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Medienberichte zu Berlin : Schneller als die Polizei erlaubt

Fahndungsfotos von Anis Amri an der Tür der Weihnachtsmarktwache in Frankfurt am Main Bild: dpa

Viel zu früh haben viele Medien über die Fahndung nach Anis Amri berichtet. Bei den Behörden soll das Entsetzen groß gewesen sein. Wie konnte das passieren?

          Das ist schon ziemlich bitter: Zwei Stunden nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin am vergangenen Montagabend twittert der Pegida-Gründer Lutz Bachmann, die Polizei suche nach einem aus Tunesien stammenden Islamisten. Da ist in den Medien gerade erst von den Opfern des Anschlags und einem verdächtigen pakistanischen Flüchtling die Rede – von dem sich am nächsten Tag herausstellt, dass er nicht der gesuchte Attentäter ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Fernsehen reden Moderatoren, Reporter, Experten und Politiker noch einige Stunden lang davon, dass es sich auch um einen tragischen Unfall handeln könnte – was angesichts der unsicheren Informationslage verständlich ist, wogegen allerdings von Beginn an jeder Anschein spricht. Es wird die falsche Parole ausgegeben, Berlin sei „sicher“. Noch am Tag danach treten in Talkshows Politiker von Grünen und der CDU auf, die zu Besonnenheit raten und Betroffenheit demonstrieren, aber nicht über Konsequenzen für die Sicherheits- und die Flüchtlingspolitik nachdenken wollen. Die rot-rot-grüne Landeskoalition in Berlin wehrt sich dagegen, die Videoüberwachung öffentlicher Plätze in der Hauptstadt auszuweiten, die Polizei bittet die Bürger, ihr etwaige Aufnahmen vom Tatort zu schicken.

          Am Mittwoch dann vollzieht sich, wie die Tageszeitung „Welt“ nachzeichnet, eine radikale Wende: Um 10.17 Uhr twittert die „Allgemeine Zeitung“ aus Mainz, die Polizei fahnde „bundesweit, aber nicht öffentlich nach einem aus Tunesien stammenden Tatverdächtigen“. Um 10.38 Uhr twittert der ARD-Terrorexperte Holger Schmidt in gleicher Sache, die Polizei suche „im Zusammenhang mit dem Anschlag am Breitscheidplatz eine konkrete Person. Es ist ein Tunesier, Jahrgang 1995.“

          Jetzt weiß er, dass man nach ihm sucht

          Nun ziehen zahlreiche Online-Medien mit ähnlichen Informationen nach. Bei den Sicherheitsbehörden herrscht, wie die „Welt“ schreibt und auch nach dem Kenntnisstand dieser Zeitung, Verzweiflung darüber, dass Informationen über den Gesuchten durchgesickert und öffentlich geworden sind – weil Anis Amri, dessen Name nun heraus ist, spätestens jetzt weiß, dass die Polizei konkret nach ihm sucht. In welche Nöte das die Ermittler bringt, zeigen die Fernsehnachrichten: Vor einer Flüchtlingsunterkunft im nordrhein-westfälischen Kleve, in welcher der Tatverdächtige gemeldet war, warten Journalisten und Kamerateams, die Polizei aber taucht erst viel später auf – der entsprechende Durchsuchungsbeschluss war nämlich vom Gericht noch nicht ausgestellt.

          Den pannenbehafteten Hergang der Fahndung schildert der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) in einer hochnotpeinlichen Pressekonferenz, durch die allerdings vor allem offenbar wird, dass es sich bei Anis Amri um einen „Gefährder“ handelt, den die Polizei lange im Blick hatte, dann aber aus den Augen verlor, zudem hätte er längst abgeschoben werden sollen, die dafür notwendigen Papiere aus Tunesien seien aber erst nun – zwei Tage nach dem Anschlag in Berlin – eingetroffen. Den Vorgang wolle er nicht weiter kommentieren, sagte Jäger.

          Um Kommentare indes hat die „Welt“ den Chefredakteur der „Allgemeinen Zeitung“, Friedrich Roeingh, und den ARD-Journalisten Schmidt gebeten. Der gibt an, mit dem Hinweis der „Allgemeinen Zeitung“ sei die Geschichte in Umlauf gewesen und habe sich nicht mehr stoppen lassen. Der Chefredakteur Roeingh wird mit der Einlassung zitiert, man habe „nur veröffentlicht und damit losgetreten, dass nach einer Person gesucht wird“. Man habe weder Nachnamen noch Fahndungsfoto gebracht, von einer Bitte, nichts zu veröffentlichen, sei nichts bekannt gewesen. Inwiefern die Berichterstattung die Fahndung gefährdet, ist schwer zu beurteilen, fest steht: Die Medien sind schneller als die Polizei. Erst nachdem die Nachricht die Runde gemacht hat, schreibt der Generalbundesanwalt Anis Amri öffentlich zur Fahndung aus, die Belohnung für Hinweise zu seiner Ergreifung wird auf hunderttausend Euro gesetzt.

          Wer ist dafür verantwortlich?

          Hat der Pegidist Bachmann mit seinem Twitter-Eintrag am Montagabend nur geraten? Oder stimmt, was er für sich in Anspruch nimmt? Er verfüge über eine „interne Info aus der Berliner Polizeiführung“. Das bestreitet die Polizei mit dem Hinweis, man habe erst am Dienstagnachmittag im Führerhaus des zur Waffe umfunktionierten Lastwagens Hinweise auf einen tunesischen Tatverdächtigen gefunden.

          In den Fernsehnachrichten am Mittwochabend werden nun auch bei ARD und ZDF Fragen gestellt, die bei anderen schon früher aufschienen: Was läuft da schief? Wer ist dafür verantwortlich? Hinzufügen dürfen wir an dieser Stelle die Frage nach dem Beitrag von Journalisten zur Lage nach dem Terroranschlag in Berlin.

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