecher aus „Roche & Böhmermann“, William Cohns Paraderolle, doch eine andere Nummer, gerade auch in Sachen Flair. Wer dermaßen zum Vergleich einlädt, muss ihn aushalten.

          Gespräche an der Oberfläche

          Die Moderatoren wirken kaum vorbereitet oder einfach desinteressiert an ihren Gästen. Und doch sind es deren Biographien, um die sich alles dreht. „Ich kann diese Jura-Geschichte nicht mehr hören“, klagt der Rapper, der in jedem zweiten Interview nach seinem unabgeschlossenen Jurastudium gefragt werde. So schleppt sich das Gespräch dahin, bleibt stets an der Oberfläche, die im Falle des in den neunziger Jahren als falscher Psychiater tätigen Postels so sattsam bekannt ist wie im Falle des Wetterfroschs Kachelmann, der sich erfolgreich gegen Vergewaltigungsvorwürfe zur Wehr gesetzt hat.

          Postel gehen Schulz wie Böhmermann sehr hart an („Was glauben Sie, was mit Ihnen nicht stimmt?“), weshalb es kaum verwundert, dass der sich nicht öffnet, sondern ein ums andere Mal Versatzstücke der eigenen, längst in Büchern, Filmen und Interviews ausgeschmückten Legende zum Besten gibt: „Ich war Hochstapler unter Hochstaplern“. Die Moderatoren beharren indes auf ihrer Etikettierung „echter Gangster“, was dieser – nicht ganz zu Unrecht – „vollkommen langweilig und zum Gähnen“ findet. Böhmermanns Antwort „Aber ich ja nicht“ wirkt schlagfertiger, als sie ist.

          Neues über Til Schweiger

          Kachelmann wiederum scheint nur in die Sendung gekommen zu sein, um seinem gesteigerten Rechtfertigungs- und Anklagebedürfnis Genüge zu tun, und so hören wir wieder und wieder, welch schreckliches Unrecht ihm widerfahren sei („die Verbrecherin sitzt draußen und lacht“) und wer dafür noch zu büßen habe: „die Staatsanwaltschaft, die Frau und letztendlich Springer“. Dem ist mit Stand-up-Humor aus der Comedybranche nicht beizukommen.

          Schließlich scheinen sich die beiden Gastgeber zu erinnern, dass ja eine weitere Person in ihrer Runde sitzt, aber noch gar nicht zu Wort gekommen ist. Nun darf die Drehbuchautorin Anika Decker einige Sätze sagen, die aber in ihrer öden Nichtigkeit („Ich bin grundsätzlich so ein bisschen die Gag-Tante“) nur unterstreichen, dass es gar nicht schlecht war, sie bislang zu übergehen. Immerhin weiß man jetzt, dass Til Schweiger höchstselbst ein paar Zeilen des „Keinohrhase“-Drehbuchs getippt hat, auch wenn er nicht immer die richtigen Tasten traf: „Er meint‘s ja nicht böse.“ Wenn etwas noch dröger ist als Wetter-Gespräche, dann Til-Schweiger-Gespräche.

          Böhmermanns Feuerschnauze

          Dass eine solche Sendung scheitern kann, räumt Jan Böhmermann zu Beginn selbst ein (und gibt am Ende zu, es sei noch Luft nach oben), allerdings meint er wohl ein grandioses, glanzvolles Scheitern: Tränen, Anbrüllen, Weglaufen, betrunken Umkippen, alles eben außer dem schlimmstmöglichen Scheitern, der trägen Routine. Und obwohl es die erste Sendung ist, fühlt sich schon viel nach Routine an, das Zuspielen der Bälle zwischen den Gastgebern, das Abklappern der boulevardmäßigsten Themen, das Gedöns mit den Jokerkarten: Eine Minute wird herausgeschnitten, wenn es kein Veto gibt (auch das schon so ähnlich, aber lustiger bei „Roche & Böhmermann“).

          Natürlich finden sich auch kurze lustige Momente, für die meist Böhmermanns Feuerschnauze verantwortlich ist. Das Ankumpeln der Gäste wiederum, dem alles Echte abgeht, wirkt aufgesetzt und trägt hier einen guten Teil zum Eindruck des Berufsjugendlichen bei. Vielleicht macht die Sendung mit anderen Gästen noch einen Sprung heraus aus der faden Witzelei, wird frischer. Es wäre ihr zu wünschen. Ob sie dabei je die Reiseflughöhe des Vorgängers erreichen wird, ist mehr als ungewiss. Die erste Ausgabe jedenfalls gleicht einem mit viel Anlauf vollführten Zappelsprung vom Zehnmeterbrett in den leeren Pool.

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