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Morddrohung nach AfD-Satire : Der Vernichtungsreflex

  • -Aktualisiert am

„Wer hat noch nicht? Wer will nochmal? Jeder kann hier Mitglied werden“: Szene aus dem Satire-Video „Volksfest in Sachsen“. Bild: Funk/Bohemian Browser Ballett/Screenshot F.A.Z.

Wegen eines Satirevideos bekommt Schlecky Silberstein, der Kopf des „Bohemian Browser Ballett“, Hausbesuch von der AfD. Und eine Morddrohung. Die Partei zeigt, was wirklich in ihr steckt.

          In den vergangenen Tagen hat die AfD abermals zweierlei unter Beweis gestellt: Zum einen ist sie überfordert von Ironie, Spott und Kritik, zum anderen scheint sie nicht verstanden zu haben, dass in Deutschland Kunst- und Pressefreiheit herrscht. Stein des Anstoßes war ein Video, welches der Satiriker Schlecky Silberstein für das Online-Format „Bohemian Browser Ballett“ des öffentlich-rechtlichen Medienangebots „Funk“ gedreht hat. Geplant war laut Silberstein, der eigentlich Christian Brandes heißt, eine „Parodie auf den Wahnsinn in Chemnitz“. Der humoristische Rundumschlag sollte alle treffen, die vom Tod eines jungen Mannes profitieren wollten.

          Das Video löst diesen Anspruch ein. Da ist ein Junge zu sehen, Bierdose in der Hand, der zwischen marzahnhaften Wohnblöcken die Straße herunterschreit: „Deutscher von Ausländern abgestochen“. Freudig erregt („Es geht wieder los!“) sammeln sich Fahnenschwenker und starten einen Protestmarsch. Losung des Tages: „Wir sind das Volk“. Auch ein Polizist skandiert, bevor er lustlos ins Megaphon spricht: „Wir haben die Täter. Ein vorbestrafter Iraker und ein Syrer haben den unschuldigen deutschen Mann abgeschlachtet wie ein Schwein.“ Eine Reporterin wird umgerempelt, ein Glatzkopf in Bomberjacke muss von seinem Frauchen an der Leine gehalten werden, als er knurrend einem Schwarzen nachstellt, die AfD wirbt um Mitglieder, zwei Frauen in #Wirsindmehr-Shirts verteilen Flyer und versprechen Freigetränke für alle, die beim großen Konzert erscheinen, ein Reporter der „Bild“ spricht von schmarotzenden Asylbetrügern.

          Jedem hätte klar sein müssen, dass es Satire ist

          Beim „Bohemian Browser Ballett“ geht es nicht zwangsläufig politisch zu. Zuweilen wird es zotig, was etwa ein Sketch über Badehosenträger am FKK-Strand illustriert. Dann wieder fabrizieren die Macher fast meditative Clips wie denjenigen für Wespenhasser, in dem die Insekten ausgeräuchert, von Ameisen verschleppt oder von Spinnen unschädlich gemacht werden. Das Video, welches die Chemnitzer Zustände parodiert, ist dagegen eine aufwendige Produktion. Brandes und seine Kollegen haben es am 7. September im Berliner Stadtteil Lichtenberg gedreht. Schon nach kurzer Zeit, so Brandes in einem Blogeintrag, hätten sich Anwohner am nachgestellten AfD-Infostand eingefunden und den Verdacht geäußert, das Produktionsteam organisiere eine gefakte Nazi-Demonstration. Daraufhin habe man geduldig das Set und die Story erklärt. Trotzdem postete die Berliner AfD wenig später auf ihrer Facebook-Seite ein Video, das Teile der Dreharbeiten dokumentiert. Dazu heißt es, man sei „entsetzt über den Versuch, Fakevideos an einem falschen Parteistand zu drehen“, man fühle sich verleumdet und sehe in den „widerlichen ‚Jagdszenen‘“ den „Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat“ erfüllt. Die Ironie: Jedem hätte klar sein müssen, dass es sich um Satire handelt, da das Filmteam Brandes zufolge das Set mit entsprechenden Hinweisen versehen hatte.

          Karsten Woldeit von der AfD Lichtenberg sagt in dem Facebook-Clip: „Es ist unfassbar, zu welchen Mitteln mittlerweile gegriffen wird, um die AfD zu diskreditieren.“ Dirk Spaniel, Landesgruppensprecher der AfD Baden-Württemberg, sekundiert: „Offensichtlich gibt es ja gar kein echtes Videomaterial über die AfD, dass man das hier so fälschen muss, und auch so plump fälschen muss. Und das zeigt eigentlich nur, dass der politische Gegner mit seinen Argumenten gegen die AfD offensichtlich völlig am Ende ist – und es keine negativen Argumente gegen die AfD mehr gibt.“

          Morddrohung aus dem Antisemitismus-Baukasten

          Brandes erklärt, er habe die Reaktionen der AfD zunächst mit Humor genommen. Der Spaß sei jedoch vorbei gewesen, als Fotos von Mitgliedern seiner Produktionsfirma im Netz auftauchten und dazu aufgerufen wurde, deren Namen und Adressen ausfindig zu machen. Die nächste Eskalationsstufe war erreicht, als der AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel mit einem Kameramann vor der Haustür von Brandes’ Firmenpartner erschien. Dessen vermeintlich jüdisch klingender Name ist auf dem abgefilmten und von der AfD online verbreiteten Video gut zu lesen. „Und spätestens wenn Juden im Spiel sind“, schreibt Brandes, „greift bei Teilen der AfD-Klientel der alte Vernichtungs-Reflex. Die Morddrohung aus dem Antisemitismus-Baukasten ging am 16. September ein“.

          Georg Pazderski, stellvertretender AfD-Bundessprecher, verteidigt Hansels Vorstoß in einer Pressemitteilung: „Die peinliche Opferhaltung der Unternehmensleitung“ sei eine „reine Schutzbehauptung, um von den eigenen Dirty Campaigning-Methoden abzulenken.“ Es sei lächerlich, dass eine „laut Handelsregister auf die Produktion von Videos spezialisierte Firma darüber jammert, jemand habe mit einer Kamera in der Hand an ihrer Tür geklingelt und ein Gespräch angeboten“. Der Clip sei ein „von der Rundfunk-Zwangsabgabe finanziertes Hetz-Video“, die AfD solle mit „allen erdenklichen Methoden mundtot gemacht werden“.

          Federführend zeichnet der SWR für das Medienangebot von „Funk“ verantwortlich. Der SWR-Kultur-Programmdirektor Gerold Hug zeigt sich besorgt und sagt: „Die Freiheit der Kunst, der Presse und der Meinungsäußerung sind für den SWR nicht verhandelbare hohe Güter.“ So sieht es auch Brandes, der in seinem Blog vor zu viel Gutgläubigkeit warnt. Die Methoden der AfD sollten niemanden überraschen, schließlich „gehören gerade Attacken auf Künstler und Journalisten zum kleinen Einmaleins der Autokratie“. Zuvor gelte es allerdings, die Medien zu diffamieren. In einer Art Appell an seine Leser schildert Brandes die Folgen einer autokratischen Regierung. Ja, so das Fazit, Migration schaffe Probleme, ja, der Wunsch nach konservativen Parteien sei nachvollziehbar, und dennoch stehe eines grundsätzlich außer Frage: „Wer Künstler und Journalisten bedroht und in den eigenen Kommentarspalten toleriert, dass Medienschaffende und ihre Familien dem Mob präsentiert werden, der kann keine Alternative sein.“

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