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Schmidt & Pocher : Um uns herum gibt es ja sonst nix

Erfolg durch Penetranz: Oliver Pocher auf Schmidts Sofa Bild: obs

In der nächsten Woche beginnt die neue Sendung von Harald Schmidt - und der Entertainer denkt schon ans Aufhören. Wie hat Oliver Pocher es bloß geschafft, von seinem Idol zum Nachfolger erkoren zu werden? Und warum dürfen wir Manuel Andrack nicht mehr sehen? Von Jörg Thomann.

          Sie haben ihm schon viel verzeihen müssen, die treuen Anhänger des Entertainers Harald Schmidt: schwache Sendungen über Wochen hinweg, das offen zur Schau gestellte Missbehagen an seinem Job, die kaum verhohlene Verachtung des Publikums, die Verbrüderung mit biederen Fernsehfiguren wie Waldemar Hartmann, die früher natürliche Opfer seiner Spottlust gewesen wären. Noch nie aber hat die Schmidteria so einen schweren Brocken schlucken müssen wie diesen jungen Mann von eigentlich recht zarter Statur: Oliver Pocher.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Wesen des Schmidt-Fans gehörte es stets, sich standesbewusst abzugrenzen vom Humor der niederen Knallchargen der Fernseh-Comedy, zu denen auch Pocher zählte. Und nun hat Schmidt selbst die imaginäre Mauer eingerissen. Er hat den neunundzwanzig Jahre jungen Pocher als gleichberechtigten Partner verpflichtet, wird mit ihm vom 25. Oktober an die wöchentliche ARD-Sendung „Schmidt & Pocher“ bestreiten und hat bereits angekündigt, dass, wenn es nach ihm ginge, Pocher in zwei Jahren gern allein weitermachen dürfe.

          „Was ganz Doofes, ganz Blondes“

          So ist das eben, wenn ein Mann zum nationalen King of Comedy erklärt wird: Er betrachtet sein Revier als Erbhof und entscheidet absolutistisch, wem er die Krone weiterreichen möchte. Schmidts Hofstaat ist entsetzt: Majestät beleidigt sich selbst. Und tatsächlich ist es auf den ersten Blick die klassische Mesalliance: Bildungsfernsehbürger und Medienproletarier, Praeceptor Germaniae und Lümmel von der letzten Bank. Elke Heidenreich erklärt sich das Ganze beziehungspsychologisch: Wie so mancher ältere Herr habe sich Schmidt „plötzlich noch mal was zwanzig Jahre Jüngeres, was ganz Doofes, was ganz Blondes“ zugelegt, analysiert sie und hofft, dass die Phase rasch vorübergeht.

          Fahr schon mal die Pointe vor: Showgröße Schmidt lässt jetzt witzeln

          Vermutlich täuscht sie sich. Einen Pocher wird man so schnell nicht mehr los. Ende der Neunziger war er auf dem Bildschirm aufgetaucht und ging nicht mehr weg. Erfolg durch Penetranz: Von Anfang an merkte man diesem zappelnden Burschen an, dass er hoch hinauswollte, egal wie tief er dafür sinken musste. Viermal bewarb sich Pocher vergeblich als Moderator bei Viva. 1998 trat er bei der Trash-Talkerin Bärbel Schäfer in der Folge „Du bist nicht witzig!“ auf und wurde ausgebuht, im selben Jahr verdingte er sich als Publikumseinpeitscher bei Schäfers Kollegin Birte Karalus. Fast folgerichtig ebnete ihm ein Jahr darauf eine weitere Talkshow den Weg zu seinem Traumjob: Die Hans-Meiser-Sendung „Hans macht dich zum Viva-Star“ verhalf ihm zur einwöchigen Gastmoderation beim Musiksender, eine eigene Sendung folgte. Nationale Bekanntheit sicherten ihm später seine Reklamefilme für den „Media Markt“.

          Anders als Schmidt, der die Stuttgarter Schauspielschule besuchte und sich nun, vom Fernsehen gelangweilt, seiner Wurzeln besinnt, zählte für Pocher nur das Fernsehen. Klassenkasper und Streber in einer Person, saugte er Sprache und Gesten von Fernsehkomikern wie Otto Waalkes, Dieter Hallervorden und Harald Schmidt auf, um sie im heimischen Wohnzimmer nachzuspielen; und manchmal, etwa wenn ihm auf der Showbühne ein kehliges Otto-“Jaaah“ entweicht, scheint es so, als tue er das noch heute.

          Hat Pocher die „falsche Religion“?

          Nur, dass inzwischen nicht nur Familie Pocher, sondern, wie in Frankfurt zum Abschluss seiner Solo-Tour, 1200 Leute zuschauen. Pocher ist längst, was Harald Schmidt nie werden wollte (und auch konnte): ein Mann der Massen. „Aus dem Leben eines B-Promis“ heißt das Programm und dreht sich bezeichnenderweise ausschließlich ums Fernsehen. Es geht um die Heidi-Zeichentrickserie, die Augsburger Puppenkiste, „GZSZ“, „DSDS“ und „Nur die Liebe zählt“. Pochers Zuschauer sind jung, sie grölen, pfeifen und johlen und zeigen, dass sie Pocher als einen der Ihren betrachten. Schließlich ist er ihnen nur ein kleines bisschen voraus, ist einen Tick schlagfertiger und dreister und spricht das aus, was viele nur zu denken wagen. In manchen Momenten scheint es, als könne es Pocher selbst nicht fassen, dass gerade er dort oben steht. Man merkt ihm manchmal an, welche Überwindung es ihn kostet, Grenzen zu überschreiten.

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