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Tilman Spengler zum 70. : Chinas Hirn

Sinologe und Politikwissenschaftler mit einem Standbein in den Naturwissenschaften: Tilman Spengler. Bild: dpa

Wenn es um China geht, dann fragt man ihn: Der Schriftsteller Tilman Spengler liefert Expertise jenseits des Tunnelblicks.

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          Wann immer man in Deutschland findet, dass in China etwas Wichtiges passiert, wird Tilman Spengler gefragt. Medien tun das, und Politiker wie Gerhard Schröder oder Frank-Walter Steinmeier taten das auch. Das ist natürlich so, weil Spengler sich auskennt – aber wohl auch, weil er gerade nicht der Typ „China-Experte“ ist, der seine Autorität aus einem Tunnelblick auf das Land und dessen augenblicklich als aktuell empfundenen Themen abzuleiten versucht. Gerade die Weitgespanntheit seines Naturells und seiner Belesenheit befähigt diesen Universal-Literaten dazu, über China so zu sprechen, dass es einem bei aller Fremdheit als Teil der eigenen Welt erscheint und nicht als irgendein exotisches Objekt.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nicht von ungefähr hatte Spenglers erfolgreichstes Buch gar nichts mit China zu tun. 1991 erzählte sein Roman „Lenins Hirn“ die wahre Geschichte des Berliner Neurologen Oskar Vogt, der Lenins Hirn 1925 im Moskauer Auftrag in dreißigtausend Sektionen zerlegte, um dessen Genialität und welthistorische Bedeutung empirisch-wissenschaftlich zu beweisen. Während also gerade die Sowjetunion untergeht, stellt Spengler da den Materialismus des Zeitalters, eine letztlich abstrakte Idee, mit allen Mitteln des Aberwitzes wieder auf die Füße der Literatur, also des Lebens.

          Vieles, was diesen Schriftsteller ausmacht, schießt da zusammen: die Leichtigkeit des Tons, der sich so sehr vom dräuenden Sound seines Großonkels Oswald abhebt, und eine Ironie, die so sanft und unaufgeregt daherkommt, dass sie manchmal die Schärfe der Analyse übersehen lässt, auf der sie beruht. Und auch sein Interesse an der Naturwissenschaft: Nach dem Studium der Sinologie und der Politikwissenschaft arbeitete Spengler mehrere Jahre am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt; später gab er Aufsätze des großen Sinologen Joseph Needham „über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft“ heraus. Als eine seiner beglückenden Erfahrungen in China hat er einmal die Fähigkeit der Leute dort bezeichnet, sich Begriffe wie Bälle zuzuwerfen.

          Literarische Biographien schrieb er auch über den am Pekinger Kaiserhof tätigen Jesuiten-Maler Giuseppe Castiglione („Der Maler von Peking“, 1993) und über seinen langjährigen Freund Jörg Immendorf („Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben“, 2015). Von 1980 bis 2008 gab er das „Kursbuch“ mit heraus. Heute feiert Tilman Spengler seinen siebzigsten Geburtstag.

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